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Medien & TV Kleine Sportverbände kritisieren Programmpolitik von ARD und ZDF
Nachrichten Medien & TV Kleine Sportverbände kritisieren Programmpolitik von ARD und ZDF
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19:00 22.02.2011
Randsportarten kämpfen gegen die televisuelle Übermacht des Fußballs: Volleyballer fürchten um ihre Popularität.
Randsportarten kämpfen gegen die televisuelle Übermacht des Fußballs: Volleyballer fürchten um ihre Popularität. Quelle: dpa (Archiv)
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Sie haben genug. Immer nur Fußball, Fußball, Fußball. Sport im Fernsehen, so finden sie, müsse mehr sein als die Bundesliga, mehr als die paar Stars aus dem Wintersport oder in der Leichtathletik. Viele kleinere Sportverbände fürchten um ihre Zukunft: Sie sehen das Gleichgewicht zwischen Fußball und anderen Sportarten bei ARD und ZDF nicht mehr gewährleistet. Die deutschen Leichtathleten haben sich dieser Tage in einem offenen Brief an die Senderchefs Luft verschafft. Nun zeigt sich: Sie haben einen Nerv getroffen. Und stehen mit ihrem Zorn nicht allein.

„Meiner Meinung nach dürfen sich die öffentlich-rechtlichen Sender nicht allein nach der Einschaltquote richten“, sagte Oliver Palme, TV-Koordinator des Deutschen Ruderverbandes (DRV) in Berlin. „ARD und ZDF sind von einem Gleichgewicht zwischen populären Sportarten wie Fußball und anderen Sportarten weit entfernt.“ Die deutschen Leichtathletik-Asse hatten am Montag in einem offenen Brief an alle zehn Intendanten von ARD und ZDF heftige Kritik am Verzicht auf eine Liveübertragung von der Weltmeisterschaft im Sommer im koreanischen Daegu geübt. Sie forderten auch, die für den Sport vorgesehenen Gebühreneinnahmen nicht bloß auf eine Sportart zu konzentrieren.

Unzufrieden mit der Gesamtsituation ist auch der Ruderverband. Palme will informelle Gespräche mit anderen Sommersport-Verbänden führen, um – wie von ARD und ZDF gewünscht – die Wettkampftermine „besser zu synchronisieren“. Im Wintersport wird dies, angeführt von Biathlon und Skispringen, längst mit telegenem Erfolg praktiziert. Auch für Thomas Weikert, den Präsidenten des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB), ist das Wintersport-Modell ein Vorbild. „Die Wintersportler haben das gut organisiert“, meinte er. Kritik äußerte Weikert an der ARD-„Sportschau“ am Sonnabend. „Wir wissen, dass Fußball die Nummer eins ist. Wir akzeptieren das, sehen aber dort die anderen Ballspiele viel zu wenig abgebildet“, stellte der Rechtsanwalt fest. „Insgesamt sind wir nicht zufrieden.“

Den Wunsch der Fernsehsender nach geänderten Regeln, um die Attraktivität einer Sportart zu steigern, sieht Weikert zwiespältig. Im Tischtennis zum Beispiel hätten die Verantwortlichen schon zahlreiche Regeln reformiert – eine neue Zählweise oder größere Bälle –, ohne dass es mehr Fernsehzeit dafür gab. Ähnlich ist es bei den Volleyballern. Um die Spielzeit für die TV-Planer berechenbarer zu machen, werden inzwischen bei jedem Ballwechsel und nicht – wie zuvor – nur beim Aufschlag Punkte vergeben. „Lange Livestrecken sind momentan aber noch unrealistisch“, sagte Thilo Hagen, Sprecher des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV). Vernachlässigt fühlt sich auch der Deutsche Basketball-Bund (DBB) von ARD und ZDF. „Der DBB kann mit der Situation nicht zufrieden sein“, klagte Ingo Weiss, DBB-Präsident und Präsidiumsmitglied des Deutschen Olympischen Sportbundes. Seit Jahren spiele nicht einmal die Nationalmannschaft eine Rolle.

Einfach haben es auch die Schwimmer nicht mehr, ins Fernsehen zu kommen – trotz Zugeständnissen ans TV. Bei den deutschen Meisterschaften 2009 und 2010 fanden die Finals mit den Stars innerhalb einer Stunde am Sonnabend- und Sonntagnachmittag statt. Die TV-Quoten waren gut, die Athleten aber nicht zufrieden: Mehrfachstarter hatten kaum Pause zwischen den Rennen. Eine kleine olympische Sportart wie Gewichtheben hat dagegen keinen Spielraum zum Anpassen an ein TV-Format, dafür aber einen Star: „Wenn Matthias Steiner an die Hantel geht, ist das Fernsehen da“, sagte Gewichtheber-Präsident Klaus Umbach, der jedoch kritisierte: „Kleine Sportarten werden fast nicht mehr rübergebracht. Man kommt nur noch ins Fernsehen, wenn man ein Zugpferd hat.“

Die ARD weist alle Vorwürfe zurück. „Die Kritik an der Dominanz des Fußballs können wir nicht wirklich nachvollziehen“, sagte der ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky am Dienstag. Das Erste berichte im Jahr über 50 unterschiedliche Sportarten. „Fußball ist nur eine davon.“ Der Anteil des Fußballs „als Volkssport Nummer 1“ betrage im Sportprogramm der ARD 20 bis 25 Prozent. Liveberichte gebe es in zahlreichen Sparten. Die Intendanten von ARD und ZDF wollen heute in einer gemeinsamen „angemessenen Erklärung“ auf den offenen Brief antworten.

Den offenen Brief im Wortlaut finden Sie hier.

Andreas Schirmer und Imre Grimm