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Medien & TV Kleinkinder kennen sich bereits mit Smartphones und Co. aus
Nachrichten Medien & TV Kleinkinder kennen sich bereits mit Smartphones und Co. aus
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09:31 04.01.2012
Nicht nur für Erwachsene: das iPad. Quelle: dpa
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Miami

Für Amber Mullaney ist das iPhone ein Gottesgeschenk. Wenn die Amerikanerin mit ihrem Ehemann und der zweijährigen Tochter in ein Restaurant geht, bekommt die kleine Tatum das Smartphone und darf sich Zeichentrickfilme anschauen. Versuche, das Handy zu Hause zu lassen, endeten im Chaos. „Sie malt oder redet ein bisschen mit uns, aber nur kurz“, sagt Mullaney. Mit dem iPhone sitzt Tatum dagegen ruhig auf ihrem Stuhl, während ihre Eltern ihr Essen genießen können. „Manchmal muss man tun, was man tun muss“, sagt die Mutter.

Mullaney ist in guter Gesellschaft. Etwa 40 Prozent der zwei- bis vierjährigen Kinder in den USA (und zehn Prozent der noch jüngeren) haben schon mal ein Smartphone, einen Tablet-PC oder einen iPod bedient, wie aus einer Studie der Organisation Common Sense Media hervorgeht. Eines von fünf Elternteilen hat Kindern schon einmal ein solches Gerät gegeben, während sie selbst etwas anderes zu erledigen gehabt hätten.

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Und so gibt es inzwischen Tausende Apps, die sich an Babys und Kleinkinder richten: Spiele, die Körperteile benennen oder Tierstimmen abspielen, Malprogramme oder auch Memory. Für die Eltern von Neugeborenen gibt es eine App, die Geräusche im Mutterleib imitiert, um das Baby zu beruhigen. Spielzeughersteller Fisher Price hat in den USA kürzlich eine Hülle für das iPhone und den iPod-Touch auf den Markt gebracht. Das Gerät wird in eine Rassel eingelegt. So sollen Babys ab sechs Monaten mit dem iPhone spielen können, während es gleichzeitig vor „Tröpfchen, Speichel und unerwünschten ausgehenden Anrufen“ schützt, wie der Hersteller verspricht.

Denise Thevenot war skeptisch gegenüber solch teurem Spielgerät. Dann entdeckte sie das iPad. Mit dem ist ihr dreijähriger Sohn Frankie nun stundenlang beschäftigt. Und – falls nötig – besteht die schlimmste Strafe darin, es ihm wegzunehmen. Irgendeine Art von pädagogischen Zweifeln an diesem Vorgehen waren bei Thevenot nicht auszumachen.

US-Experten lehnen den Trend nicht grundsätzlich ab, fordern aber Ausgewogenheit im Spiel der Kinder. „Es ist wirklich wichtig, dass Kinder mit verschiedenen Spielen lernen“, sagt die Psychologin Cheryl Rode vom Kinderzentrum in San Diego. „Technische Spielereien können dazugehören, aber sie sollten das Spiel nicht dominieren.“ Wenn die Kinder sich zurückzögen oder kein Interesse mehr an anderen Dingen hätten, sei das ein Warnsignal. Die Psychologie-Professorin Deborah Best erklärt, dass Kinder von altersgerechten Lernprogrammen profitieren können. Aber „die Interaktion mit den Geräten ersetzt nicht die Interaktion zwischen Kindern und Eltern oder zwischen Kindern und anderen Kindern“, sagt sie. Diese Art der Kommunikation helfe Kindern zu lernen, aus Gesichtern Emotionen zu lesen und in einem Gespräch gewisse Regeln zu befolgen.

Die fünffache Großmutter Joan McCoy sorgt sich um die sozialen Fähigkeiten der jungen Generation. Wenn ihr Sohn und ihre Schwiegertochter ausgehen, reichen sie den Kindern ihre Mobiltelefone. „Sie kleben dann an den Geräten.“ Wenn sie mit den Enkeln ausgeht, ist alles anders. Die Großmutter bringt Bücher mit und fragt die Kinder, was auf den Bildern gerade passiert. „Sie reden und sie sind begeistert und aufmerksam“, sagt McCoy. Natürlich habe sie als Großmutter aber den Luxus, viel Zeit zu haben.

Rasha Madkour