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Medien & TV Pressefreiheit: Die letzte Bastion
Nachrichten Medien & TV Pressefreiheit: Die letzte Bastion
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02:16 06.11.2015
Die Branche schaut optimistisch in die Zukunft: Hubert Burda, Verleger und Präsident des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), auf der Tagung der deutschen Zeitschriftenverleger in Berlin. Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa
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Berlin

Man muss nicht erst in ferne Länder schweifen, um zu erkennen, wie gefährdet Pressefreiheit ist. Auch innerhalb der EU, insbesondere in Ländern Osteuropas, aber selbst in Deutschland sind Journalisten Repressalien ausgesetzt. Hierzulande wohlgemerkt nicht staatlichen. Doch die Fälle verbaler und physischer Gewalt häufen sich.

Vor ein paar Tagen wurde der "Tagesspiegel"-Redakteur Helmut Schümann in Berlin-Charlottenburg als "linkes Dreckschwein" beschimpft und von hinten niedergeschlagen. Eine Woche zuvor wurde in Dresden Jaafar Abdul Karim, ein Mitarbeiter der Deutschen Welle, bedroht, geschubst und in den Nacken geschlagen. Es gibt zahlreiche weitere Beispiele.

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Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, sprach vor Zeitschriftenverlegern in Berlin jetzt von einer "neuen Form des Rechtsterrorismus". Von "modernen Hasspredigern", die sich auf die Meinungsfreiheit berufen. Wo aber Montag für Montag Menschen "Lügenpresse" skandierten, Journalisten angriffen und versuchten mundtot zu machen, weil sie ihre Sicht der Dinge nicht teilten, sei die Freiheit im Land bedroht, und mit ihr die Demokratie. Null Toleranz bei Androhung von Gewalt durch eine verblendete Minderheit forderte Schulz: "Die Zeit der ironisierenden Distanziertheit ist vorbei".

Ausschlag gab Anschlag auf "Charlie Hebdo"

Passender hätte es nicht sein können, dass der Verlegerkongress in diesem Jahr im Zeichen der Pressefreiheit stand. Der Anschlag auf "Charlie Hebdo" im Januar hat dazu beigetragen. Es gibt auch einen profanen Grund. In Ländern, in denen Presse nicht frei ist, in denen es keine Pressevielfalt gibt und kein Wettbewerb besteht, haben Verlage weder unternehmerische Freiheit noch wirtschaftlichen Erfolg.

Um ihn geht es den Verlegern, um ihn fürchten sie auch in Deutschland, wo mangels Werbeeinnahmen der Leser noch weiter in den Fokus rückt. Das bringt die Einsicht, dass es der Journalismus ist, der Verlage von Medienunternehmen wie Facebook unterscheidet.

Verleger geben Signal für die Pressefreiheit

Noch nie, sagte Burda-Vorstand Philipp Welte, sei Inhalt so gefragt gewesen wie heute, auf allen technologischen Kanälen. Während Facebook jedoch keinen einzigen Journalisten beschäftige, seien Verlage "die letzte Bastion hochwertiger Inhalte". Sie seien der Garant für Vielfalt, förderten Meinungsbildung und stabilisierten somit die demokratische Gesellschaft.

Der Verband der deutschen Zeitschriftenverleger setzte entsprechend ein Signal, indem die Glaubwürdigkeit der Medien und die Pressefreiheit im Zentrum des Kongressprogramms standen. Auch wurde erstmals ein Preis für Pressefreiheit vergeben. Während also in all den Jahren immer nur große Politiker und werbetreibende Unternehmen ausgezeichnet worden sind, wurden diesmal drei Journalisten gefeiert. Auch hier nicht nur solche aus fernen, undemokratischen Ländern.

Auszeichnung für drei Journalisten

Ana Lilia Pérez berichtet seit Jahren über organisiertes Verbrechen und die Verbindungen von Politikern und Unternehmen zur mexikanischen Mafia. Farida Nekzad ist eine renommierte Journalistin aus Afghanistan, die im Ort der Verleihung, dem einst geteilten Berlin, einen Hoffnungsschimmer sieht, auch in ihrem Land möge eines Tages das Unvorstellbare wirklich werden: Frieden. Beide Journalistinnen lebten zwischenzeitlich im Exil in Deutschland.

Peter Bandermann dagegen ist Journalist der "Ruhr Nachrichten". Seit Jahren berichtet er über die rechtsextreme Szene in Dortmund, ist immer wieder Bedrohungen und Gewalt durch Nazis ausgesetzt. So auch Anfang dieses Jahres, als ihm personalisierte Todesanzeigen zugeschickt wurden.

So reagieren Chefredakteure auf den Hass

Es brauche Kraft und Überzeugung, derartigen Repressalien zu widerstehen, sagte Daniela Schadt in ihrer Laudatio. Die Frau von Bundespräsident Joachim Gauck war früher selbst Journalistin. Beides, Kraft und Überzeugung, braucht es auch bei den Kommentaren, die inzwischen täglich auf Redaktionen einprasseln, Journalisten mit Hass überschütten und Medien als, von wem auch immer, gelenkte Organe verunglimpfen.

Manches sei selbst verschuldet, sagte "Zeit"-Chef Giovanni di Lorenzo und nannte als Ursache mangelnde Selbstkritik. "Spiegel"-Chef Klaus Brinkbäumer sagte, dagegen helfe nur, differenziert zu berichten, Fehler souverän zu erkennen und zuzugeben. Er gab allerdings zu bedenken, dass viele dieser Kommentare erkennbar von Nichtlesern stammten. Das sei ein neues Phänomen.

Von Ulrike Simon

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