Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV Kraut und Rüben
Nachrichten Medien & TV Kraut und Rüben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:12 14.05.2015
Von Christiane Eickmann
Lautstarker Start, kleinlauter Mittelteil: Mitarbeiter der Krautreporter in der Berliner Redaktion. Quelle: Britta Pedersen
Anzeige
Hannover

Sebastian Esser wirkte jüngst auf der Netzkonferenz „re:publica“ ein wenig kleinlaut. Da saß er nun auf einer Bühne in Berlin und sollte Auskunft über den Stand seines Projekts „Krautreporter“ geben. Seit etwas mehr als einem halben Jahr ist das crowdfundingfinanzierte Magazin online - und seine Macher müssen teils heftige Kritik einstecken.

Mit rund 15 000 Unterstützern sind die Krautreporter gestartet, danach sind 3000 weitere Leser dazugekommen, die bereit sind, das Magazin mit 60 Euro im Jahr zu finanzieren. „Über diese guten Zahlen spricht niemand“, nölte Herausgeber Esser leise. Er räumte aber zugleich ein, dass die Zukunft des Projekts ungewiss sei. „Gefühlt 80 Prozent unserer Leser teilen uns ja vor allem mit, was wir falsch machen.“ Wie viele Leser den Krautreportern nach der Startphase treu bleiben wollen, wisse er nicht, bis Juni solle darüber aber Klarheit bestehen.

Anzeige

Doch woran liegt es, dass die Krautreporter, die zunächst von manchen Medienexperten als Retter des unabhängigen Journalismus gefeiert worden sind, zur Halbzeit ihres Bewährungsjahres mit so viel Gegenwind kämpfen müssen?

1. Die Versprechen waren zu groß

„Der Onlinejournalismus ist kaputt. Wir kriegen das wieder hin“, hatten die Krautreporter zum Start ihrer Kampange getönt. Diese ebenso falsche wie uneinlösbare Aussage haftet ihnen seitdem an. Da konnten sie noch so viel relativieren und zurechtrücken: Wer den Mund derart voll nimmt, muss auch liefern. Doch die Krautreporter haben den Onlinejournalismus nicht revolutioniert. Sie stellen Texte ins Netz. In der Regel sind sie sind länger als Stücke auf „Spiegel Online“, besser recherchiert sind aber längst nicht alle. Der Spott vor allem in der sogenannten Netzgemeinde ist groß. Mit der Seite prinzessinnenreporter.de gibt es sogar eine ziemlich lustige Parodie. Die Idee dazu hatte die Journalistin Elke Wittich.

2. Die Mischung stimmt nicht

Die Krautreporter präsentierten sich zunächst als eine Art Superhelden-Blogger-Mannschaft: Medienwächter Stefan Niggemeier, Korruptions- und Dopingexperte Jens Weinreich und Netzjournalist Richard Gutjahr gehörten unter anderem zu den Textlieferanten der ersten Stunde. An Schreiberinnen hatte zunächst offenbar niemand gedacht. Als dies auffiel, wurden flugs noch Andrea Hanna Hünniger und Kati Krause ins Team geholt. Auch Theresa Bäuerlein schreibt für die Krauptreporter. Die leicht machohafte Ausstrahlung sorgte für eine holprige Startphase. Das liegt auch daran, dass in den ersten Wochen vor allem Youtube-Reporter und Fettnäpfchensucher Tilo Jung auf krautreporter.de präsent war. Nachdem dieser am Weltfrauentag ein als frauenfeindlich zu verstehendes Bild auf Instagram gepostet hatte, ließ er seine Tätigkeit für Krautreporter ein paar Wochen lang ruhen.

3. Es fehlt die Haltung

Auf der „re:publica“ versuchte Esser, die Krautreporter als eine Art moderne „tageszeitung“ („taz“) darzustellen. „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl hatte zuvor berichtet, dass die Leser dem linksalternativen Blatt vor allem wegen seiner klaren Ausrichtung treu bleiben. Aber welche Haltung nehmen die Krautreporter denn ein mit ihrem Gemischtwarenladen aus Auslandsjournal, länglichen Beiträgen über die perfekte Tomate und Texten, in denen der Hassprediger Pierre Vogel als „fundamentalistische Frohnatur“ verharmlost wird?

4. Und was ist daran jetzt originell?

Überhaupt der Ton. Manch einem sind die Texte auf krautreporter.de zu wenig tiefenrecherchiert, anderen fehlt eher die Leichtigkeit in der Sprache. Es gelingt den Autoren durchaus, gute und lesenswerte Geschichten, Themen und Gesprächspartner zu finden. Originell ist das Ganze allerdings nicht. Das gilt im Übrigen auch für die äußerst schlichte, etwas wackelige Optik der Seite krautreporter.de, die weit hinter modernem Storytelling zurückbleibt, wie es zum Beispiel ­wired.de zelebriert.

5. Die Konkurrenz schläft nicht

Die Idee, Journalismus nicht oder zumindest nicht ausschließlich durch Anzeigen und mit etablierten Verlagen im Rücken zu finanzieren, haben die Krautreporter nicht exklusiv. Vor allem an Leserinnen wendet sich Edition F, deren Gründerinnen innerhalb weniger Monate per Crowdinvesting 252 000 Euro sammelten. Auch das digitale Wissensschaftsmagazin Substanz konnte dank eines erfolgreichen Crowdfundings im November 2014 starten. Das jüngste Projekt heißt Deine Korrespondentin: Sieben junge Journalistinnen berichten über Frauen aus aller Welt. Nach einer kostenlosen Testphase sollen Abonnenten ab Juli gegen eine monatliche Gebühr von 10 Euro monatlich zehn neue Reportagen lesen können. Die Zukunft der lautstark gestarteten Krautreporter dagegen ist ungewiss.

Medien & TV Bewegtbilder vom Amateurfußball - Schlappe für Fußballverband im Videostreit
Patrick Hoffmann 13.05.2015
Medien & TV Intendant Thomas Bellut im Interview - ZDF-Chef: „Deutsche sind süchtig nach Krimis“
12.05.2015
Medien & TV Germany's Next Topmodel - Ist das noch gesund?
12.05.2015