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Medien & TV „Ach, Sie waren das eben in der Küche, oder?“
Nachrichten Medien & TV „Ach, Sie waren das eben in der Küche, oder?“
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12:11 16.05.2015
Hat einer eine Idee? Paul Brix (Wolfram Koch, l.), Henning Riefenstahl (Roeland Wiesnekker, M.) und Anna Janneke (Margarita Broich) ermitteln konzentriert. Quelle: ARD
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Frankfurt/Main

Die ARD tauscht ihre Ermittler in letzter Zeit so regelmäßig aus, dass der Zuschauer schon mal den Überblick verlieren kann. Die neuen Kommissare von „Tatort“ und „Polizeiruf“ fallen meist durch Coolness, psychisches Leiden oder latent asoziales Verhalten auf - als müssten die Darsteller durch extremes Spiel verhindern, gleich wieder strafversetzt zu werden. Deshalb überrascht die Normalität des neuen Frankfurter Duos positiv. Wie kollegial Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich) miteinander umgehen, ist eine wohltuende Alternative zu ewig grantelnden Ermittlerpaaren.

Dabei wirkt das Duo alles andere als langweilig. Schon die erste Begegnung ist herrlich skurril: Sie will ihn vorm ersten gemeinsamen Arbeitstag zu Hause abholen und wird von der Vermieterin mit einem Tee in die Küche gesetzt. Er kommt verschlafen und in Boxershorts in den Raum, beachtet sie nicht weiter und schlurft zur Kaffeemaschine. Sie beißt unsicher in einen Keks. Draußen begegnen sie sich wieder. „Ach, Sie waren das eben in der Küche, oder?“, fragt er sie. Der Beginn einer großen Freundschaft.

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Wolfram Koch hält in diesem Jahr auch die Eröffnungsrede der Kunstfestspiele Herrenhausen. Am 29. Mai spricht der Schauspieler um 18 Uhr in der Orangerie. Der Titel: „Vortrag über nichts“.

Der letzte Frankfurter „Tatort“ mit Joachim Król legte mit einer spannenden Geschichte die Messlatte hoch für die Nachfolger. In Sachen Dramaturgie überzeugt die Folge „Kälter als der Tod“, deren Titel auf den Spielfilm des deutschen Regisseurs Rainer Werner Fassbinder anspielt: „Liebe ist kälter als der Tod“. Wenn sich die Kommissare am Tatort umsehen oder einer Zeugenaussage zuhören, werden sie in Rückblenden an den Ort des Geschehens katapultiert und verweilen dort als Zaungäste. Regisseur Florian Schwarz fehlt es nicht an Ironie: In einer dieser Rückblenden reißt Koch in einem Supermarkt einen Zettel von der Pinnwand ab und wird so - entgegen der bisherigen Logik der Szenen - vom Statisten zum Akteur. Der Hessische Rundfunk, der auch den hochgelobten und Grimme-Preis-prämierten Ulrich-Tukur-„Tatort“ produziert, wird in dieser Hinsicht einmal mehr seinem guten Ruf gerecht.

Die Geschichte (Drehbuch: Michael Proehl) allerdings ist haarsträubend: Eine Familie wird erschossen, eine Tochter und die Nachhilfelehrerin sind entführt und tauchen wieder auf, die Lehrerin entpuppt sich als Kind der toten Mutter, die von ihrem Vater vergewaltigt wurde. Dessen Lieblings-CD, ein rares Sammlerstück, trug sie zufällig mit sich herum, als sie das ungewollte Kind in einer Babyklappe abgab. Über die verlorene und von einer Hebamme aufgefundene CD findet dann die verlorene Tochter ihre Familie und bandelt zu allem Überfluss auch noch mit der Halbschwester an. Die Geschichte ist also ziemlich hanebüchen und die Auflösung wenig schlüssig.

Doch die Schauspieler machen selbst das wett. Zu einer beliebten Nebenrolle dürfte sich Kochs Vermieterin und Gärtnerin Flora entwickeln, gespielt von der transsexuellen Revuekünstlerin Zazie de Paris. Die ARD sucht „Tatort“-Darsteller zunehmend nicht nur im Massenkino, sondern auch auf der Bühne. Die zwei neuen Kommissare sind langjährige Theaterdarsteller, die an großen Häusern und mit großen Regisseuren wie Dimiter Gotscheff, Heiner Müller und Christoph Schlingensief zusammenarbeiteten. Wolfram Koch - der gerade beim Berliner Theatertreffen als einer von Samuel Becketts tragikomischen Streunern zu sehen ist - spielt seine Rolle als einstiger Polizist von der Kieler Sitte mit einer bemerkenswerten Nonchalance. Margarita Broich mimt eine Polizeipsychologin, die nach der Auswanderung ihres Sohnes noch mal eine Ausbildung zur Kriminalpolizistin beginnt, als unkomplizierte Kumpeline. Privat ist sie übrigens mit dem Schauspieler Martin Wuttke liiert. Der wurde gerade als Leipziger Kommissar abgesetzt. So bleibt der Sonntagabend wenigstens in der Familie.

Von Nina May

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