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Medien & TV „Landlust“ kommt ins Fernsehen
Nachrichten Medien & TV „Landlust“ kommt ins Fernsehen
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07:22 01.12.2011
Von Marina Kormbaki
Familie Wulf aus Hude pflegt ihre ganz eigene Weihnachtstradition, selbst gebastelter Tannenschmuck gehört dazu.
Familie Wulf aus Hude pflegt ihre ganz eigene Weihnachtstradition, selbst gebastelter Tannenschmuck gehört dazu. Quelle: NDR
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Man ahnt nicht, wie viel Sinnlichkeit und Poesie in so einem Stück Borke stecken. Bis man Seite 137 der aktuellen „Landlust“-Ausgabe aufschlägt. Dort findet sich eine Bastelanleitung für einen „Baum aus Borke“: „Rinde auf Rinde bauen wir uns einen knorrigen Weihachtsbaum“, heißt es da, und selbst naturentwöhnte Städter dürfte beim Anblick der trigonal übereinandergeschichteten Totholzteile ein wenig Weihnachtswärme durchströmen. Beim Münsteraner Landwirtschaftsverlag wissen sie nun mal, wie das Bedürfnis nach Heimeligkeit bei gleichzeitiger Natursehnsucht zu stillen ist.

Seit mehr als sechs Jahren schon wartet das Hochglanzheft „Landlust“ mit verblüffenden Verkaufszahlen auf, dem negativen Branchentrend zum Trotz. Mehr als 800.000 Exemplare seines Bastel-, Back- und Bauernflair-Magazins verkauft der Landwirtschaftsverlag alle zwei Monate. Längst mühen sich Neider mit Nachahmerprodukten ab: „Liebes Land“, „Landidee“, „LandLeben“, Land auf, Land ab. An das Original aber kommt keiner ran, und nun macht „Landlust“ gemeinsam mit dem NDR einen weiteren großen Schritt nach vorn: Vom kommenden Sonntag an läuft die Zeitschrift auch im Fernsehen. „Landlust TV – Die schönsten Seiten des Lebens“, stets am ersten Sonntag des Monats um 20.15 Uhr.

Schon die Wahl des Sendeplatzes zeugt von einigem Selbstvertrauen. Im Ersten läuft der „Tatort“, im Zweiten der „Sonntagsfilm – Kino fürs Herz“ – und das Dritte huldigt dem Lifestyle auf dem Lande? „Erstens steht ,Landlust TV‘ im Kontrast zum ,Tatort‘“, sagt Jürgen Meier-Beer vom NDR-Programmbereich für neue Formate. „Statt Spannung bietet ,Landlust TV‘ Entspannung. Und zweitens steht die Sendung im Kontrast zum ZDF-Spielfilm, ist also authentisch und heimatverbunden.“

Heimat ist in dem Fall Niedersachsen. Die 90-minütige Sendung stellt Familien vor, die zwischen Ems und Elbe verwurzelt sind und die Zuschauer in ihre Traditionen und die Bräuche ihrer Region einweihen. Da ist zum Beispiel Familie Wulf aus Hude im Landkreis Oldenburg, die mit drei Generationen in einem mehr als 100 Jahre alten Forsthaus lebt. Familie Wulf lädt in der ersten Sendung zu ihrem Waldfest ein, für das sie in Handarbeit allerlei Tannengirlanden und Weihnachtsbaumschmuck ersonnen hat. Derweil kochen die Beekers aus der Ellerndorfer Heide bei Uelzen Mollebusch-Kompott, und Großvater Axel präsentiert seine jüngste Erfindung: Einen Fruchtastbeschwerer mit dekorativem Nebeneffekt.

„Die Bilder im Heft verströmen ein Gefühl, aber wir können ja nicht bloß Bilder zeigen wie in einem Diavortrag, wir müssen die Geschichten dazu erzählen“, sagt Meier-Beer. Und die Geschichten ließen sich eben am besten anhand von Familien erzählen. Dazu erklingen immer mal wieder besinnliche Streicher, alles sehr harmonisch. Und weil die Grenze zwischen Gefühligkeit und Kitsch eine sehr schmale ist, könnte das Ganze leicht kippen. Aber Meier-Beer winkt ab: „Kitsch fängt dort an, wo ein Bild künstlich erzeugt wird. Wir aber stellen auf liebevolle Weise reale Menschen vor, wie sie Dinge tun, die ihnen am Herzen liegen und ihre Lebenswirklichkeit abbilden.“ „Landlust TV“, sagt der NDR-Mann, sei das Gegenteil von scripted reality, von den erfundenen Wirklichkeiten der vielen Dokusoaps. 

Man fragt sich jetzt natürlich, warum es „Landlust“ in Serie nicht längst schon gibt, wo doch die Printvorlage eine so solide Marke ist. Ein erfolgreiches Vorbild gibt es da ja bereits: Seit 2001 läuft im NDR „Mare TV“, der Fernsehableger des gleichnamigen Reisemagazins.
Aber auch im Hause „Landlust“ ist die Idee, das Blatt zu verfilmen, nicht ganz neu. „Wir haben schon relativ früh eine Vielzahl an Anfragen von TV-Produktionsfirmen gehabt, die unser Magazin ins Fernsehen bringen wollten“, sagt Karl-Heinz Bonny, der Hauptgeschäftsführer des Landwirtschaftsverlags. „Vor einigen Jahren gab es auch Gespräche mit Vertretern einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt, aber sie waren auf Inszenierung und künstliche Realitäten aus. Da haben wir uns doch lieber auf die Weiterentwicklung unseres Printprodukts konzentriert.“
Mit dem NDR und der Produktionsfirma Medienkontor hat es nun aber geklappt. Verlag und NDR betonen gleichermaßen, dass Print- und Fernsehmagazin recht eigenständig arbeiten werden.

Mit edler Anmutung und entschleunigter Bildsprache soll es zwar leicht identifizierbare Gemeinsamkeiten geben. Und hier und da geht es gleichermaßen um Emotion, Information und Gebrauchswert. Um fühlen, erfahren, kochen, basteln, schnitzen. Und doch sollen die Produkte auch unabhängig voneinander bestehen können. „Wir geben der TV-Produktionsfirma Beratung und Tipps für die Auswahl von Themen und Protagonisten, aber die Kollegen sind sehr unabhängig in ihren Ideen und deren authentischer Vermittlung“, sagt „Landlust“-Chef Bonny. Geplant sind zunächst zwölf Folgen. Nicht ausgeschlossen, dass es weitere Staffeln gibt, nicht ausgeschlossen, dass der „Landlust TV“-Radius über Norddeutschland hinaus geht.

Der kommende Sonntagabend dürfte jedenfalls unter dem Motto „Landlust“ gegen „Landfrust“ stehen, denn der „Tatort“ trägt den ebenfalls ländlichen Titel „Das Dorf“. Wer weiß, was die Menschen dort mit Borke anzustellen wissen.