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Medien & TV Mafiaserie "Im Angesicht des Verbrechens" startet auf arte
Nachrichten Medien & TV Mafiaserie "Im Angesicht des Verbrechens" startet auf arte
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09:51 24.04.2010
Von Stefan Stosch
Ein Fernsehereignis: Sokolov (Georgii Povolotskyi, l.) und Mischa (Misel Maticevic) in der Mafiaserie „Im Angesicht des Verbrechens“. Quelle: dpa
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Vor dieser Serie muss gewarnt werden. Wer erst einmal den Fernseher anschaltet, wer dem Polizisten Marek in den Sumpf der Berliner Mafia folgt, wer mit ihm den Mörder seines Bruders Grischa jagt und wer Zeuge des Kampfs konkurrierender Clans wird – der kommt nicht mehr los von Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“. Diese Serie macht süchtig.

Sie ist das, was so viele andere TV-Mehrteiler mit ihren schablonierten Drehbüchern und konfektionierten Figuren zu sein behaupten: ein „Event“, ein Fernsehereignis. Das Gute ist, dass diese Serie zehn Folgen hat. Das Schlechte, dass die Abhängigkeit nach der zehnten ziemlich groß, die Serie aber vorbei ist.

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Wer hierzulande von gutem Fernsehen spricht, denkt früher oder später an amerikanische Serien. Jetzt legt Dominik Graf, der Regisseur mit dem Hang zu Genrefilmen („Die Katze“) und dem Glauben ans Fernsehen als das bessere Kino, ein deutsches Äquivalent vor.

Sein Drehbuchautor Rolf Basedow hat ein Jahr lang im Berliner Milieu recherchiert. Mit ihm arbeitete Graf schon bei „Hotte im Paradies“ und „Eine Stadt wird erpresst“ zusammen. Nun lassen sich die beiden so viel Zeit, wie für einen großen Wurf nötig ist. Vor dem Zuschauer entfaltet sich ein Paralleluniversum, in dem Russen, Ukrainer, Polen und Rumänen ihr Unwesen treiben – gelegentlich auch in ihren jeweiligen Landessprachen und mit deutschen Untertiteln. Sie handeln mit Drogen, mit Zigaretten, auch mit Frauen.

Gut möglich, dass sich diese Serie den Vorwurf der politischen Unkorrektheit einhandelt. Doch wer dem Regisseur unterstellt, sich Vorurteilen und Klischees zu ergeben, der übersieht, wie fasziniert Graf von dieser Machowelt ist und wie sehr er ihre Inszenierung feiert. Geradezu begeistert stürzt er sich auf die Männer in teuren Anzügen, die Goldketten tragen und in Berliner Villen wohnen. „Wir sind hier nur Gäste“, behauptet einer von ihnen, und dann lachen alle schallend: Die Berliner Unterwelt haben sie voll im Griff. Der wichtigste Partner auf deutscher Seite heißt Lenz (Bernd Stegemann). Der Mann wirft gerne mit Geldscheinen um sich, wenn er sich mit Prostituierten im Hotelzimmer vergnügt.

Der aus Lettland stammende Polizist Marek Gorsky (Max Riemelt) könnte einer der Mafiosi sein. Doch hat sich Marek nach dem Tod seines Bruders Grischa für die andere Seite entschieden. Von seinen Landsleuten wird er deshalb „Musar“ genannt, was „Müll“ bedeutet. Mareks Rolle ist verzwickt: Bald muss er gegen seinen Schwager Mischa (Misel Maticevic), den Besitzer des Restaurants Odessa, und damit auch gegen seine Schwester Stella (Marie Bäumer) ermitteln. Denn das ist Mischas Frau.

„Im Angesicht des Verbrechens“ ist alles andere als ein artifizielles Experiment, kein abgehobenes Minderheitenprogramm. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse ist eindeutig, hier Marek und sein Erdnüsse kauender Kollege, das Kraftpaket Sven Lottner (Ronald Zehrfeld), dort die Berliner Unterwelt, in der auch korrupte Polizisten mitmischen.

Die knapp 500 Sendeminuten werden überwölbt von einer immer wiederkehrenden Schlüsselszene: Eine nackte Wassernixe badet in einem ukrainischen See. Das ist Jelena (Alina Levshin), die kurz darauf als Zwangsprostituierte in Berlin landet. Ihre Großmutter hat ihr vorausgesagt, dass sie den Mann lieben wird, dessen Gesicht sie beim Tauchen im See sieht. Sie sieht das Gesicht von Marek.

Sowieso liebt Graf es barock. Hier lässt ein Mafioso schon mal vom Hubschrauber aus rote Rosen für seine Geliebte regnen. Ein Mädchenhändler galoppiert auf einem Schimmel über eine sattgrüne ukrainische Wiese. In einer Szene vergnügt sich eine Gruppe Prostituierter beim Tontaubenschießen. Nackt.

Von solchen opernhaften Exzessen darf man sich nicht täuschen lassen. Graf hat die erzählerische Fäden fest in der Hand. Er weiß aber, was in Fernsehredaktionen oft vergessen wird: Figuren sind nicht nur Funktionsträger, sie haben ein Recht auf ein individuelles Leben und auch auf ein bisschen Spaß. Lustig, wenn hier Polizisten nichts mehr fürchten als den Papierkram nach einem verpatzten Einsatz oder wenn sich Sven Lottner beim neuen Chef mit den Worten vorstellt: „Ich komm’ ausm Osten der Stadt – also kann ick praktisch alles.“

Im nächsten Moment legt der Regisseur wieder den Hebel um. Mit rasanten Actioneinlagen, in weißrussischen Wäldern und anderswo, treibt er die Handlung voran. Auch mit fürs Fernsehen ungewohnten formalen Mitteln: schnelle Zooms, Zeitlupen, auch die Splitscreens setzt er ein – nur auf einem geteilten Monitor lassen sich alle Entwicklungen zeitgleich im Auge behalten.

Vielleicht macht Graf ein bisschen zu sehr auf russische Seele. Vielleicht schwelgt er gelegentlich zu sehr in Kaviar, Koks und Wodka. Und vielleicht verliert die Serie im zweiten Teil ein ganz klein wenig von ihrer Wucht. Aber was sind solche Mäkeleien gegen das große Ganze.

Beinahe hätte man schon nicht mehr darauf gehofft, dass das deutsche Fernsehen zu so einem Projekt noch die Kraft hätte. Man fragt sich, wie Graf diese Serie überhaupt durchsetzen konnte. Es war ein langer Kampf, nicht nur wegen der 112 Drehtage, zweieinhalbjähriger Arbeit und einem knappen Budget um die zehn Millionen Euro. Zwischendurch ging die Produktionsfirma pleite. Graf weigerte sich, auf Drehbuchmotive zu verzichten. Die ARD glaubte an ihn.

Es hat sich gelohnt: Graf hat den Film gemacht, den er machen wollte. Und darin liegt womöglich das Geheimnis dieser Fernsehsensation.

„Im Angesicht des Verbrechens“ | arte

Mafiaserie von Dominik Graf. Erste Folgen: Dienstag um 22.05 Uhr.