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00:22 18.07.2014
Von Imre Grimm
Foto: „Nicht zu rechtfertigen“: Von der Manipulation nichts ahnende Gäste – v. l.: Entertainer Michael „Bully“ Herbig, Sportlerin Maria Höfl-Riesch, „heute-journal“-Moderator Claus Kleber, Franz Beckenbauer und Günther Jauch – mit Gastgeber Johannes B. Kerner (r.)
„Nicht zu rechtfertigen“: Von der Manipulation nichts ahnende Gäste – v. l.: Entertainer Michael „Bully“ Herbig, Sportlerin Maria Höfl-Riesch, „heute-journal“-Moderator Claus Kleber, Franz Beckenbauer und Günther Jauch – mit Gastgeber Johannes B. Kerner (r.). Quelle: dpa
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Man könnte das alles nicht so schlimm finden. Da hat also das ZDF bei einer Unterhaltungssendung getrickst. In der Prominenten-Rankingshow „Deutschlands Beste!“ wurden Umfragen manipuliert, Ergebnisse gedreht, Zuschauerstimmen ignoriert und mathematisch Äpfel mit Birnen gemischt. „Und?“, könnte man fragen. „Wen juckt’s eigentlich, wenn das ZDF für irgendeine mäßig originelle Volksbespaßung mit Johannes B. Kerner irgendwelchen Prominenten schmeichelt, damit die in die Show kommen? Geht die Welt davon unter, wenn beim Fernsehen, wo ja sowieso simuliert, dramatisiert und geschummelt wird, ein bisschen mehr simuliert, dramatisiert und geschummelt wird?“

Aber wer so denkt, denkt zu kurz. Und in der ZDF-Chefetage denkt niemand so. Denn sie wissen in Mainz sehr genau, welche fatale Außenwirkung diese Blamage hat. Sie ist deshalb so zerstörerisch fürs Image, weil sie viel über redaktionelle Schmerzfreiheit, Schlamperei und Selbstgerechtigkeit beim ZDF verrät.

Die Idee war ja nicht schlecht. Da sollte das Meinungsforschungsinstitut Forsa repräsentativ ermitteln, welches die bekanntesten, beliebtesten und „besten“ Deutschen sind. In einer zweiten Umfrage stellte man dieselbe Frage – diesmal gemischt nach Rubriken: Politik, Gesellschaft, Kultur. Zusätzlich befragte der Sender selbst seine Onlinekundschaft – und startete mit der Zeitschrift „Hörzu“ eine vierseitige Leserumfrage, sympathischerweise per Postkarte. Das Problem: Offenbar hatte sich niemand darüber Gedanken gemacht, wie man zwei repräsentative Umfragen, ein unspezifisches Onlinevoting und eine lustige Postkartenaktion anschließend logisch und methodisch sauber zu einer Ergebnisliste vereint.
Die Lösung der Redaktion: Wir nehmen einfach Forsa und „vergessen“ den Rest, dann laden wir jede Menge Prominente ein – und wer am Ende tatsächlich für die Show zusagt, rutscht in der Liste zur Belohnung ein schönes Stück nach vorne. Was die Sache endgültig zur Farce machte. Und so führte der allem Anschein nach völlig ahnungslose Kerner am 2. und 3. Juli um 20.15 Uhr vor jeweils vier Millionen Zuschauern durch zwei Quatschabende, die im Rückblick vor allem eines waren: Publikumsverhöhnung.

  • RTL-Anchor Peter Kloeppel rutschte von Platz 27 auf 39 ab, sein ZDF-Kollege Claus Kleber stieg dagegen von Platz 39 auf 28 (und schimpfte bei Twitter: „BestenFälschung total. Unfassbar! Täter: I hate you!“ und „Hier fliegen gerade die Fetzen. Idioten! Sorry, Peter!“).
  • Den größten Satz machte der „Kaiser“: Franz Beckenbauer kletterte mirakulöserweise von Platz 31 auf Platz neun (!).
  •  Schlagerstar Helene Fischer stieg von Platz zehn auf fünf, „Tagesschau“-Chefsprecher Jan Hofer rutschte von 36 auf 42, Michael „Bully“ Herbig stieg umgekehrt von 42 auf 36. Sieger wurde – ohne Manipulation – bei den Männern Helmut Schmidt und bei den Frauen Angela Merkel.

Und wie so oft in vergleichbaren Fällen lautet die wichtigste Frage inzwischen: Wer wusste was? Und wann? Das Krisenmanagement des ZDF verläuft ähnlich selbstzerstörerisch wie beim ADAC-Skandal um die manipulierte „Gelber Engel“-Wahl: Nur tröpfelnd kommt die Wahrheit ans Licht. Zunächst hieß es, man habe die Zuschauerstimmen unterschlagen, dann erst gab der Sender zu, auch die Forsa-Listen gefälscht zu haben. Bei Twitter gab es Hohn und Spott fürs ZDF („Angela Merkel ist also gar nicht das Lieblingsauto der Deutschen?“).

Produzent der Show ist Rolf Hellgardt, Geschäftsführer der Hamburger TV-Firma Riverside, früherer Kabel-1-Chef und Langzeitverlobter von Monica Lierhaus. Er will von Tricksereien nichts gewusst haben. Das ZDF teilt mit, es gebe keine Hinweise auf eine Beteiligung der Produktionsfirma an dem Betrug.

Die Redaktion also? Und was wusste Unterhaltungschef Oliver Fuchs? In den ZDF-Richtlinien heißt es wörtlich: „Die Berichterstattung muss vom vorbehaltlosen Willen zur Wahrhaftigkeit bestimmt sein.“ ZDF-Intendant Thomas Bellut – unter Aufklärungsdruck gesetzt vom zürnenden ZDF-Fernsehrat – kündigte in einem Schreiben an die Mitglieder des Gremiums „arbeitsrechtliche Konsequenzen für die verantwortlichen Redakteure“ an. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass einzelne Redakteure lustig die Listen durcheinanderwürfeln? Derzeit werde geprüft, schreibt Bellut weiter, „wer an der Manipulation beteiligt war oder davon gewusst hat“. Bis September will der Fernsehrat ein schlüssiges Konzept auf dem Tisch haben, wie solche Fälle künftig zu vermeiden seien. Programmchef Norbert Himmler kroch schon mal zu Kreuze: Die Manipulationen seien „ein grober Verstoß gegen die Programmrichtlinien“ und „nicht zu rechtfertigen“.

Es sollte das glanzvolle Comeback des in Karrierefragen zuletzt unglücklich beratenen SAT.1-Rückkehrers Kerner sein. Das ging gründlich schief. Der Fall offenbart mehr als augenzwinkernde Schummelei oder Gedankenlosigkeit. Es geht schließlich nicht um „Scripted Reality“ in Nachmittags-Pseudodokus bei RTL II. Es geht um die Frage, warum ein öffentlich-rechtlicher Sender, der sein Publikum und seine Gäste bei zwei Hauptabendshows betrügt, an anderer Stelle ehrlicher und sorgfältiger sein sollte.

Die wichtigste Frage aber lautet natürlich: Wie kann man beim ZDF überhaupt glauben, eine manipulierte Abstimmung sechs Monate nach Aufflammen des ADAC-Skandals sei eine gute Idee?

14.07.2014
14.07.2014