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Medien & TV Markus Lanz besteht seine Feuertaufe
Nachrichten Medien & TV Markus Lanz besteht seine Feuertaufe
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15:07 07.10.2012
Foto: Markus Lanz hat seine „Wetten, dass ..?“-Feuertaufe bestanden.
Markus Lanz hat seine „Wetten, dass ..?“-Feuertaufe bestanden. Quelle: dpa
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Düsseldorf

Und plötzlich steht er da. Die kleine Treppe läuft er zügig herunter, schaut in 3000 Gesichter. Stellvertreter im Düsseldorfer ISS Dome für die Millionen vor den Bildschirmen, die in diesem Moment, um 20.15 Uhr in Deutschland, vor allem eine Frage eint: Kann dieser Mann das, der da gerade vor die Kamera tritt? Kann Markus Lanz "Wetten, dass...?"? Führt er die erfolgreichste Unterhaltungsshow Europas in die Zukunft? 

Kurzzeitig erschien es in den Stunden vor der Show, als wäre kaum etwas auf dieser Welt wichtiger. Familien hatten sich ihre beste Kleidung aus dem Schrank gesucht, sich fein gemacht und auf den Weg gemacht. Kleine Jungen laufen in Anzügen durchs Hallen-Foyer, lassen sich mit den Mainzelmännchen fotografieren, die hinter dem Eingang warten. Opa zupft die Krawatte zurecht, Mutti das mühsam auftoupierte Haupthaar. Es ist, als hätte der Besucher hier noch wirklich Respekt, Respekt vor dem Fernsehen, Respekt vor der Sendung (für die er 50 Euro Eintritt gezahlt hat), vor allem auch Respekt vor Lanz. In der Schlange am Bierstand erörtern ältere Herren wie junge Frauen, ob er das denn nun kann. Ob er es besser kann. 

Neues Konzept, neuer Moderator: Das Debüt für Markus Lanz auf der „Wetten, dass ..?“-Bühne.

Eine Frage, die auch das Internet umtrieb. Proteste bei Twitter, der Langweiler wird's schon versauen, schreibt einer, Gottschalk sei unersetzlich ein anderer. Gelegentlich nur twittert jemand Pro Lanz. SpiegelOnline und Bild.de tickern live. Letztere reden vom "größten Medienereignis des Jahres". Im vor der Show ausgestrahlten Countdown-Spezial stilisierten die Moderatoren Yvonne Ransbach und Lutz van der Horst den neuen Moderator regelrecht zur Rettung der deutschen Unterhaltungskultur.

Lanz wird zum Start im Dome laut empfangen, Jubelrufe, Klatschen, noch vor dem ersten Satz. In dieser Arena hat er schon gewonnen damit, dass er überhaupt da ist. Wollte doch erst niemand Gottschalks Fußstapfen auch nur nahe kommen. Ganz zu Schweigen von reintreten.

"Ich bin der älteste Wetten-dass-Debütant aller Zeiten", stellt er kurz fest, erinnert an den Vorgänger ("Wenn es nach mir ginge, könnte der das bis zu seiner Rente machen"). Und dann ab dafür: Sofort setzt sich Lanz das Sofa voll. Ehepaar van der Vaart, Karl Lagerfeld, Campino von den Toten Hosen, Tenor Rolando Villazón, Tatort-Kommissar Wotan Wilke Möhring, Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, Comedian Bülent Ceylan. 

Die Änderungen fallen sofort auf. Die Sitzecke ist jetzt beweglich, dreht sich ruckzuck in die Richtung, die gebraucht wird. Die Prominenten bringen die Wettkandidaten mit, die nun auch im Studio selbst und nicht hinter den Kulissen sitzen dürfen. Und weil die Wetten jetzt wichtiger sein sollen als je zuvor, darf auch jeder Promi einzeln tippen, ob der Kandidat das schafft - und seinem Wettpaten so Geld verdienen. Soweit das neue Konzept.

Und dann ist da Lanz. Man merkt, dass er aufgeregt ist, zugleich hochkonzentriert, bloß keine Fehler, auch wenn er die gleich in den ersten paar Minuten für die Premiere schon verspricht. Die Witze wirken oft noch sehr einstudiert, seit Mittwoch hat Lanz täglich im ISS Dome geprobt. Ein Perfektionist. Man merkt auch, dass er es anders machen will als Gottschalk, der vor allem für seine Interview und Tätscheleien auf dem Sofa kritisiert wurde. Unvorbereitet, desinteressiert, Ich-zentriert empfanden viele Zuschauer den Vorgänger. Der neue ist dagegen erstmal der Streber. Es mag der Nervosität geschuldet sein, dass viele Gespräche eben solche nicht werden, nicht locker, sondern Faktencheck bleiben. Die Abfrage von vorher sorgsam recherchiertem Wissen über den Gast. Das Ziel, dass eine launige Gesprächsrunde entsteht, wird verfehlt. Geredet wird der Reihe nach. Das hat er in seiner eigenen Talkshow jahrelang geübt. Aber: Bei Gottschalk hat man deutlich weniger über die Promis erfahren.

Lanz gibt sich ebenso größte Mühe, seinem Ruf als Abenteurer gerecht zu werden. Auf das elastische Balancierseil - Slackline genannt - von dem aus Kandidat Cihan Calis versucht, per Fallrückzieher Tore zu schießen, steigt Lanz sofort selbst. Neu ist auch die "Lanz-Challenge". Zuschauer gegen Moderator, das ist ein bisschen "Schlag den Raab". Vor allem, wenn Lanz und ein junger Mann sich Halterungen auf den Rücken schnallen, diese mit einer Bierkiste gefüllt werden und die beiden dann gegeneinander Liegestütze machen. Warum auch immer.

Ansonsten ist der Neue in dem gleichen Format gefangen, in dem auch schon der Alte oft an Grenzen stieß: auch bei Lanz läuft der Ami auf dem Sofa (Sonnabend: Jennifer Lopez) nach einigen Minuten wieder hinfort. Und natürlich hat Tatort-Star Wotan Wilke Möhring einen neuen Film, der ordentlich beworben wird. Die Wetten sind mal putzig, wenn ein kleiner Junge die Fahrplanauskunft macht, mal skurill, wenn eine Frau die Hunderassen am (abgeschnittenen) Fell erkennt und in Seelenruhe minutenlang den "Deutschen Drahthaar" ertastet. Zwischendurch wird es chaotisch, wenn die Außenwette anmoderiert, dann doch erst eine andere gespielt wird. Am Ende: Nichts neues, nur etwas anders verpackt. Aber eine Radikalveränderung war auch nicht der Plan.

Nach Frank Elstner, Thomas Gottschalk, Wolfgang Lippert, und Michelle Hunziker sollte Markus Lanz dem Konzept sein Gesicht leihen. 2014 ist klar, dass die Sendung eingestellt wird. Das Beste aus 212 Folgen „Wetten, dass...?!“

Auffällig in der Premiere, dass außer Jennifer Lopez keine US-Promis auflaufen. Und dass das ZDF bei der musikalischen Untermalung offenbar verstärkt an die jüngeren Zuschauer gedacht hat - Panda-Rapper Cro, die im Vergleich mit "An Tagen wie diesen" wieder etwas ungestümeren Toten Hosen und Plastik-Disko-Pop-Lady Lopez. Genau die jungen Zuschauer, Ironie des Schicksals, die inzwischen doch Gottschalk gucken, weil der jetzt bei RTL vermeintliche "Supertalente" bewertet. Zum jungen Trend passt auch die Co-Moderatorin. Aus einem Wohnwagen, den Sylvie und Rafael van der Vaart als Wetteinsatz mit einem Tandem durch die Halle fahren müssen, springt Cindy aus Marzahn.

Lanz wird, das ahnt man nach seiner ersten Ausgabe - der 200. Von "Wetten, dass...?" - mit dem Format zusammenwachsen können. Er wird dann Kandidatinnen, die ihn bitten, ihr während der Wette keine Fragen zu stellen, nicht mit einer Frage antworten. Er wird am Ende nicht Cindy aus Marzahn zuraunen "Sind wir spät geworden?". Er wird nicht so oft auflaufen wenn ein sperriger, wenngleich herrlich unterhaltsamer Karl Lagerfeld ihn auflaufen lassen will  ("Schafft er das, Herr Lagerfeld?" "Er würde ja nicht vortragen, wenn er es nicht könnte"). Und er wird Jennifer Lopez verpflichten, mit ihm zu tanzen, wenn sie ihn schon fragt, ob er das kann. All diese Dinge, die Gottschalk aus dem Stand getan hat. Aber Lanz hatte so eine Show bisher eben nicht. Er verdient die Chance, sich an sie zu gewöhnen. Die nächsten Gelegenheiten hat er am 3. November in Bremen (mit Robbie Williams und Selma Hayek), am 8. Dezember in Freiburg und am 19. Januar in Offenburg.

Die Quoten

Acht Millionen Zuschauer hat ZDF-Intendant Thomas Bellut einmal als Ziel erklärt. Acht Millionen sollten schon zusehen wollen, wie Markus Lanz Europas erfolgreichste Unterhaltungsshow moderiert. Zumindest am Sonnabend hat er das Ziel nicht nur erreicht, sondern weit übertroffen. 13,52 Millionen Deutsche sahen der Quotenmessung zufolge zu. Ein solcher Wert ist in den vergangenen sechs Jahren nur einmal erreicht worden. Thomas Gottschalk übertraf das mit seiner Abschiedssendung. Das Ende der Ära Gottschalk wollten Ende 2011 fast 15 Millionen sehen.Auch das Duell der Giganten - RTL zeigte "Supertalent" mit Dieter Bohlen und Thomas Gottschalk - konnte Lanz für sich entscheiden. Und das haushoch. Die Konkurrenz schalteten 4,57 Millionen ein, das entspricht einem Marktanteil von 14,1 Prozent und etwas mehr als einem Drittel des "Wetten, dass...."-Ergebnisses. In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen reichte es bei der Casting-Show für 20,8 Prozent, also 2,62 Millionen Zuschauern. Lanz dagegen erzielte mit 39,2 Prozent und 4,85 Millionen jüngeren Zuschauern fast das Doppelte.

Zuletzt hatte "Supertalent" in Quotenhinsicht immer wieder auf hohem Niveau geschwächelt. Die erste Folge im September sahen eine Million weniger als den Staffelstart im Vorjahr. Allerdings holte RTL Ende September wieder mehr als sechs Millionen Zuschauer vor den Fernseher und somit einen Marktanteil von über 20 Prozent. Ob die Ergebnisse von Sonnabend für Gottschalk allerdings wirklich so "katastrophal" sind, wie sie etwas der "Focus" einordnet, muss sich zeigen. Es ist davon auszugehen, dass das gute Ergebnis für Lanz vor allem auch auf die Neugierde der Zuschauer zurückzuführen ist. Wie sehr sie von dem 43-Jährigen überzeugt wurden, "Wetten, dass...?" auch zukünftig einzuschalten, wird die spannendste Frage für die kommenden Ausgaben.

Die Skandale

Echte Skandale hatte die Premiere von Markus Lanz nicht zu bieten - auch, wenn die Stadtwette im Vorfeld von der Düsseldorfer Politik heftig kritisiert wurde. Nachdem das Gerücht aufgekommen war, man wolle das Cover von "Reich und Sexy 2" der Toten Hosen am Landtag nachstellen, war man dort nicht begeistert. Auf dem Bild sind Dutzende nackte Frauen und die ebenfalls entblößte Band zu sehen. Das ZDF reagierte auf die Unruhe, erklärte die geplante Wette: 500 Fans sollten das Logo von Fortuna Düsseldorf nachbilden - allerdings wirklich unbekleidet. Lanz rechtfertigte das in der Sendung sogleich als Kunst. Hosen-Sänger Campino, Pate der Stadtwette, forderte immer wieder dazu auf, sich für den Verein und die Stadt nackt zu machen. Letztlich dürften die 500 Teilnehmer sogar ihre Unterwäsche anbehalten.Weil die Wette funktionierte, wird Lanz demnächst im Fortuna-Trikot von Düsseldorf ins Feindesland Köln und dort einmal um den Dom laufen.

Leicht überrascht dürfte manch "Wetten, dass....."-Zuschauer aber von den sprachlichen Umgangsformen gewesen sein. Lanz erzählte in seiner Eröffnung erst einmal, dass ihm Gemecker im Parkhaus "scheißegal" ist. Cro, der Rapper mit der putzigen Panda-Maske, rappt als Showact Dinge wie "doch eigentlich geb ich n' Fick auf Frau'n". Und Bülent Ceylan, der bei seinem Wetteinsatz seine Mikrofon-Technik verlor, bat Lanz, sie ihm doch wieder "in den Arsch" zu stecken. In den USA hätte das für einige Skandale gereicht, saßen doch Kinder im Saal. Aber mittlerweile ist das der deutsche Fernsehzuschauer offenbar einfach gewohnt.

Lanz hatte den Comedian auf einen Kindertrecker gesetzt und einen Parcours bewältigen lassen nachdem Ceylan eine Wette verloren hatte. Kandidat Johann Redl wollte auf zwei Reifen mit einem Trecker einen Slalom fahren, kippte aber schon nach wenigen Sekunden auf alle Viere zurück. Wieder kein Skandal, auch, wenn die Düsseldorfer Boulevardpresse es teilweise versuchte, dazu zu machen: Redl nahm seit 1992 zum fünften Mal an der Show teil. Neu geht anders.

Martina Sulner 05.10.2012