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Medien & TV „Mit Bohlen habe ich kein Problem“
Nachrichten Medien & TV „Mit Bohlen habe ich kein Problem“
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19:39 29.08.2011
„Gebt uns Zeit“: Till Brönner (40), mehrmals ausgezeichneter Jazzmusiker, glaubt weiter an den Erfolg des Formats „X Factor“. Quelle: VOX
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Herr Brönner, wollten Sie am Beginn Ihrer Karriere in die Carnegie Hall oder ins Fernsehen?
Mit 16 habe ich weder ans eine noch ans andere gedacht, weil für mich anfangs die Substanz eines Jazzmusikers erstrebenswert war. Mein jugendlicher Traum handelte von kaum mehr als einem Trompetenkoffer, mit dem ich von Klub zu Klub ziehe und gerade mal so viel verdiene, um es bis zum nächsten Auftritt zu schaffen.

Das hat sich heute geändert.
Sicher, aber wenn von diesem Wahnsinn kein letzter Rest vorhanden bleibt, stößt Jazz an seine Grenzen. Seine wahren Ressourcen kann man nämlich nicht im Fernsehen oder anderen großen Bühnen ausloten, sondern nur mit drei Fingern auf drei Ventilen. Das hat für mich dieselbe therapeutische Bedeutung wie damals.

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War Berühmtheit je das Ziel?
Im Innersten schon, wenn ich daran denke, wie groß der Wettbewerb in unserem Metier schon immer war. Sonst setzt man sich nicht durch. Am Ende aber führt er weg von der Musik.

Umso erstaunlicher, dass Sie nun einen Musikwettbewerb moderieren.
Die Wettbewerbsstruktur in solchen Formaten erzeugt den Nervenkitzel beim Publikum. Für die musikalische Entwicklung eines Künstlers und dessen Inhalte sind Wettbewerbe, durch die auch ich gegangen bin, nicht von großer Bedeutung.

Ist es besser in oder vor einer Jury zu sitzen?
Ganz klar: Vor einer Jury zu spielen ist schwieriger. Jedes Konzert findet letztlich vor einer Jury statt, und je kleiner das Publikum, desto aufgeregter bin ich, weil die Menschen umso kritischer sind. Hinter einem Jurypult herumzufläzen und sich die Musik kommen zu lassen, ist im Vergleich dazu ganz schön entspannt.

Was hat ein Jazzer in einer Jury verloren?
Die Stilisierung des Nischensuchers als Entschuldigung für Misserfolg hat mich schon immer gelangweilt. Mich stört Öffentlichkeit überhaupt nicht, mich stören auch keine kommerziellen Formate. Ich würde mir keine Lederhose anziehen und im „Musikantenstadl“ trompeten. Während „X Factor“ bei mir zu bleiben, empfinde ich dagegen als sehr kommod.

Und betreiben damit Eigenwerbung, die sogar gut bezahlt wird.
Ich bin es auch ohne „X Factor“ gewöhnt, für das, was ich tue, bezahlt zu werden. Dafür habe ich mein Leben lang hart gearbeitet. Aber ich bin kein Dienstleister, sondern mache, was ich gern mache, und das hat fast immer mit Musik zu tun. „X Factor“ ist nicht mein Kerngeschäft, aber ein Teilaspekt.

Rümpft die Jazzszene da die Nase?
Einige bestimmt, aber gar nicht wenige sagen, wir brauchen einen wie den Brönner, damit der Jazz überhaupt mal wieder eine Öffentlichkeit bekommt. Eine kontroverse Diskussion ist deshalb schon gut, weil in jedem zweiten Satz das Wort „Jazz“ fällt. Wenn es die Diskussion in Gang bringt, darf man dabei gern auch meine Person infrage stellen. Es sollte nur helfen, ein bisschen Einigkeit in die Szene zu bringen. Wenn wir uns untereinander streiten, machen wir uns das Leben nur noch schwerer.

Klingt da Harmoniesucht durch?
Auf gar keinen Fall! Ich will es nicht jedem Recht machen. Ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden und werde nicht über andere herziehen.

Auch nicht, wenn er sich neben Dieter Bohlen in die Jury setzt?
Auch dann nicht. Mein oberstes Kriterium ist zunächst mal, ich selbst zu bleiben. Dann kann neben mir sitzen, wer will, und sei es Dieter Bohlen. Mit dem hab’ ich überhaupt kein Problem, er kommt authentisch rüber. Und er folgt in vielerlei Hinsicht schlicht den Gesetzen des Fernsehens; ob man ihn mag oder nicht, steht auf einem völlig anderen Blatt.

Sehen Sie fern?
Selten. Dafür bin ich davon zu sehr gelangweilt. Das geht vielen meiner Generationsgenossen ähnlich. Sowohl zu den Zeiten, wo ich gern schauen würde, als auch nachts um zwei, wo ich es erschöpft und hungrig zum Runterkommen tue. In deutscher Kriegsgeschichte kenne ich mich dank N24 jedenfalls mittlerweile bestens aus.

Sie haben ein Problem mit den Inhalten, nicht dem Medium an sich.
Ganz genau. Das Medium an sich ist in Bewegung, und es ist spannend. Aber mein Fernsehen ist das der Zeit ohne Fernbedienung mit drei Programmen.

Und ohne Castingshows.
Und ohne Castingshows.

Können Sie bei folgenden Namen bitte sagen, ob Sie sie kennen?
Ich ahne, was kommt.

Daniel Siegert?
Kenne ich nicht.

Tobias Regner?
Sieger einer Castingshow.

Selina Shirin Müller?
Sagt mir nix.

Elli Erl?
Hat, glaube ich, auch mal mitgemacht in so einer Sendung.

Gewonnen sogar, wie alle Genannten. Und danach gescheitert. Wie schafft „X Factor“ da mehr Nachhaltigkeit?
Durch den unbedingten Willen dazu. Auch in England kam nach drei Staffeln Leona Lewis. Gebt uns Zeit; wenn es eine Erfolgsgarantie gäbe, wären wir alle reich. In der Musik ist der Weg das Ziel, nicht das Wort „Star“.

Interview: Jan Freitag