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19:57 11.01.2015
Zu viert in Dortmund: Martina Bönisch (Anna Schudt, v. l.), Daniel Kossik (Stefan Konarske), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Peter Faber (Jörg Hartmann) ermitteln. Quelle: ARD
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Dortmund

In der griechischen Mythologie ist die Hydra ein vielköpfiges, schlangenähnliches Ungeheuer. Der Halbgott Herakles bekommt die Aufgabe, es zu töten. Doch jedes Mal, wenn er einen Kopf abschlägt, wachsen dafür zwei neue nach. „Hydra“ ist auch der Titel des neuen Dortmunder „Tatorts“.

Der Krimi beginnt mit der Ermordung eines lokalen Nazi-Anführers, doch ein Nachfolger ist schnell gefunden. Der Film setzt den antiken Stoff auf überzeugende Weise in Beziehung zum Neonazi-Schreckgespenst, das sich in dieser Folge so vielgesichtig zeigt wie die Hydra: Da gibt es die recht klischeehaften Skinheads mit auffälligen Tätowierungen und Prollgehabe, da gibt es aber auch die eher punkig-alternativen „Dortmunder Nationalsozialen“. Die menschenverachtende Ideologie lauert hier im intellektuellen Studentenmilieu, zu den Hasspredigern gehört auch eine Frau mit lilafarbener Haarsträhne. Jürgen Werner (Drehbuch) und Nicole Weegmann (Regisseurin) tragen dem Trend Rechnung, dass einige Nazi-Gruppierungen das Erscheinungsbild der Antifa imitieren.

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Glatze war gestern - lange Matte ist heute, so heißt es etwa in einem Artikel auf der Website jugendschutz.net, auf der im Auftrag der Länder neonazistische Jugendbewegungen analysiert werden.

Das sind die Ermittlerteams, die derzeit im „Tatort" auf Verbrecherjagd gehen.

„Wir sprechen das aus, was die schweigende Mehrheit denkt“, sagt der neue Anführer der Rechtsradikalen im Film. Diesen Spruch hört man dieser Tage wiederholt. In Zeiten von Pegida und AfD, wenn populistische Parolen allgegenwärtig sind und die Bundeskanzlerin in ihrer Neujahrsansprache vor der Verführung durch intolerante Rädelsführer warnt, ist die Hydra „neuer Nationalismus“ ein hochaktuelles Thema. In diesem WDR-Krimi wird es vielschichtig und spannend behandelt, auch die V-Mann-Problematik angerissen.

In die Rolle des Herakles schlüpft der wie immer herrlich provokative Hauptkommissar Peter Faber. Jörg Hartmann gibt den schrulligen Profiler, der sich in den Mörder hineinzuversetzen versucht („Es hat mir nicht gereicht, dich zu erschießen, ich musste dich auch noch schlagen“) und mit Mettbrötchen Informationen aus einem Obdachlosen hervorlockt. So charmant er gegenüber den Randfiguren der Gesellschaft ist, so sozial inkompetent verhält er sich gegenüber Kollegen, sodass ihm seine Partnerin Martina Bönisch (Anna Schudt) schon mal einen Kaktus auf den Schreibtisch stellt. Ihm zur Seite steht Daniel Kossik (Stefan Konarske), dessen Bruder bei den Nationalsozialen mitmischt. Robert Stadlober („Sonnenallee“) ist jedoch zu sehr Schwiegermutters Liebling, als dass man ihm in dieser Nebenrolle den Schläger abnähme. Star dieses „Tatorts“ ist Aylin Tezel als Oberkommissarin Nora Dalay, die als Türkin von Stadlober und Co. überfallen wird. Als sie ihr ein Hakenkreuz auf den Bauch sprühen, geraten ihr Selbstbewusstsein und Weltbild ins Wanken. Eine starke Schauspielleistung.

Die Ermittler geraten immer tiefer in den braunen Morast. Weshalb wurde der Mord an einem jüdischen Mann bis heute nicht aufgeklärt, obwohl ein Video zeigt, wie ein Zeuge direkt am Tatort Geld an einem Automaten abgehoben hatte? Hat gar die Frau des Toten aus Rache den Nazi-Anführer erschossen? Und wer ist der Maulwurf bei der Polizei, der Ermittlungsdetails weiterreichte? „Hydra“ zeigt die Fragilität unserer Rechts- und Sicherheitsordnung. Im Mythos besiegt Herakles das Ungeheuer, indem er die abgeschlagenen Hälse ausbrennt. Das starke Schlussbild dieses „Tatorts“ erzählt eine andere Geschichte.

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