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Medien & TV Morden im Norden
Nachrichten Medien & TV Morden im Norden
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18:49 13.10.2009
Quelle: ddp (Archiv)
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Es hat was Beruhigendes, fast Kontemplatives durch Nordkarelien zu fahren. Bäume, sagt Jan Turunen auf seinem Weg durch Finnlands unendliche Weiten. Bäume, Bäume, Bäume – immer wieder betet der Fahrer das Mantra von Europas waldreichster Gegend. Immer wieder „trees, trees, trees.“ Über was soll man schon reden, in und um Ilumantsi, einem verschlafenen Provinznest an der russischen Grenze, dem östlichsten Punkt der kontinentalen EU?

Nun, Jan Turunen könnte „Tatort, Tatort, Tatort“ sagen und wird es wohl künftig auch tun, wenn er wieder Gäste durch seine Heimat kutschiert. Denn Deutschlands beständigste Serie macht Station in der laubgrünen Seenlandschaft, gut 400 Kilometer östlich von Helsinki, und es könnte kaum weniger auffallen, wäre ein Raumschiff in dieser Einöde gelandet.

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Es ist zwar nur ein dreißigköpfiges Filmteam, das drei Wochen lang eingefallen ist, mit einem Tross Technik vom Studio Hamburg im Schlepptau. Aber für großes Aufsehen in der an Aufsehen armen Gegend reicht das allemal. Axel Milberg und Maren Eggert, der Hauptkommissar und seine attraktive Polizeipsychologin, sind Tagesgespräch. Als der Aufnahmeleiter seinen Führerschein verliert, berichtet die Lokalpresse. Es gibt Geschenke vom Bürgermeister, Dankesreden vom Tourismusbüro und viel Schnaps, der auch hier so heißt. Sogar der Hauptstadtabgeordnete ist da und erklärt weinselig, wie man sich bei Bärenkontakt verhält.

Keine Frage – es gibt was zu feiern in Finnland. Dort wo ein Dutzend Filme im Jahr entstehen – so viele wie in Deutschland täglich. Und nun löst die Mordkommission Kiel in Nordkarelien einen vertrackten Mordfall. Zu vertrackt, um ihn schnell zu erklären. Man könnte sie auch verschroben nennen, die Story eines deutschen Jugendlichen, der bei einer Resozialisierungsmaßnahme in eine finnische Gangstergeschichte gerät. Verschroben wie die spröde Herzlichkeit vor Ort, wie Axel Milberg, der Hauptdarsteller, wie die ganze Szenerie fernab seiner fiktiven Heimat an der Ostsee.

Axel, nicht so schlurfen“, ruft ihm Hannu Salonen zu. „Axel, weniger nuschelig“, ergänzt der finnische Regisseur akzentfrei. „Axel, keep your Energy“, fügt er im Slang des binationalen Sets hinzu. Salonen ist heimgekehrt, nach 15 Jahren Berliner Exil. Vor allem in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern hat er Fernseh- und Kinofilme gedreht. Nur zu Hause arbeitet er erstmals, seitdem er als Jugendlicher weggezogen ist.

Familiär geht es zu. Aus einer Fahrschule am Rande Ilumantsis hat der brillante Requisiteur aus Helsinki das Klischee einer örtlichen Polizeistation gezaubert. Zwischen funktionaler Tristesse in Trennwandgrau und Sperrholzbeige herrscht ein launiger Tonfall – bei allem Stress, ein Verhör in den Kasten zu kriegen, aus fünf Perspektiven. Gleich wird Maren Eggert nun als Psychologin Frieda Jung Kommissar Borowski fragen, wie er in 6000 Quadratkilometern Wald den vermissten Ralph finden will. Und Action!

Filmdrehs im Ausland sind bei aller deutschen Finanzkraft die Ausnahme. Fürs Reisen gibt es extra Formate: „Traumschiff“, schwedische Schmonzetten, Pilchers Landadelschmalz. „Vor zwei Tagen kam Sibel Kekili am Set vorbei“, sagt Hannu Salonen. Zufällig. Sie drehe ganz in der Nähe einen ARD-Mittwochsfilm. Der geht öfter auf Auswärtsfahrt. Feste Reihen mit festen Etats kehren hingegen eher vor der eigenen Haustüren. Es regiert der Sparzwang. Selbst dem „Tatort“ wurde ein Zehntel gestrichen. Da reicht es für Maria Furtwängler höchstens mal zur Spurensuche in Barcelona.

Ein 90-minütiger Grenzübertritt – das geht nur mit solventen Partnern wie Talvi. Zehn Kieler Folgen hat der finnische Sender gekauft, mit Fördermitteln beider Länder kostet ein „Tatort“ so gerade mal 250.000 Euro mehr als üblich. Kerstin Ramke grinst: „So ein Koproduzent ist wie ein Jackpot.“ Skandinavien ist ohnehin ein gutes Pflaster für Nordlichter. Nicht nur wegen der Mentalität, die Henning Mankell 2010 in zwei Borowski-Scripte verwandelt; man schätzt die Infrastruktur. Das Geld dahinter.

Tags drauf ruhen an einer öden Landstraße die Dreharbeiten: Salonen telefoniert. Lang, sehr lang. „Es geht um Kohle“, sagt der Regieassistent, „viel Kohle.“ Doch das Warten lohnt sich, denn mit der nötigen finanziellen Unterstützung kann man Flecken wie diesen zu Drehorten machen und einen pittoresken Krämerladen filmtauglich. „Solche Kulissen bei so wenig Betrieb“, Robert Obermaier strahlt, „die gibt’s eigentlich gar nicht“. Für einen Tag verdoppelt der „Tatort“ die Einwohnerzahl von Hattuvaaran, drei Jungs bitten den Nebendarsteller Antti Reini, in Finnland ein Star, um Autogramme. Zwei Rentiere laufen verhaltensgestört durchs Gatter nebenan.

Axel Milberg wirkt geradezu eingeboren. Er hat dieses ziellos Stromernde, vorgebeugt Wortkarge jener Finnen, die man aus Kaurismäkis Filmen kennt, aus Sagen stockdunkler Wintertage. Kein Wunder, meint Salonen, sein Taktgeber, „es gibt eine organische Verbindung“ zwischen Kiel und Karelien, diese dröge Atmosphäre: still, melancholisch, voll Pathos. Milberg passt hier so gut her wie sein 14. „Tatort“.

Er heißt „Tango für Borowski“, und fast tanzt er ihn auch am Abend. Das Team feiert den Geburtstag der Garderobiere, auf dem Hotelbalkon gibt es Sekt mit Blattgold von Milberg. Finnisch, sagt Axel Milberg, klinge wie die letzten Buchstaben beim Scrabble, die man nirgendwo unterkriegt. Dann geht er zu Bett und schläft wie ein Toter, sagt er. Karelien beruhigt.

von Jan Freitag