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Medien & TV Das deutsche „Breaking Bad“
Nachrichten Medien & TV Das deutsche „Breaking Bad“
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10:28 22.03.2014
Von Imre Grimm
Kann der auch düster? Bastian Pastewka. Quelle: dpa
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„Wir haben verstanden“, plakatierte der Autobauer Opel 2009, als Image und Wirtschaftslage der Firma auf dem Tiefpunkt waren. „Wir haben verstanden“, sagte auch der damalige FDP-Chef Guido Westwerwelle 2011, als Image und Umfragelage der Partei auf dem Tiefpunkt waren. Nun scheint es, als hätten ARD und ZDF verstanden. Wenigstens ein bisschen. Vielleicht nützt es ihnen mehr als Opel und der FDP.

Seit Jahren klagen Kritiker – im Verein mit den verbliebenen unverzagten Programmmachern – über den Mangel an Innovationskraft bei ARD und ZDF. Über die Verkrustung der Sendeschemen. Über eingefrorene Gewohnheiten, Anstaltsproporz und Feigheit. Über den Mangel an Sendeplätzen für Miniserien. Darüber, dass man seit drei Jahren mit plüschigen Schmunzelkrimis aus dem Schrotgewehr versucht, den ARD-Vorabend zu beleben. Darüber, dass es im Ersten nichts zu lachen gibt. Darüber, dass man lieber stumpf Sendeplätze füllt, statt von Programmideen aus zu denken. Nun endlich tut sich etwas auf den öffentlich-rechtlichen Baustellen.

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Das vielversprechendste Projekt hat ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler angekündigt: Anfang 2015 zeigt das Zweite die vierteilige Drama-Miniserie „Morgen hör’ ich auf“, in der Bastian Pastewka einen arbeitslosen Grafiker aus dem Taunus spielt, der Falschgeld druckt, um seine Familie durchzubringen. „Eines Tages steht dann die Mafia vor seiner Tür“, sagte Himmler in einem „FAZ“-Interview.

Ein Familienvater, dessen Idylle ins Wanken gerät? Ein Normalverbraucher, den die Not in die Kriminalität zwingt? Das klingt nicht zufällig nach dem US-Hit „Breaking Bad“, in dem der Chemielehrer Walter White Crystal Meth herstellt, um zu überleben. Nicht ganz so düster, nicht ganz so mephistophelisch soll der ZDF-Vierteiler werden, eben ein bisschen deutscher – aber immerhin: mit Pastewka in einer ernsten Rolle. Und als Vierteiler. Nur wer wagt, kann gewinnen. „Eine kompakte Programmierung erlaubt eine höhere Komplexität der Geschichte und ihrer Figuren“, sagt Himmler. Zu dieser Erkenntnis, nur wenige Jahrzehnte nach Beginn des Serienbooms in England, Skandinavien und den USA, ist dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu gratulieren.

Geplant sind außerdem neue Comedyshows: Schon im April startet die Politcomedy „Vier sind das Volk“ mit Wigald Boning, Bernhard Hoёcker, Sebastian Pufpaff und Philip Simon. Dazu gibt’s Sitcoms: etwa eine zweite Staffel der selbstironischen ZDF-Sause „Lerchenberg“ mit Sascha Hehn (die gern noch etwas böser als die erste sein darf) oder das Projekt „Ellerbeck“ mit Cordula Stratmann als Kindergärtnerin, die zur Bürgermeisterin wird.

Und in der ARD? Dort hat man nicht nur Olli Dittrich für vier Jahre an sich gebunden – für zunächst zwölf neue „Dittsche“-Folgen und acht neue Ausgaben des „Frühstücksfernsehens“, in denen Dittrich unter dem Arbeitstitel „TV-Zyklus“ klassische Fernsehformate verkaspert, wieder unterstützt von Cordula Stratmann. Vorabendkoordinator Frank Beckmann bremst gleichzeitig seine Lokalkrimioffensive: Nur noch dienstags („Morden im Norden“, „Akte Ex“) und mittwochs („Hubert und Staller“, „München 7“) sollen Filme der Reihe „Heiter bis tödlich“ laufen.

Donnerstags gibt’s Familien- und Anwaltsserien (etwa „Ein Fall von Liebe“ mit Francis Fulton-Smith und Mariella Ahrens). Und freitags plant Beckmann tatsächlich Comedy. Am Vorabend. Das ist riskant und neu. Ganz neue Adjektive fürs ARD-Programm. Wann die Reform der Reform startet, steht noch nicht fest.

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