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Medien & TV „Deutschland ist Doku-Land“
Nachrichten Medien & TV „Deutschland ist Doku-Land“
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09:42 07.01.2014
ERIC FRIEDLER (43) ist deutsch-australischer Journalist und NDR-Dokumentarfilmer. Mit „Das Schweigen der Quandts“ oder „Aghet – ein Völkermord“ hat er TV-Geschichte geschrieben. Heute Abend um 22.45 Uhr in der ARD porträtiert er in der 90-Minuten-Doku „The Voice of Peace – der Traum des Abie Nathan“ den seinerzeit populärsten Nahost-Friedensaktivisten (links). Der Playboy, Humanist, Musikfan und „gute Mensch“ (Yoko Ono) kämpfe unermüdlich für Versöhnung und strahlte unter anderem seit den frühen siebziger Jahren von einem Schiff im Mittelmeer sein Radioprogramm „Voice of Peace“ aus. Mithilfe zahlreicher prominenter Freunde setzte er sich für den Frieden ein. Quelle: NDR/Pressebild.de/Bertold Fabric" (S1)
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Herr Friedler, wie sind Sie bloß auf Abie Nathan gekommen, einen weltberühmten Friedensaktivisten, den kaum einer kennt?

Ich habe seinen Namen in einer Liveversion von John Lennons Song „Give Peace A Chance“ gehört und nachrecherchiert, bis er mich nicht mehr losgelassen hat. Das war wie ein Dominostein; ich wurde immer verblüffter, mit wie vielen berühmten Menschen man seinetwegen Interviewtermine kriegt, die sonst schwer erreichbar sind.

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Shimon Peres, Yoko Ono, Michael Caine.

Zubin Mehta, Daniel Barenboim – da war allein der Name ein Türöffner.

Prominente Fürsprecher allein reichen aber nicht für eine Doku.

Nein, es ist Abie Nathan selbst, der in keine Schublade passt: Lebemann, Bohemian, Playboy, Gastronom und Pilot, der aber auch nach Kambodscha ging, um Menschen beim Überleben zu helfen. Diese Widersprüchlichkeit zerstört das Klischee vom Friedensaktivisten in Wollsocken. Dass er dennoch in Vergessenheit geraten ist, zeigt nur, wie schnelllebig unsere Zeit ist.

Ist es die Aufgabe des Dokumentarfilmers, vor Gedächtnisverlusten zu schützen?

Ich bin zwar nicht Hanns-Joachim Friedrichs, der sagte: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache“, liefere bei aller Leidenschaft fürs Thema aber auch keine Botschaften. Was mich interessiert sind nicht Statements, sondern gute Geschichten wie Abie Nathan, der mit scheinbarer Naivität der irrsinnigen Logik ringsum trotzt.

Eine Figur muss also nicht populär sein, um dokumentarfilmwürdig zu sein?

Genau. Deshalb spielen meine populärsten Protagonisten Yoko Ono und Michael Caine auch nur kleine Rollen unter den 34 Interviewpartnern.

Brächte mehr Popularität nicht mehr Aufmerksamkeit?

Das mag sein. Aber bei meiner Dokumentation über die Toten Hosen, „Nichts als die Wahrheit“, hat mich deren Name ebenso nur am Rande interessiert wie der von Israels Staatspräsident Shimon Peres. Es geht darum, was man sagt, nicht was man ist.

Aber wie bitte kommt man denn an den israelischen Staatspräsidenten ran. Da ruft man ja nicht einfach im Vorzimmer an und verlangt nach Herrn Peres …

Doch. Und die Sekretärin fängt an zu lachen. So ist das Geschäft: Man muss es immer wieder versuchen, auch und gerade bei Berühmtheiten mit 80-stündigem Terminkalender pro Woche, um das Glück dieses einen Augenblickes zu erwischen, wo es plötzlich heißt: Yoko Ono hat jetzt Zeit für Sie. Aber schwieriger als die berühmten Leute sind meistens diejenigen, die sie vor der Außenwelt abschirmen wollen. Ich will mit ihnen ja über etwas reden, was sie berührt.

Wie Abie Nathan.

Bis ich überhaupt so weit komme, einen direkten Kontakt aufzubauen, dauert es oft Monate, weil einen die entsprechenden Personen nicht ernst nehmen. Die Macht des Vorzimmers wird unterschätzt. Die Kraft des Glückes aber auch. Ein guter Film kriegt beides zu spüren.

Braucht ein guter Film auch achtfach gesplittete Bildschirme und Comicfirlefanz, oder reicht Ihr konventionelles Modell mit der gewohnten Mischung aus Archivmaterial, Zeitzeugenberichten und ein paar Gimmicks wie vierdimensional arrangierte Fotos?

Auch ich versuche neue Dinge, halte „konventionell und gewohnt“ aber nicht für das Schlechteste. Ihrer Zeit voraus, das waren schließlich andere: Eberhard Fechner, Dieter Meichsner, Horst Königstein. Verglichen damit erfinde ich das Fernsehen sicher nicht neu. Man kann alles ausprobieren, es gibt keine formalen Vorgaben, keine Genreregeln, und die Wahl der Cutterin ist für Filmemacher ähnlich wichtig wie die, mit welcher Frau man Kinder haben möchte. Was der Geschichte dient, ist erlaubt.

Auch Reenactment, also das Nachspielen realer Begebenheiten?

Kein Reenactment, sondern echtes Schauspiel – ja. Eben keine Laiendarsteller, die durch die Szenerie hetzen, um etwas Schauwert zu erzeugen. Man muss manchmal Menschen zum Leben erwecken, um ihre Geschichte zu verstehen, mit richtigen Schauspielern und viel Liebe zum Detail. Das mache ich dann auch. Wo das Dokumentarische mit seinen klassischen Mitteln an seine Grenze kommt, kann man mit Wissen und Feingefühl die Geschichte szenisch weitererzählen.

Fühlen Sie sich vom deutschen Fernsehen als Dokumentarfilmer gut behandelt?

[Zögert lange] Ja. Deutschland ist Doku-Land, da wird andernorts weit weniger Zeit drauf verwendet. Hier gibt es auf allen Sendeplätzen zu allen Zeiten sehr schlechte bis sehr gute Dokumentationen zu sehen. Das deutsche Fernsehen bekennt sich also zum Dokumentarfilm.

Der Sendeplatz Dienstagnacht, viertel vor elf, ist für Sie okay?

Andere Filme von mir wie „Nichts als die Wahrheit“ über die Toten Hosen oder „Ein deutscher Boxer“ über Charly Graf liefen weitaus später im Programm – irgendwo zwischen Mitternacht und Frühstücksfernsehen. Da frage ich mich mitunter auch: Warum? Aber ehrlich: Es wird ja auch in den Dritten wiederholt. Ich freue mich, dass der Film im Ersten gesendet wird.

Interview: Jan Freitag

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