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Medien & TV „Lebenslang ein Verlierer“
Nachrichten Medien & TV „Lebenslang ein Verlierer“
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11:05 26.01.2014
Der gescheiterte US-Präsidentschaftskandidat der Republikaner Mitt Romney im Wahlkampf 2012. Quelle: dpa
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Washington

Gleich die erste Szene zeigt Mitt Romney in seiner schwersten Stunde. Nach einem sechs Jahre langen Kampf um die US-Präsidentschaft sitzt er am Wahlabend des 6. November 2012 in einem Hotelzimmer in Boston und sieht seinen Lebenstraum platzen.

Die Niederlage gegen den Amtsinhaber Barack Obama erwischt ihn kalt. „Was sagt man in einer Verlierer-Rede“, fragt er die versammelte Familie benommen, tippt dabei frustriert Wörter in sein iPad und lacht nervös. Niemand mag antworten, die Stimmung ist katastrophal. Und die Kamera hält unerbittlich alles fest.

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Es ist ein einzigartiger Blick hinter die Kulissen, den die neue Dokumentation „MITT“ über den Beinahe-Präsidenten der Vereinigten Staaten bietet. Seit 2006 hatte der Filmemacher Greg Whiteley den Multimillionär bei seinen zwei vergeblichen Anläufen ins Weiße Haus begleitet, unglaublich nah ist er ihm dabei gekommen.

Seit dem Wochenende können sich die Amerikaner das Werk in der Online-Videothek Netflix anschauen. Der US-Anbieter rollt derzeit mit Eigenproduktionen den Fernsehmarkt auf – die Romney-Doku ist ein weiterer Exklusiv-Erfolg.

Der Streifen zeigt einen Mitt Romney, den die Öffentlichkeit bisher nicht zu Gesicht bekommen hat. Er galt als Langweiler, als herzloser Millionär, als Wendehals. Doch in den rund 90 Minuten „MITT“ sieht man nur den liebevollen Familienvater, witzig, bescheiden, gottesfürchtig.

Er trägt Winterhandschuhe, deren Löcher er mit Klebeband geflickt hat. Er isst Nudeln mit Plastikgabeln und räumt noch eine Stunde vor seiner ersten TV-Debatte gegen Obama den Müll seiner Enkelkinder weg. Ja, er bügelt sogar sein eigenes Hemd – zur Belustigung der Zuschauer während er es anhat. „Autsch, autsch“, sagt er dabei. Köstlich.

Einen übellaunigen oder aggressiven Romney sieht man kaum. Ist das realistisch? Er hat Millionen damit verdient, Firmen zu zerschlagen. Er hat sich in der republikanischen Partei ganz nach oben gekämpft, was sicher nicht ohne Hauen und Stechen funktioniert. In „MITT“ ist von einem Alpha-Tier aber wenig zu sehen.

Am stärksten sind die Szenen, die einen Mann voller Selbstzweifel zeigen. Resigniert stellt er nach der Niederlage 2008 fest, was sein Problem ist: Die Marke Romney ist kaputt. Für die Medien sei er nur der „wankelmütige Mormone“, sagt er. „Ich bin ein beschädigter Kandidat“. Seine vom Wahlkampf erschöpfte Frau Ann begräbt den Präsidententraum da schon: „Ich will das nicht nochmal machen.“

Dennoch wirft Romney seinen Hut für 2012 erneut in den Ring. Nervös wirkt er immer noch, aber auch überzeugt, ins Weiße Haus zu gehören. Als sei es vorherbestimmt. Am Ende jedoch holen ihn die eigenen Worte vom Beginn seiner Kandidatenzeit ein. Wer bei der Präsidentschaftswahl unterliege, sei „lebenslang ein Verlierer“, hatte er damals gewitzelt.

Die Doku hätte fast das Zeug dazu, Mitleid mit ihm auszulösen. Doch dafür ist sie zu oberflächlich. Der Zuschauer erfährt kaum etwas über den Politiker. Sie ist eine Aneinanderreihung von Szenen, die den heute 66-Jährigen mit seinen Söhnen, den Schwiegertöchtern, Enkeln und seiner Ehefrau zeigen. Romneys Berater verboten Whiteley, der selbst auch ein Mormone ist, das Filmen bei strategischen Besprechungen.

Doch selbst wenn Romney über weite Strecken sehr gut wegkommt, ist die Kernaussage des Films entlarvend: Bis zum Schluss seiner sechs Jahre langen Odyssee scheint er die Wähler nicht verstanden zu haben.

Fast ausschließlich spricht er auch privat davon, mittelständischen Unternehmern helfen zu müssen, die zu viele Steuern zahlten. Dass die Mehrzahl der Bürger andere Probleme hat, ist ihm irgendwie entgangen.

Dass er auf einer Insel fernab der Realität lebt, macht schließlich die Szene am Wahlabend deutlich. Geleitet von fehlerhaften Umfragen ist Romney von seinem Sieg gegen Obama überzeugt. Ahnt er wirklich nicht, dass ihm schon Wochen zuvor ein heimlich aufgenommenes Video das Genick brach, in dem er 47 Prozent der Wähler als unregierbare Sozialschmarotzer abgetan hatte?

Er werde das Land als Präsident zu „neuen Dimensionen des Wohlstands“ führen, schrieb Romney in seine Siegesrede, erfährt man. Der Text wird nun ewig in der Schublade bleiben. „Meine Zeit auf der Bühne ist vorbei, Leute“, gehört zu seinen letzten Sätzen in dem Film.

Von Marco Mierke/dpa

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