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14:23 08.01.2014
Von Imre Grimm
Ohne Proben nach oben: Diese Damen und Herren bewerben sich in der Show „Millionärswahl“ um eine Million Euro. Quelle: Pro7
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Hannover

Natürlich ist das Quatsch, wenn ein Mann in einem grünen Froschkostüm Mofa fährt, aber es sieht halt schon lustig aus. Und lustig ist schon mal gut bei einer Show, die alles Mögliche sein darf, nur nicht langweilig. Im Prinzip ist alles erlaubt beim Fernsehexperiment „Millionärswahl“ - alles jedenfalls, was originell, sehenswert, charmant, sympathisch und legal ist, so wie der grüne Mofafrosch in dem Musikvideo der Rappertruppe „Knallfrosch Elektro“.

Die bewirbt sich - wie 48 andere Projekte, Künstler, Sänger, Akrobaten und fröhliche Spinner auch - um den Sieg bei dieser Castingshow, die dem ausgelutschten Genre tatsächlich noch mal einen neuen Dreh abringen will. Keine Jury, kein Experte, keine TV-Dramaturgie entscheidet über Wohl und Wehe der Teilnehmer, stattdessen waren es die rund 27.000 Bewerber selbst, die in den vergangenen Wochen im Netz unter sich die Favoriten ausmachten. 49 von ihnen dürfen sich von Donnerstagabend, 20.15 Uhr an in acht Liveshows bei Pro7 und SAT.1 um den Hauptgewinn von einer Million Euro bewerben. Nur das TV-Publikum, die Onlinegemeinde der 27.000 und die sieben TV-Kandidaten selbst bestimmen jeweils, wer ins Finale am 31. Januar kommt.

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Es gab nur drei Regeln: „Zeig‘, wer Du bist. Mach, was Du willst. Tu, was Du kannst. Hauptsache, Du wirst gewählt.“ Und so machten sie seit November Wahlkampf in eigener Sache: eine Fitnesstruppe namens „Beast Brothers“ aus Schöppingen, ein bayerischer Breakdancer, ein Cannabis-Lobbyist aus Berlin, ein 36-Jähriger, der das Geld für die Pflege seines 12 Monate alten, kranken Patenkindes Neele braucht, und Jan Winter (33) und Gianna Chanel (26), die Betreiber eines sextherapeutischen YouTube-Kanals. Und natürlich die überwiegend bärtigen Krautrocker der Gruppe GIFT aus Augsburg, die 1974 mal einen Top-Ten-Hit hatten („Got To Find A Way“) und seither dem verblühenden Ruhm nachjagen.

Krankes Kind. Kiffer. Sextherapeuten. Frösche. Akrobaten. Das klingt erst mal schwer nach Tränendrüse und Tinnef, nach „Supertalent“ trifft „Helfer mit Herz“ trifft „Ups, die Pannenshow“. Bei den Schwestersendern Pro7 und SAT.1 sowie der Produktionsfirma Brainpool jedoch hat man ziemlich hohe Erwartungen an dieses „crossmediale Event“. ProSiebenSAT.1-Geschäftsführer Wolfgang Link spricht gar zuversichtlich vom „digitalen ,Wetten, dass..?‘“ - was drezeit vielleicht kein allzu taugliches Richtmaß ist.

Die „Millionärswahl“ ist der nächste Versuch, lineares Fernsehen und Online krampflos zu versöhnen - ohne dass eine elektrisch lächelnde Blondine Tweets aus dem Netz vorliest oder eine Kamera Webseiten abfilmt. Und warum denn auch nicht? Live-TV-Entertainment lebt davon, dass sich Eigendynamik entwickelt, dass plötzlich unkalkulierbare Kräfte wirken, ein Sog entsteht. Das entspricht exakt dem YouTube-Prinzip. Plötzlich liebt das Publikum das Mauerblümchen, plötzlich stürzt der Favorit. Und anders als in allen anderen Castingshows greift der Sender nie direkt ins Geschehen ein. Die Marke „Millionärswahl“ soll bloß als nackte Plattform für TV-Demokratie dienen, als weißes Blatt Papier. Es ist quasi ein filterloses Format. Das war riskant, sagt Moderatorin Jeannine Michaelsen dem Branchendienst DWDL. Sie habe phasenweise auf der Bewerberwebseite „auch viel schlechten Quatsch gesehen“ und insgeheim um die Liveshows gefürchtet. „Da fragt man sich schon: Was machen wir eigentlich, wenn alle 49 Finalisten das Geld vom Dom werfen oder eine Sauftour auf Mallorca machen wollen?“ Am Ende aber zeige sich, dass die Leute „nicht nur sinnbefreiten Quatsch sehen wollen“. „Es sind viele dabei, die sich schon seit Jahren intensiv und leidenschaftlich mit einer bestimmten Sache beschäftigen, die sie uns präsentieren möchten.“ Ihr zur Seite steht als Mitmoderator das unverwüstliche Pro7-Multitool Elton (42).

Michaelsen brachte als „ZDF-Twittertussi“ (Michaelsen) während der Fußball-WM 2012 am Usedomer Ostseestrand Oliver Kahn das Twittern bei und fiel dabei auf einen Harald-Schmidt-Fakeaccount herein - von der traditionell kulanzfreien Netzgemeinde auf das Hämischste belacht. Doch das ist Vergangenheit. Inzwischen hält die 32-jährige gelernte Bühnendarstellerin aus Köln als souveräne Gastgeberin von „Joko & Klaas - Das Duell um die Welt“ ihre Pro7-Kollegen Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt im Zaum und moderiert beim Radiosender 1Live.

Demokratie als Showkonzept? Das klingt erst mal nur mäßig elektrisierend, wenn man nicht gerade in Ägypten oder auf Kuba lebt. Die Sender hoffen jetzt auf die Schwarmintelligenz ihrer Zuschauer.

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