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Medien & TV Neujahr in China: Wir sind das Volk!
Nachrichten Medien & TV Neujahr in China: Wir sind das Volk!
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10:32 27.01.2009
"Vor allem ist das für uns alle eine große Party": Der Rapper aus der Provinz, die Moderatorin, der geschminkte kleine Sänger, Stars der Internetgala. Quelle: Bartsch
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Der Gesang ist schief, aber er kommt aus tiefstem Herzen. „Liebe Soldatenbrüder, ich weiß nicht, wo ihr seid“, schmettert Han Zurong, „aber ich wünsche euch ein schönes Jahr.“ Der 29-Jährige hat das Lied selbst geschrieben und wenn er singt, geigt vor seinem inneren Ohr ein ganzes Orchester mit. Dabei steht Han allein zwischen Haufen schmutziger Bettlaken in der Wäschekammer eines Tagungshotels am Stadtrand von Peking.

Am Sonntagabend, in der chinesischen Silvesternacht, war Han mit seinem Auftritt beim spektakulärsten Webereignis dabei, das China je erlebt hat. In einer Onlinegala versuchten Wanderarbeiter, Hausfrauen, Bauern, Jugendliche und Kleindarsteller, dem opulenten Festprogramm des Staatsfernsehens die Show zu stehlen.

Im wirklichen Leben arbeitet der ehemalige Soldat Han als Packer auf einem Pekinger Verladehof. Aber warum sich von der Realität einschüchtern lassen? Einmal hat Han hinter dem Rücken seiner Frau, einer Sojamilchverkäuferin, 2000 Yuan (200 Euro) gespart und eine Demo-CD aufgenommen, die er ans chinesische Fernsehen geschickt hat, neunmal, ohne je eine Antwort zu erhalten. „Als sie dahinterkam, gab es ein ziemliches Donnerwetter“, erzählt Han. Inzwischen kann er darüber lachen. Denn er hat ja sein Millionenpublikum doch noch bekommen.

Monatelang war die „Schanzhai-Frühlingsfestgala“ eines der am heißesten diskutierten Themen in chinesischen Chaträumen. Zwar griffen die Zensurbehörden am späten Sonntagabend im letzten Moment ein und gestatteten statt einer Live-übertragung nur die Ausstrahlung von Probeaufnahmen. Doch Chinas Internetgemeinde feierte das Projekt trotzdem als Erfolg: Noch nie hat sich Pekings Propagandaapparat vom eigenen Volk dermaßen vorführen lassen.

„Wir bieten dem Volk eine Bühne“, sagt Shi Mengqi, der 36-jährige Initiator der Revue am Vorabend der Ausstrahlung. Er trägt Schal und Mantel, denn der Veranstaltungsraum des Hotels, in dem seine Truppe seit Mitte Januar probt, ist schlecht geheizt. „Die Neujahrssendung im Fernsehen wird jedes Jahr prächtiger, aber die Menschen können sich damit immer weniger identifizieren“, sagt Shi. „Deshalb bieten wir den Menschen die Möglichkeit, ihr eigenes Programm zu gestalten.“

Mit dem Titel „Schanzhai-Frühlingsfestgala“ setzt Shi sich auf den jüngsten Trend der chinesischen Popkultur. Denn „Schanzhai“ ist in der Volksrepublik das neue Schlagwort für eine alte Tradition: das Kopieren. Es gibt kaum ein Produkt, das in China nicht schon gefälscht wurde, von Papiertaschentüchern über Computer bis zu Flugzeugen. Doch statt sich für ihre Plagiate zu genieren, sind die Chinesen zunehmend stolz darauf. Oft gefallen ihnen ihre Imitationen nämlich besser als die Originale.

Warum viel Geld für Adidas-Schuhe ausgeben, wenn die billigen „Odidas“ genauso aussehen? Warum zu Starbucks gehen, wenn es bei „Bucksstar“ ebenso gemütlich ist und auch noch chinesisches Essen serviert wird? Warum Geld verdienen, wenn man im Internet stapelweise Blüten bestellen kann? Wer Angst hat, selbst Falschgeld angedreht zu bekommen, kann sich ja ein gefälschtes Nokia-Handy besorgen, an dem ein Ultraviolettlämpchen die Echtheit von Banknoten zu bestimmen hilft. Clever, finden viele Chinesen, Schanzhai eben. Wörtlich heißt das „Bergdorf“, sinngemäß so etwas wie „bauernschlau“.

„Ursprünglich war Schanzhai eine abwertende Bezeichnung für illegale, minderwertige Produkte“, erklärt Shi, „aber heute steht der Begriff für Kreativität, Erfolg und Spaß.“ So sollte auch seine Onlinegala den Festakt auf dem Staatskanal CCTV übertreffen, der in China seit der Verbreitung des Fernsehens zum Neujahrsfest gehört wie die „Jiaozi“ genannten kleinen Maultauschen. Mit seiner Idee hat der 36-Jährige bei seinen Landsleuten einen Nerv getroffen.

Bei CCTV löste die Begeisterung Entsetzen aus: Zum ersten Mal in der Geschichte der Volksrepublik sehen sich die Zentralunterhalter privater Konkurrenz ausgesetzt, die dem Publikum präsentiert, was es tatsächlich will. Dabei sollte Shis Sendung ganz ähnlich aufgebaut sein wie die Vorlage: eine Mischung aus Musik, Tanz, Kabarett und Akrobatik.

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Über 800 Bewerbungen erhielt Shi auf seiner Webseite CCSTV (eine Parodie auf den Staatssender CCTV – das „S“ steht selbstverständlich für Schanzhai). Rund 150 Darsteller wurden ausgewählt. Auch die Moderatorinnen sind keineswegs Profis: Die eine verdient ihr Geld als Entertainerin bei Hochzeitsbanketten, die andere unterrichtet Deng-Xiaoping-Theorie an einem Fortbildungszentrum der Volksbefreiungsarmee.

Aus einem Dorf in der südchinesischen Provinz ist eine Volkstanztruppe der Qiang-Minorität angereist, aus einer Kleinstadt im nördlichen Heilongjiang eine Gruppe Jugendlicher in durchhängenden Jeans, Baseballkappen und Kettenschmuck. Aus großen Kopfhörern wummert die Musik ihrer ausländischen Hip-Hop-Vorbilder. „Die Gala ist endlich mal eine coole Art, Neujahr zu verbringen“, meint einer. „Sonst sitzt man ja doch immer nur zu Hause, schaut fern und futtert Jiaozi.“

Natürlich träumen die Provinz-Hip-Hopper davon, dass im Internet ein Produzent auf sie aufmerksam wird, eine Hoffnung, die sie mit vielen Darstellern teilen. Etwa Frau Huang aus Tianjin, die ihren fünfjährigen Sohn nach Peking gebracht hat, so wie sie ihn schon bei unzähligen Talentwettbewerben im ganzen Land hat singen lassen. Oder Zhou Changchun, ein Fahrradakrobat, der seinen Lebensunterhalt bisher in Fußgängerzonen oder auf Bahnhofsvorplätzen verdient und mit Mitte vierzig nicht mehr viel Zeit für den großen Durchbruch hat. „Jeder hat seine eigenen Gründe, warum er hier ist“, sagt Qia Changsheng, ein kleiner Mann mit Backenbart und angeschmuddeltem weißen Anzug, der vergangenen Sommer schon ein wenig Internetruhm geschnuppert hat, als er mit seinem Motorrad aus dem südchinesischen Erdbebengebiet zu den Olympischen Spielen fuhr. „Aber vor allem ist das für uns alle eine große Party.“

Dabei war die Schanzhai-Gala schnell mehr als ein Spaß. Schon bald lasen einige darin ein politisches Statement, eine heimliche Kritik an der staatlichen Mediensteuerung, die raffinierter und wirkungsvoller verpackt war als etwa der jüngste Boykottaufruf chinesischer Intellektueller, die CCTV vorwerfen, das Volk einer kollektiven Gehirnwäsche zu unterziehen. Die Propagandabehörden erkannten die Breitseite erst, als der Hype kaum noch zu stoppen war. Zwar verhinderten sie im letzten Moment eine Liveausstrahlung und blockierten Shis Webseite CCSTV. Doch die Verbreitung von Probenaufnahmen konnten und wollten sie nicht mehr stoppen, zumal ein Fernsehsender aus der Sonderverwaltungszone Macao Material auf seine in der Volksrepublik erhältliche Seite stellte.

Wahrscheinlich kalkulierte Peking am Ende, dass eine völlige Zensur den Schaden nur vergrößern würde. Schließlich wäre es das erste Mal, dass Millionen Chinesen genau gewusst hätten, welche Nachrichten ihnen vorenthalten werden.

Doch das politische Statement ist nur eine Lesart der Gala. Andere sehen in der Aktion einen genialen Selbstvermarktungscoup, mit dem Shi sich innerhalb weniger Wochen aus dem Nichts zur Prominenz in der chinesischen Medienlandschaft emporgeschwungen hat. Seine Biographie gleicht der seiner Stars: Der Sohn eines Dorfkaders aus Sichuan kam vor sechs Jahren nach Peking und schlug sich mit Jobs durch, von denen ihm keiner so recht zusagte: Buchhalter, Angestellter in einer Marketingfirma, Kameramann für Hochzeitsfilme. „Nebenbei verbrachte ich viel Zeit im Internet, und irgendwann war da die Idee, selbst etwas auf die Beine zu stellen“, erzählte er.

Shi legt Wert darauf, als Idealist verstanden zu werden. „Was wir hier machen, ist mit Geld nicht aufzurechnen“, erklärte er. Sponsoren habe er keine, versichert Shi, „nur Unterstützer“. Das Hotel habe seine Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung gestellt, offenbar im Gegenzug für gute PR. Die Designer und Techniker schickte eine Pekinger Werbefirma, die aus ihrer Beteiligung an dem prominenten Projekt kein Geheimnis machte. Auch viele freiwillige Helfer dürften sich ihre Mitarbeit hinterher in den Lebenslauf schreiben. Und warum auch nicht? Schließlich steht Schanzhai auch für kreative Methoden, im kapitalistischen Existenzkampf zu überleben.

von Bernhard Bartsch