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20:49 20.12.2011
Von Heike Manssen
Die Gans zu Weihnachten: Mit „Nils Holgersson“ zeigt die ARD einen sehenswerten Familienfilm.
Die Gans zu Weihnachten: Mit „Nils Holgersson“ zeigt die ARD einen sehenswerten Familienfilm. Quelle: NDR
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Wie schön, dass sich wahre Geschichten in der Literatur anders erzählen lassen. Nehmen wir Martin. Den zahmen Gänserich in der Nils-Holgersson-Geschichte hat es wirklich gegeben. Und er hat sich tatsächlich Wildgänsen angeschlossen, kehrte mit „Frau und Kindern“ auf den heimischen Hof zurück –  leider, alle landeten im Kochtopf. Dieses Ende wäre kein gutes gewesen, das wusste Selma Lagerlöf, als sie die Geschichte rund um die liebenswerte Hausgans schrieb. Die Schriftstellerin hatte den Auftrag, in einem Schulbuch den Kindern Schweden aus der Vogelperspektive nahezubringen. Dafür erinnerte sie sich an den ungewöhnlichen Gänserich und erfand dazu Nils Holgersson. Diesen frechen Jungen, der seinen Eltern nur Kummer macht, faul ist und obendrein noch Tiere ärgert. Eines Tages wird Nils zur Strafe von einem Kobold in einen klitzekleinen Wichtel verwandelt. Der Gänserich Martin nimmt den Winzling unfreiwilligerweise mit auf eine lange Reise zu den Brutgebieten der Wildgänse nach Lappland.

Aus der Schulbuchgeschichte von 1906 wurde ein weltberühmter Roman. Zur damaligen Zeit war er bahnbrechend, denn zum ersten Mal war ein Kind die Hauptperson eines Buches. Umso erstaunlicher ist es, dass es in jüngster Zeit keine größere Verfilmung des Stoffes gab. Bekannt ist die japanische Zeichentrickserie aus den Achtzigern, die der Kinderkanal in regelmäßigen Abständen als Gutenachtgeschichte abspult. Episoden, in denen es manchmal knackt und Punkte auf dem Bildschirm erscheinen, die dort nicht hingehören.

Und nun endlich  dieser Film. Ein großes Projekt – und ein gelungenes dazu. Die ARD hat den aufwendigen Zweiteiler unter Federführung des NDR in Auftrag gegeben. Hinter den 230 Minuten Film steckt viel Arbeit. Schon ein Jahr vor Drehbeginn schlüpften die Filmgänse und mussten lernen, ihrem Tiertrainer zu gehorchen. Neben Schauspielern bestand das Team aus englischen Puppenspielern, aus zahmen sibirischen Füchsen, Computerspezialisten und Technikern. Hinzu kamen Synchronsprecher wie Katja Riemann, Ben Becker oder Bastian Pastewka. Die zwei Teile sind gut gegliedert, wenn auch für kleinere Kinder etwas zu lang (jeweils 115 Minuten). Doch auch wenn sie aus der Geschichte mal aussteigen, gibt es reichlich Anknüpfungspunkte. Der erste Teil beginnt mit der Verwandlung von Nils (Justus Kammerer), dann macht er seine Abenteuerreise, die im zweiten Teil mit der Rückkehr zum Bauernhof seiner Eltern in Schonen endet. Nun ist Nils ein netter Junge. Spannende Szenen wechseln sich mit ruhigeren ab – Kinder brauchen diese Atempausen. Neben der gelungenen Animation ist die Kommunikation der Tiere ein Vergnügen. Wenn die Stallkuh wiederkäuend Kirkegaard zitiert, freuen sich auch erwachsene Zuschauer. Herrlich auch die Maulwürfe, die wichtige Nachrichten über das Unternetz weiterleiten. Einen großen Auftritt hat Kurt Krömer als Beamter der Kobold-Innung. Er überprüft akribisch den Kobold (Hanns Zischler), der Nils verbotenerweise verwandelt hat. Doch trotz dieser Klamaukszenen ist die Geschichte um Nils Holgersson nicht auf modern getrimmt. Es gibt wunderschöne Bilder aus Schweden, lange, ruhige Flugsequenzen und ein immer wiederkehrendes angenehmes Musikthema. Als Rahmenhandlung taucht die Schriftstellerin Selma Lagerlöf am Schreibtisch auf. Anders als in der bekannten Zeichentrickserie wird Nils nicht vom Hamster Krümel begleitet, sondern von seiner Freundin Åsa (Pauline Rénevier), die ihn verzweifelt in Nordschweden sucht. Åsa ist eine Figur, die es im Buch nicht gibt – sie ist filmische Freiheit.

Jörg Kallmeyer 20.12.2011