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Medien & TV Politfernsehen „Panorama“ feiert 50. Geburtstag
Nachrichten Medien & TV Politfernsehen „Panorama“ feiert 50. Geburtstag
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22:03 25.05.2011
Von Imre Grimm
„Nun wollen wir uns wieder ein wenig mit der Bundesregierung anlegen“: Vorspann der ersten „Panorama“-Sendung am 4. Juni 1961. Quelle: NDR
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Helmut Kohl war bockig. Das nervte ihn, das ganze Pressegeschmeiß, und dann auch noch dieser Typ von diesem linken Propagandamagazin. „Herr Dr. Kohl: Guten Tag, Stuchlik, ,Panorama‘. Eine Frage: Wofür haben Sie die Gelder von Herrn Kirch bekommen?“, fragte NDR-Mann Stephan Stuchlik. „Ich habe doch nicht die Absicht, mit Ihnen ein Interview zu machen“, raunzte Kohl – „Sie sind doch von ,Panorama‘. Das hat doch mit Journalismus nichts zu tun!“

Zack. Ritterschlag. Es ist ja immer auch eine nette Bestätigung für Journalisten, wenn die Mächtigen, ihrer angesichtig, kurz mal das innere Visier hochklappen. YouTube ist voll von solch lustigen Reporterüberfällen. „Schweinejournalismus“, schimpfte Oskar Lafontaine, „Dreckschleudern“, klagte Ronald Schill. Franz Josef Strauß drückte das etwas lyrischer aus, meinte im Prinzip aber dasselbe: „Es waltet ein Unstern über dieser Sendung.“

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Nein, das gefiel ihnen gar nicht, dass da ein öffentlich-rechtliches Magazin die Dreistigkeit besaß, unbequeme Fragen zu stellen. Dass sich ein paar Schmierfinken zu Wächtern von Moral und Ethik aufschwangen. „Nun wollen wir uns wieder ein wenig mit der Bundesregierung anlegen“, kündigte „Panorama“-Gründungsvater Gert von Paczensky 1963 einen Beitrag an, cool, gelassen und doch kampfeslustig; ein Leitmotto für das Selbstverständnis. Bis heute. Trennung von Meinung und Information? Pah!

„Panorama“, das Mutterschiff der deutschen Politmagazine, wird 50. Ein unfassbares Alter für eine TV-Sendung. Zum Jubiläum erinnert sich das Land mal wieder dieser Institution, geprägt von Joachim Fest, Sebastian Haffner, Peter Merseburger, Stefan Aust, Alice Schwarzer, Gerd Ruge, Luc Jochimsen, Theo Sommer. „In den sechziger Jahren war ,Panorama‘ total cool, die Beiträge wurden mit Jazzmusik unterlegt“, erzählte Moderatorin Anja Reschke (38) dem „Spiegel“. „In den ideologischen Siebzigern sah man viele redende Köpfe, Philosophen wie Sartre oder Marcuse kamen zu Wort. Die achtziger und neunziger Jahre waren schrecklich: Komplexe Texte wurden unterlegt mit abgefilmten Dokumenten und Außenfassaden von Ministerien.“

Gleich zu Beginn, 1961, fiel dem Magazin die „Spiegel-Affäre“ in den Schoß. Erst „Panorama“ und der „Spiegel“ lehrten die pubertierende Bundesrepublik, was Pressefreiheit bedeutet. Dass Journalisten keine verlängerten Arme des Regierungsapparates sind. Dass Pressefreiheit eben nicht gleichbedeutend ist mit „Landesverrat“. „Wir wollten die Welt verbessern“, sagt Aust. Nichts weniger.

Die „Panorama“-Mannschaft erzählt gern von den alten Zeiten in diesen Tagen: Wie Ulrike Meinhof damals in der Redaktion mitarbeitete (bevor sie Andreas Baader traf). Wie die ARD 1974 in letzter Minute kalte Füße bekam und einen Film von Alice Schwarzer über eine damals neue Abtreibungsmethode aus dem Programm kippte (woraufhin die Redaktion streikte und Jo Brauner die Anmoderationen verlesen musste). Wie Schleswig-Holstein und Niedersachsen verärgert den NDR-Staatsvertrag kündigten und der NDR kurz vor der Zerschlagung stand (bis Gerichte die wild entschlossenen Politiker stoppten). Wie 1982 ein Film von Aust über einen Verfassungsschützer plötzlich „verschwand“. Wie Kuno Haberbusch 1988 mit seinem Beitrag „Suff in Bonn“ direkt ins Schwarze traf. Brokdorf, Flick, Filbinger, schwarze Kassen – glorreiche Zeiten.

Und heute? Heute kämpft das Magazin um Aufmerksamkeit, nicht erst seit der Begrenzung der Sendezeit auf 30 Minuten alle drei Wochen. Früher – hach ja: 45 Minuten direkt nach der „Tagesschau“, keine Konkurrenz, kein Internet. Und wie steht es um die Wirkung? Ein hoher Anspruch, eine klare Haltung sind ja erst mal nichts Schlimmes, schon gar nicht für Medienschaffende. Es tut noch immer gut, zwischen Billigblogs und publizistischem Einheitsbrei eine unabhängige Instanz zu erleben, die in ihren besten Momenten – etwa bei Christoph Lütgerts Beiträgen zu Carsten Maschmeyer und KiK – an öffentlich-rechtliches Politfernsehen erinnert, wie es sein könnte. Anstrengend wird’s nur, wenn man sich selbst als letzte Enklave der Wohlanständigkeit im deutschen Journalismus preist, mit Anja Reschke als Jeanne d’Arc der Entrechteten. Dabei arbeitet man natürlich unter Sonderbedingungen. Investigation erfordert eben nicht nur Mut und Willen, sondern vor allem Geld und Zeit. Danke, Gebührenzahler.

Inzwischen ist „Panorama“ eine Stimme unter vielen. Den gesellschaftlichen Diskurs bestimmt die Sendung nicht mehr. Das ist freilich nicht allein ihre Schuld. So sind die Zeiten, in denen jede Nichtigkeit zum Knaller aufgerüscht wird und wirklich Wichtiges oft untergeht im Echtzeit-Bilderrauschen. Alle großen Marken des Aufklärungsjournalismus haben mit dem allgemeinen Alarmismus 2011 zu kämpfen. „Es ist schwerer geworden, Aufmerksamkeit zu erzeugen“, sagt Reschke. Relevanz alleine macht ein Thema noch nicht zum Tagesgespräch. Und die Politiker? Setzen sich lieber in Talkshows oder bitten zu windelweichen „Sommerinterviews“, wo man sie sprechen lässt, wo sie nicht viel zu befürchten haben, während die sechs Politmagazine der ARD allesamt etwas Gestriges umweht. „Politik war so schön dramatisch“, erinnert sich Peter Merseburger. Es klingt wehmütig. Nie würden die glatten PR-Profis von heute, die Patrick Lindners und Manuela Schwesigs, sich eine Blöße geben, nie würden sie Reporter anpflaumen. Langweilig.

Aber klar: Es ist gut, dass es „Panorama“ aus den Tiefen der TV-Geschichte bis in die Gegenwart geschafft hat. Und sei es nur, um den deutschen Journalismus in seiner gegenwärtigen Sinnkrise an etwas Wichtiges zu erinnern: Auch bei Gegenwind kann man vorwärtssegeln.
„Panorama“ feiert sein Jubiläum mit einer Sonderausgabe heute um 22 Uhr in der ARD und um 23.15 Uhr im NDR mit der Doku „Unbequem und unbestechlich“. Anja Reschkes Buch „Die Unbequemen – Wie Panorama die Republik verändert hat“ (19,99 Euro, 244 Seiten) ist im Redline-Verlag erschienen.

25.05.2011
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