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Medien & TV Politische Journalisten in Russland leben gefährlich
Nachrichten Medien & TV Politische Journalisten in Russland leben gefährlich
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19:44 02.05.2011
Ein Beispiel für russische Fernsehunterhaltung: Exagentin Anna Chapman wurde mit einer eigenen Fernsehsendung zum Medienstar. Quelle: dpa
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Nikolai Malzew (Name von der Redaktion geändert) ist ein viel beschäftigter Mann: Er koordiniert die Termine für die Korrespondenten eines westlichen TV-Senders in Moskau, bereitet die Dreharbeiten vor, bucht Flüge und kocht Kaffee. Malzew ist Produzent, Aufnahmeleiter und Mädchen für alles – wider Willen. Vor acht Jahren schloss er sein Studium der Journalistik mit Auszeichnung ab und träumte davon, sich mit eigenen investigativen Reportagen einen Namen zu machen. Doch auf die zahllosen Bewerbungen, die er bisher schrieb, kam entweder keine oder eine abschlägige Antwort. Denn einen Mann, der offen mit Umweltschützern und der liberalen Opposition sympathisiert, können staatstreue und staatsnahe TV-Sender in Russland nicht gebrauchen. Und andere gibt es in diesem Land schon lange nicht mehr.

Im März 2000 zum Präsidenten gewählt, formte Wladimir Putin Russland schon in seiner ersten Amtszeit nach seinem Bilde um. Kritische und unabhängige Berichterstattung störte dabei nur. Als Vorwand mussten meist fadenscheinige Gründe herhalten.

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Zuerst wurde das Fernsehen glatt gebügelt. Kontroverse, live übertragene Talkshows, politische Satire oder engagierte Reportagen zu brisanten Themen – Markenzeichen der Perestroika und der früheren Jelzin-Ära – mussten Seifenopern, detailverliebter Berichterstattung über Gewaltverbrecher, Filmen zum gleichen Thema und Ratgebersendungen für Hausfrauen Platz machen. Ähnlich öde geht es mittlerweile im Radio zu. Der Dudelfunk mit zweiminütigen Nachrichtenblocks, von denen die Hälfte aus Klatsch besteht, hat landesweit nahezu alle Frequenzen erobert. Bloß nicht anecken, heißt die Devise, die die Programmchefs sich und ihren Mitarbeitern verordnet haben. Gegen den Strich bürsten gelegentlich nur noch ein paar überregionale Printmedien, ganz vorsichtig. Denn das russische Pressegesetz wurde mehrfach drastisch verschärft und das Gesetz zur Extremismusbekämpfung so formuliert, dass der Staat gegen kritische Medien nach dem gleichen Prinzip vorgehen kann wie Konrad Adenauer einst in der deutschen „Spiegel“-Affäre: Die Täter haben wir, die Tat wird sich finden.

Die einst millionenstarken Auflagen meinungsbildender Blätter wie der „Iswestija“ sind daher seit Jahren rückläufig. Polemisiert und diskutiert wird nur noch im Internet, in Blogs und sozialen Netzwerken wie LifeJournal. Die Frage ist: Wie lange noch? Geheimdienste sprachen bereits von einer „Bedrohung der nationalen Sicherheit“ und dachten laut über Kontrolle des Web und staatliche Regelung nach. Obwohl die russische Verfassung in Artikel 31 das Recht auf Meinungs- und Informationsfreiheit garantiert. Ein Recht, das ein Häuflein Bürgerbewegter in Moskau auf Versammlungen einzuklagen versucht, die von der Stadtregierung meist mit fadenscheinigen Begründungen nicht genehmigt und des Öfteren brutal aufgelöst wurden.

In Berichten der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ zum Stand der Pressefreiheit findet sich Russland inzwischen im letzten Drittel der Liste wieder, in der Gesellschaft schwarzafrikanischer Bananenrepubliken und totalitär regierter, zentralasiatischer UdSSR-Nachfolgestaaten. Seit dem Ende der Sowjetunion 1991 wurden in deren Nachfolgestaaten weit mehr als 200 Morde an kritischen Journalisten verübt. Die tödlichen Schüsse auf Anna Politkowskaja im Oktober 2006, die weltweit für Empörung sorgten, sind nur die Spitze des Eisbergs. Kein einziger dieser Morde und die in die Hunderte gehenden Überfälle oder Bedrohungen von Journalisten wurden bisher restlos aufgeklärt. Obwohl sie das internationale Russlandbild ramponieren.

Eine Besserung der Lage ist trotz einschlägiger Sonntagsreden von Präsident Dmitri Medwedew wenig wahrscheinlich. Experten befürchten, die staatliche Gängelung werde angesichts nahender Wahlen eher zunehmen.

Elke Windisch