Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV RTL feiert 1000. Folge „Wer wird Millionär?“
Nachrichten Medien & TV RTL feiert 1000. Folge „Wer wird Millionär?“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:56 03.02.2012
Von Imre Grimm
Der letzte Millionen-Gewinner war Ralf Schnoor, Kneipier aus Hannover. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Die ersten drei Fragen sind natürlich Killefitz. Willkommen in der Wortspielhölle. Was ist ein Saiteninstrument: Leise, Laute, Stille oder Schrille? Was kann man im Radio hören: Faltenrock, Reifrock, Minirock oder Punkrock? Wie nennt man einen, der sich unterordnet: Wasserträger, Colawuchter, Kaffeeschieber oder Bierschlepper? Das tut schon weh, aber da muss man eben durch, wenn man an die dicken Fische will. An die 125 000 Euro. Oder gar an die Million.

„Die Million“ – sie ist dank RTL zu einem abstrakten Synonym für finales Glück geworden, zum Sinnbild für die zweite Chance im Leben, den Neustart im Glitzerkonfettiregen. „Noch vier Fragen bis zur Million“, sagt Günther Jauch im gleichen Tonfall, als würde er sagen „noch vier Fragen bis zur Erleuchtung“ oder „bis zur Unsterblichkeit“. Und dann kommt der berühmte Tusch – Diddeldeddeldaddel-Doom ...! –, und gleißende Scheinwerferspots verwandeln den Quiztisch im Studio 7 in Hürth bei Köln in einen leuchtenden Schrein des Wissens. Konzentration. „Wie nennt man Abfallhaufen von Steinzeitmenschen? A) Snälige, B) Kökkenmöddinger, C) Vesterlökken oder D) Mögelskäre?“ Ja – wie bloß?

Anzeige

Zum 1000. Mal moderiert Jauch am Freitagabend „Wer wird Millionär?“. Eine halbe TV-Ewigkeit ist vergangen, seit Tanja Ortmann am 3. September 1999 als erste Kandidatin 8000 D-Mark gewann. Und noch immer sitzen zweimal wöchentlich Millionen vor dem Fernseher und rufen „Millisievert, du Depp!“. Und die Republik diskutiert Bildungsstandards, wenn wieder ein armer Geographielehrer „Stettin“ und „Schwerin“ verwechselt hat.

Was ist das Geheimnis dieser Sendung? Tatsächlich galten Quizshows als tot und begraben, als 1999 „Who Wants To Be A Millionaire?“ von England aus seinen globalen Siegeszug antrat und zum erfolgreichsten Quizformat seit „Jeopardy“ wurde. Das von David Briggs erdachte Format kam gerade recht: Zur Jahrtausendwende hatte der spielerische Umgang mit Fakten Konjunktur. Listenbücher voll zweckfreiem Partywissen boomten, das diffuse Schlagwort von der „Wissensgesellschaft“ hielt Einzug in Politik und Gesellschaft, während das rasante Wachstum des Internet die Menschen an den schnellen und direkten Zugang zu Häppchenwissen gewöhnte.

„WWM“ war die televisionäre Entsprechung dieser Entwicklung und wurde zum konstanten Geschichtengenerator, zur Daily Soap in Dauerschleife, wie die Fußball-Bundesliga oder die Bundespolitik der letzten Monate. Der Reiz an einer durchritualisierten Sendung liegt ja gerade im starren Rahmen, dessen einzige Variable die Kandidaten sind. Gegenüber von Jauch nimmt ein Querschnitt der deutschen Gesellschaft Platz: der freundliche Punk, die stille Auszubildende, der indische Gaststudent, die fröhliche Seniorin. „WWM“ ist Jauchs Sprechstunde für Deutschland, therapeutische Nebeneffekte nicht ausgeschlossen.

Einer der Tricks von „WWM“ ist die breite Streuung der Wissensgebiete. Es geht nicht allein um klassisches Schulwissen. Auch intellektuell unauffällige Zeitgenossen haben eine Chance. Auch der kann gewinnen, der sich bei Lady Gaga und den Muppets besser auskennt als bei Hölderlin und Siegfried Lenz.

Das war dann natürlich Glück für RTL, dass der erste Millionär gleich ein Professor war, und zwar ein richtiger RTL-Geschichtsprofessor mit Rauschebart, Cordhose und kumpeliger Alleswisser-Attitüde: Prof. Eckard Freise. Seit der ersten Millionenfrage am 2. Dezember 2000 weiß die Nation, wer 1953 mit Sir Edmund Hillary auf dem Gipfel des Mount Everest stand: sein Sherpa Tenzing Norgay. Und Freise bestätigt heute, was viele ahnten: „Die Fragen sind schwerer geworden“, sagt er. „Keine Frage: RTL rückt die Million nicht mehr so schnell raus.“ Und das, obwohl RTL vor elf Jahren in der HAZ versprach: „Wir werden den Schwierigkeitsgrad nicht verändern, der Anreiz muss bleiben.“

Der wichtigste Erfolgsfaktor für die deutsche „WWM“-Variante aber heißt gar nicht Bildungshuberei, Mitratenkönnen, Schadenfreude. Sondern Jauch. Der 55-Jährige ist in seiner unfassbaren Durchschnittlichkeit die Traumbesetzung für den deutschen Zuschauer, der in Umfragen lieber sagt, er wolle sich bei der Show „weiterbilden“, statt zuzugeben, dass es hier um Entertainment geht. Jauch kann – auch das macht sympathisch – Antipathien nur schwer verbergen. Zum Beispiel bei augenklimpernden Frauchen, die ihre Autos „Fritz“ nennen und so tun, als wären sie zwölf Jahre alt. Da kann er richtig fuchsig werden, der nette Herr Jauch, wenn eine blöde tut und um Hilfe bettelt. Die lässt er eiskalt abblitzen.

RTL hat seinen Klassiker über die Jahre behutsam reformiert, hat 2007 einen vierten Joker für die ganz Übermütigen erfunden, zeigt die Telefonjoker inzwischen im Bild und stellt die fünf Kandidaten kurz vor, um sie ein bisschen „menschlicher“ zu machen. Was natürlich peinlich sein kann. Da hat man genau einen Satz, um sich in vier Sekunden Deutschland zu präsentieren, und dann schreibt RTL: „Die Referendarin hat Angst vor Kühen.“

Er wolle das ewig machen, sagt Jauch auf die Frage, ob ihm die Quizzerei nicht allmählich lästig werde, nach inzwischen 26 500 Fragen. „Gottes großer Zoo ist unerschöpflich“, sagt er. „Ich mache mir keine Sorgen, dass es jemals langweilig werden könnte.“ So ähnlich klang ehedem allerdings auch Thomas Gottschalk, wenn man ihn nach „Wetten, dass ...?“ fragte.

Die Quoten sind weiter stark, aber im Sinkflug. 6,70 Millionen Menschen sahen im Schnitt die elfte Staffel, die 2011 auslief. Die Zahl der Jüngeren nimmt ab. Die Show, Jauch und sein Publikum altern gemeinsam. Was uns zurückführt zur Frage nach den Steinzeitmenschen. Richtige Antwort: Kökkenmöddinger.

„Wer wird Millionär – Die 1000. Sendung“, mit Oliver Pocher, Barbara Schöneberger und dem hannoverschen Millionengewinner Ralf Schnoor als „Expertenteam“ und Zusatzjoker, heute, 20.15 Uhr, RTL.

Mehr zum Thema

Vor einem Jahr hatte der Wirt des „Café K“, Ralf Schnoor, die Fernsehmillion bei Günther Jauch gewonnen. Damals hatte er angekündigt, dass sich in seinem Leben nicht viel ändern werde. Stimmt, er ist geblieben, wie er war

Stefanie Kaune 23.11.2011

Vor einer Woche hat Wirt Ralf Schnoor aus Hannover eine Million Euro beim Fernsehquiz von Günther Jauch gewonnen. Bei seinem eigenen Quizabend im „Café K“ in Linden-Mitte war am Sonnabend prompt riesiger Andrang.

Stefanie Kaune 05.12.2010

Der Lindener Wirt Ralf Schnoor bleibt nach seinem Millionengewinn am Freitagabend bei Günther Jauch so, wie ihn seine Mitarbeiter und Gäste mögen. Der 49-Jährige warb während der Sendung auf sympathische Weise für sein Café und seinen Stadtteil – und machte sich mit seiner lockeren, lustigen Art auch noch viele Fans vor den Fernsehbildschirmen.

Stefanie Kaune 29.11.2010
02.02.2012
Karsten Röhrbein 01.02.2012