Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV Ralph Siegel tritt mit Lena-Klon beim Eurovision Song Contest an
Nachrichten Medien & TV Ralph Siegel tritt mit Lena-Klon beim Eurovision Song Contest an
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:07 24.01.2011
Von Imre Grimm
Es kann nur eine geben? Nicht für Ralph Siegel (Mitte). Mit der Malteserin Domenique Azzopardi (links) will er gegen Lena (rechts) antreten. Quelle: dpa
Anzeige

In der Wirtschaft nennt man so etwas ein Me-too-Produkt. Das klingt netter als: eine geklaute Idee. Ein billiger iPhone-Nachbau aus Malaysia ist ein Me-too-Produkt, ein „Mercedes“ ohne Stern aus China, ein Kokos-Schoko-Riegel, der nicht „Bounty“ heißt. Oder eben eine Lena aus Malta. Ein Mädchen, das so aussieht, so singt und sich so bewegt wie Lena, aber nicht Lena ist. Sondern Domenique Azzopardi (15).

So plump kann doch keiner sein?, hofften viele im Mai 2010 in Oslo, als mancher Eurovisionär für dieses Jahr eine pan­europäische Schwemme von Lena-Nachbauten prophezeite. Wer soll das denn bitte ernsthaft wagen, mit einer Lena-Kopie im Schneewittchen-Look in Deutschland anzutreten: schwarzes Kleid, roter Lippenstift, schwarzes Haar? Das würde das Publikum übelnehmen. Das würde kein Produzent wagen, nicht mal beim Euro­vision Song Contest, wo es um alles Mögliche geht, aber sicher nicht um Subtilität.

Anzeige

Nun hat sich doch jemand gefunden. Sein Name: Ralph Siegel (65).

„I’ll Follow the Sunshine“ heißt der Titel, den er ursprünglich für Lena Meyer-Landrut geschrieben zu haben behauptet. Aber er sei – „wie alles, was ich mache“ – von Stefan Raab abgelehnt worden. Also schickte Siegel das Lied nach Malta. Am 12. Februar fällt die Entscheidung.

Siegel ist wieder da. Der Schreckteufel des Song Contest. Hat er Lena kopiert? Nicht doch: „Domenique hat nur zufällig auch lange Haare und ein kurzes schwarzes Kleidchen an“, sagt er. Jeder YouTube-Nutzer kann sich selbst überzeugen. Ein Kommentator fasst Siegels Beitrag dort wie folgt zusammen: „Hüpfdidudelhüpfdidudelhüpfwipp­hüpfpieps.“

Grand Prix ist Kampf – niemand hat dieses Credo so verinnerlicht wie Ralph Siegel. 18-mal hat er am Finale teilgenommen. Seit 27 Jahren versucht er zu beweisen, dass Nicoles Sieg kein Zufall war. Der Triumph von Harro­gate 1982 hat ihn zu einem Süchtigen gemacht. Seither hat er einen Tinnitus im Ohr, raucht 80 Zigaretten am Tag, schläft nur mit Schlaftabletten. Und je mehr er versucht, das Bild vom ewig beleidigten, zwangsentspannten, missverstandenen Ralph Siegel zu entkräften, desto hart­näckiger haftet es ihm an.

Siegel kämpft. Immer schon. Da ist er – Ironie der Grand-Prix-Geschichte – Stefan Raab sehr ähnlich. „Wenn du Wimbledon gewonnen hast, dann willst du es ein zweites Mal tun“, sagte Siegel vor ein paar Jahren in einem Hotelzimmer in Istanbul, Tee trinkend. „Es ist ein unendlicher Traum. Der Wunsch ist immer noch da, das ,They never come back‘ zu durchbrechen – wie Ulrike Meyfarth oder Muhammad Ali.“ Siegel, 1945 in München geboren, Sohn der Operettensängerin Ingeborg Döderlein und des Komponisten Ralph Maria Siegel („Capri-Fischer“), weiß noch ganz genau, wie viele Punkte seine Lieder in welchem Jahr von welchem Land bekommen haben. Seine Platzierungen im Finale betet er herunter wie einen olympischen Medaillenspiegel („einmal Erster, dreimal Zweiter, zweimal Dritter und zweimal Vierter“). „Schon als kleiner Junge“, sagt er, „wollte ich meinem Vater beweisen, dass ich auch schöne Lieder schreiben kann.“ Als er endlich seinen ersten Charterfolg feierte, kam eine knappe Postkarte: „Glückwunsch, Dein Papi.“ Mehr als 3000 Lieder hat Siegel geschrieben oder produziert, darunter Hits wie „Theater“, „Dschinghis Khan“ und „Du kannst nicht immer 17 sein“.

Siegel schreibt für seinen Vater, für sich, für Deutschland. Nach dem Abend seines Lebens, am 14. April 1982, erntete er Hohn und Spott für seinen etwas naiven Versuch, sich zwischen Falkland-Krise und Friedensmärschen den Strömungen der Zeit anzupassen. „Ich bin ein Achtundsechziger!“, glaubte er damals. Dabei war seine Hymne für die wahren Atomkraftgegner der Antisong schlechthin, ein sozialromantisches Kinderliedchen, das in seiner Kitschigkeit alles konterkarierte, wofür die Aktivisten standen. Siegel ist ein Zeitgeistausbeuter, ein Chamäleon-Komponist. Als Ende der neunziger Jahre die Spaßbewegung den Grand Prix übernahm, als sich Stefan Raab als Produzent von Guildo HornsGuildo hat Euch lieb“ 1998 das Pseudonym „Alf Igel“ verpasste, wollte Siegel auch ein bisschen lustig sein. Ergebnis: Lous „Let’s get happy“ (2003). Kitsch? Konsensmusik? Nicht doch. Er reduziere Musik eben auf das Wesentliche. „Dasselbe sehen Sie auch bei Picasso oder bei Miró.“ Picasso. Miró. Muhammad Ali. Darunter macht er’s nicht.

Der Triumph von Raab und Lena, die Sympathiewelle in Deutschland, müssen ihn tief getroffen haben. Lena könne nicht singen, klagte er vor Oslo. Sie sei „chancenlos“. Und hinterher? Erinnerte er trotzig daran, dass er noch immer „der einzige deutsche Komponist“ sei, der jemals gewonnen habe (was nicht stimmt: Der Hamburger Klaus Munro siegte 1972 mit Vicky Leandros’ „Après toi“ für Luxemburg). Lena sei „ein Schatzi, wie man so schön sagt“, charmiert er nun. Er wünsche ihr Glück, doch, doch. Aber er könne sich auch vorstellen, dass mal wieder jemand anderes Deutschland vertritt. Seine Frau zum Beispiel. Die Opernsängerin Kriemhild Jahn. „Das haben wir x-mal angeboten, das wurde immer wieder abgelehnt.“ Merkwürdig.

Und falls es auf Malta nicht klappt? Siegel hat vorgebeugt. Im portugiesischen Vorentscheid – diesmal ein reines Onlinevoting – ist er ebenfalls vertreten. Sänger Emanuel Santos singt „Não Estamos Sós“ („Wir sind nicht allein“).