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Medien & TV Regisseur aus Hannover porträtiert die iranische Jugend
Nachrichten Medien & TV Regisseur aus Hannover porträtiert die iranische Jugend
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17:43 21.06.2010
Quelle: Handout
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Ali Samadi Ahadi, Sie sind 1972 im Iran geboren und als 13-Jähriger während des Ersten Golfkriegs nach Deutschland geflüchtet. Was hat Sie angetrieben, den Film „Iran Elections 2009“ zu drehen?
Natürlich spielt dabei meine Verbindung zum Iran eine wichtige Rolle, meine Familie lebt schließlich dort. Aber das allein ist es nicht: Ich habe auch einen Film über Kindersoldaten in Uganda gemacht. Und jetzt mache ich einen Film über das Leid der Iraner. Seit 25 Jahren habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft – und die verpflichtet, auf die Verletzung von Menschenrechten zu schauen. Da brauche ich keine große Begründung.

Haben Sie im Iran gedreht?
Nein, man kann im Iran nicht drehen. Wer sich mit einer Kamera auf der Straße blicken lässt, wird verhaftet. Aber selbst wenn ich die Chance gehabt hätte: Die Wahlen und die Proteste sind ja erst einmal vorüber. Ich habe auf Archivmaterial zurückgegriffen und mit Exil-Iranern wie der Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi gesprochen.

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Und woher haben Sie Ihre Informationen aus dem Land?
Ich habe Internet-Blogs bei Facebook, Youtube und Twitter genutzt. Hunderte junger Iraner haben die Geschehnisse auf den Straßen dokumentiert. Aus 150 Berichten habe ich zwei fiktive Charaktere entwickelt, einen jungen Mann und eine junge Frau. Aus ihrer Perspektive erzähle ich vom Protest und dessen Niederschlagung.

Zu sehen sind in dem Film keine Menschen aus Fleisch und Blut, sondern animierte Figuren. Wieso?
Ich wollte der Phantasie der Zuschauer freien Raum geben. Nachgespielte Szenen in Folterkammern hätten nur hilflos gewirkt. Und vor allem: Ich nenne keine Namen von Menschen, die im Iran leben. Ich muss meine Protagonisten vor Verfolgung schützen.

Wie groß ist heute der Druck im Land?
Immens. Die Protestgründe bestehen ja weiterhin: hohe Arbeitslosigkeit, Willkür, Perspektivlosigkeit. Darunter leiden junge Menschen – im Iran ist mehr als zwei Drittel der Bevölkerung unter 30 Jahre alt; das ist die jüngste weltweit. Es hat sich in dem Jahr nach der Wahl auch nichts gebessert. Das Regime war damit beschäftigt, Demonstranten einzusperren. Die Zahl der verhafteten Journalisten ist höher als in China. Irgendwann wird das Regime merken, dass sich Probleme mit Gewalt nicht beseitigen lassen.

Aber auch die Frustration in der Bevölkerung muss groß sein.
Die gibt es auch. Und doch glaube ich, dass das iranische Regime früher zusammenbrechen wird, als sich das manche im Westen vorstellen. Dieses System ist weltweit isoliert – anders als beispielsweise Polen in den Achtzigern, das die Sowjetunion im Rücken hatte. Und in Polen begann das Ende des Ostblocks.

Entspricht der Blick des Westens auf den Iran der Wirklichkeit, wie Sie diese vorgefunden haben?
Viele Politiker im Westen haben noch immer nicht begriffen, dass nicht die Atomfrage die zentrale ist im Iran ist, sondern die der Menschenrechte. Was den Iran abhalten muss, Uran anzureichern, ist nicht fehlendes Know How, sondern die starke Zivilgesellschaft. Wir dürfen nicht den Fehler begehen, Regime und Bevölkerung in einen Topf zu werfen. Die Sanktionen müssen sich nicht gegen die Bombe, sondern gegen die Verletzung der Menschenrechte richten. Das wäre ein Zeichen an die Iraner, dass die Weltgesellschaft hinter ihnen steht.

Was soll Ihr Film bewirken?
Im Ausland soll er die Kenntnisse von dem Protest im Iran vertiefen. Genauso sollen auch die Iraner etwas über die Geschehnisse in ihrem Land erfahren. Sie werden – gerade auf dem Land – von Informationen abgeschottet.

Moment, dazu müsste Ihr Film ja im Iran zu sehen sein.
Stimmt, und ich glaube fest daran, dass das möglich sein wird. Natürlich nicht offiziell. Aber es wird Raubkopien geben und Downloads. Dieser Film wird Wellen schlagen – zumal im September noch eine längere Kinoversion geplant ist.

Interview: Stefan Stosch

Iran Elections 2009“ | arte
Themenabend über die Jugend im Iran
, Dienstag ab 20.15 Uhr