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Medien & TV „Mehr Mut für abgründige Figuren“
Nachrichten Medien & TV „Mehr Mut für abgründige Figuren“
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00:15 05.07.2013
Heute ist Rosalie Thomass im ZDF in einer für sie recht ungewohnten Rolle zu sehen: In der Komödie "Eine ganz heiße Nummer" spielt sie eine von drei braven bayerischen Landfrauen, die eine Sex-Hotline einrichten.
Heute ist Rosalie Thomass im ZDF in einer für sie recht ungewohnten Rolle zu sehen: In der Komödie "Eine ganz heiße Nummer" spielt sie eine von drei braven bayerischen Landfrauen, die eine Sex-Hotline einrichten. Quelle: tpg
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Frau Thomass, heute sind Sie endlich mal wieder in einer Komödie zu sehen. Ist es Zufall, dass Sie zuletzt vor allem in Krimis mitgespielt haben?

Das war mir bislang gar nicht bewusst. Ich denke, es liegt einfach daran, dass so viele Krimis produziert werden, das ist ja fast eine deutsche Obsession. Wenn mir eine Rolle angeboten wird, achte ich nicht auf das Genre, sondern auf den Menschen, den ich verkörpern soll. Oft verbergen sich hinter den Krimigeschichten ja menschliche Tragödien.

Wie wählen Sie die Filme aus, in denen Sie mitspielen wollen?

Intuitiv. Wenn mich eine Rolle stark anzieht oder abstößt, will ich sie spielen.

Es reizt Sie, Figuren zu verkörpern, die Sie nicht leiden können? Warum?

Weil ich wissen will, warum ich sie nicht mag. Mit Widerständen kann man unheimlich gut arbeiten, sie setzen etwas in Bewegung. Ich glaube, wenn wir Schauspieler – aus welchen Gründen auch immer – solche unbequemen Bereiche meiden, lassen wir uns viel entgehen. 

Wie haben Sie es als junge Schauspielerin nach dem Durchbruch mit einem „Polizeiruf“ von Dominik Graf geschafft, sich der Krimi-Schublade zu entziehen?

Ich hatte das Glück, dass mir schon früh sehr viel zugetraut worden ist. Oft habe ich mich gefragt, wieso die ausgerechnet auf mich gekommen sind. Aber das ist ja das Spannende an diesem Beruf: dass Regisseure Seiten in einem sehen, über die man sich bis dahin gar nicht klar war.

Sie wollten schon früh Schauspielerin werden ...

Oder Lateinlehrerin oder Ärztin, aber jetzt bin ich doch ganz froh, dass sich die Schauspielerei durchgesetzt hat.

Welche Vision hatten Sie als junges Mädchen?

Zur Person

Rosalie Thomass wurde in München geboren. Bekannt wurde die 25-Jährige 2006 durch ihre Rolle in „Er sollte tot“, einem „Polizeiruf 110“ von Dominik Graf.

Für ihren Auftritt als gepeinigte junge Frau, die unter Mordverdacht steht, wurde sie mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Seither hat sie in vielen Kino- und Fernsehfilmen mitgespielt, zuletzt in „Kreutzer kommt“ oder „Mutter muss weg“.

Ich sah mich in erster Linie am Theater, ich wollte auf den Bühnen die Jungfrau von Orleans spielen. Weil ich schon früh ziemlich groß war und es in den Theatergruppen zu wenig Jungs gab, musste ich Männerrollen übernehmen. In „König Drosselbart“ wurde ich als frustrierter alter Vater besetzt. Da habe ich mir geschworen: „Eines Tages mache ich das beruflich, und dann spiele ich endlich Frauenrollen!“ Immerhin habe ich dadurch fürs Leben gelernt: Auch negative Erfahrungen können lehrreich sein, wenn man die richtigen Schlüsse daraus zieht.

Sie hatten mit nicht mal zwanzig Jahren mehr erreicht als viele andere in ihrer ganzen Karriere. War Ihnen das bewusst?

Ganz ehrlich: Ich hatte keine Ahnung, was das alles bedeutete. Natürlich kannte ich Dominik Graf, ich habe ihn als Regisseur regelrecht verehrt, aber was es für ein Glücksfall ist, als unerfahrene Schauspielerin in einem seiner Filme die Hauptrolle zu spielen, war mir nicht bewusst. Nach der Auszeichnung beim Deutschen Fernsehpreis bin ich in meine WG zurückgefahren, meine Mitbewohner haben den Blumenstrauß bewundert, und dann ging es wieder um den Abwasch.

Seither folgt eine Hauptrolle auf die andere. Ihr Spiel wirkt bereits ausgesprochen reif und sparsam, obwohl Sie erst 25 Jahre alt sind. Wie geht das?

Ich finde, dass man als Schauspieler nur das Nötigste tun muss, weil der Zuschauer ja viel mehr wahrnimmt, als man glaubt. Die Kamera ist ganz nah an einem dran, daher darf man nicht lügen. Natürlich gibt es auch andere Methoden. Viele Kollegen sagen, mithilfe des Handwerks kann man alles herstellen, aber das funktioniert bei mir nicht. Ich will immer so wahrhaftig wie möglich sein.

Auch in den Schattenseiten?

Wenn sie Teil der Rolle sind, ja. Man muss als Schauspieler dort hingehen, wo die Figur ist. In die tiefste Verzweiflung, in die größte Wut. Auch, wenn es wehtut: Mich beeindrucken immer wieder Kollegen, die solche Abgründe nicht scheuen.

Schützt Handwerk nicht auch davor, sich in einer Figur zu verlieren?

Es hilft jedenfalls dabei, eine Rolle nach Drehschluss nicht mit nach Hause zu nehmen. Und natürlich braucht man das Handwerk auch, weil die Leistungen ja wiederholbar sein müssen. Es hilft niemandem, wenn ich mein ganzes Pulver in einer Szene verschieße, und dann ist die Aufnahme unscharf.

Sie haben schon so viel erreicht. Wovon träumen Sie noch?

Konkrete Träume habe ich nicht. Aber ich wünsche mir mehr Mut für abgründige Frauenfiguren, für Frauen, die auch mal nicht hübsch und sexy sind. Wir sind in viel zu vielen Filmen bloß die Projektionsfläche männlicher Protagonisten.

Interview: Tilmann P. Gangloff

Die Komödie „Eine ganz heiße Nummer“ läuft heute Abend um 20.15 Uhr im ZDF.

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