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Medien & TV Ruge bewahren
Nachrichten Medien & TV Ruge bewahren
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15:33 09.08.2013
Von Imre Grimm
Feiert seinen 85. Geburtstag: Gerd Ruge. Quelle: dpa
Hannover

Das gehört wohl zum Leben dazu, dass die Alten irgendwann sagen: „Früher, das war das einzig Wahre. Wisst ihr noch, wie wir damals ... ?“ Und so weiter. Ulrich Tilgner, langjähriger ZDF-Korrespondent, verzweifelte gegen Karriereende an der Bräsigkeit seiner Heimatredaktion, wo nur noch „bedingt sachkundige“ Redakteure säßen.

Um so bemerkenswerter, wenn ein 85-Jähriger eben nicht Spott und Hohn über die Nachgerückten ausgießt, sondern eher Mitleid hat mit der Reportergeneration der Gegenwart. „Wenn heute etwas passiert, dann soll der Korrespondent berichten, ohne vorher recherchieren zu können“, sagt Gerd Ruge, Fernsehlegende, Mitgründer von Amnesty Deutschland, vielfacher Preisträger, doppelt geschieden, Vater zweier Kinder (aber nicht von Nina Ruge). „Kaum ist er vor Ort, klingelt das Handy. Der Abgleich von Inhalten mit der Wirklichkeit ist schwieriger. Wir konnten damals länger nachdenken.“ Staunen schwingt da mit, auch Kümmernis. „Die neuesten Reporter und Korrespondentinnen gehen ständig durchs Bild und heben einen Korb Wäsche oder eine Schaufel hoch. Warum? Das ist sinnlos. Sie glauben ihrer eigenen Strahlkraft mehr als der ihres Berichts.“

Nein, es ist nicht mehr seine Welt. Diese „Check“-Schwemme. Diese leere Beflissenheit. Diese Nabelschau. Diese aufgeregten Schalten. Die Ruges der Gegenwart haben „Präsenz“ trainiert und saubere Diktion - eine Disziplin, deren viel bekicherte Nichtbeherrschung zu Ruges Markenzeichen wurde. Sie dröhnen: „Jetzt! Hier! Krass! Wirbelsturm! Krieg! Flut! Kommse ran, seinse dabei!“ Aber dass einer mal leise, ohne jeden Autoskooter-Sound, ohne die aggressive Starkstromkörperlichkeit des RTL-Jungreporters einfach nur ruhig sagt: „Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen, was ich gesehen habe“ - das ist selten geworden. Das gilt als gestrig. Und es fehlt. Als Reporter auch mal zuzugeben, dass man etwas nicht weiß, dass es nichts Neues gibt seit der letzten Schalte vor 22 Minuten - das ist ein Tabu im Superlativjournalismus. Ruge konnte (und durfte) das. „Scheinkompetenz“ nennt er diese leeren Geplänkel zwischen Moderator und Reporter. Denn: „Man muss den Leuten vor Ort Zeit geben.“

Zeit? Was war das noch gleich? Die Alten reden noch davon. Aber wie soll das gehen, wenn bei Twitter jede Nachricht nach zwei Stunden schon als uralt gilt? Heute wird Ruge 85 Jahre alt. Und natürlich sind die Zeiten anders, komplexer, undurchsichtiger, schneller, greller. Natürlich half ihm als Korrespondent in Moskau, Amerika und anderswo, dass die Welt für die Nachkriegsdeutschen eine Terra incognita war. Und jeder, der mit Strohhut und Leinenhemd aus der exotischen Ferne zwischen Hamburg und Haiti berichtete, war Wikipedia, CNN, Twitter, „National Geographic“ und YouTube in einer Person. Natürlich bestand der Job nicht nur darin, den Deutschen die Welt, sondern auch der Welt die Deutschen zu erklären. Und natürlich waren auch die Korrespondenten der ersten Stunde nicht frei von Eitelkeit. Unvergessen, wie Ulrich Wickert einst in Paris zu Fuß die Place de la Concorde überquerte und am Ende holpernd dichtete: „Geschafft hab’ ich es immer bisher heil / Aber nicht immer war mir wohl dabei.“ Da staunt der Deutsche. So viele Autos! Und keine Ampeln! Diese Franzosen!

Und trotzdem: Ein wenig Ruge’sches Beobachten, Zuhören, Abwarten täte auch heute noch gut im Wirbelsturm des Nachrichtenalltags. Man kann das behäbig nennen. Oder geduldig. „Da kommen bewaffnete Männer, aber was für welche?“, fragte er 2003 in einem Afghanistan-Dreiteiler, da war er offiziell schon zehn Jahre im Ruhestand. „Da muss man höflich fragen.“ Höflich fragen? Und wenn es Taliban sind? „Guten Tag, sind Sie ein Terrorist?“? Höflichkeit - was für eine rare Tugend in einer Zeit, in der sich viele Medien den Furor ihrer Regierungen im „Anti-Terror-Kampf“ zu eigen machen und auch das Publikum sich längst an Knalleffekte gewöhnt hat.

Die Nachfolger von Gerd Ruge, Klaus Bednarz, Dirk Sager oder Ulrich Wickert können ja nichts dafür, dass bei ihnen nicht Saigon mitschwingt, nicht der Mord an Robert Kennedy, nicht die Kuba-Krise, nicht Kämpfe mit der russischen Zensur und Flirts mit der Etagendame im Moskauer Hotel, die zu Ruge immer mal sagte: „Heute sind wieder viele Fliegen da“, und meinte: Vorsicht, unten sitzen KGB-Leute. Und klar: Die Würdigungen zu Ruges 85. Geburtstag verraten auch etwas über die Sehnsucht nach Entkomplexisierung, nach vermeintlich gut sortierten Zeiten mit zwei Supermächten, drei Sendern und einem Mann, der mit Leatherman, Khakihemd und Rucksack um die Welt reist, die er nicht aus Facebook, sondern aus eigener Anschauung kennt. Ohne Ruges Russland-Dreiteiler („Wassili hat einen Fisch gefangen, er brät ihn gleich hier in der Taiga“) war mancher Jahreswechsel ja gar nicht offiziell vollzogen.

Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Aber den Versuch, das Ruge-Prinzip und die mediale Gegenwart zu versöhnen, wäre es wert. Denn nicht wenige sind es leid, sich die Quintessenz des Weltgeschehens selbst aus Tweets, Schlagzeilen, öden Talkshowstanzen und blitzschnellen Urteilen herausfiltern zu müssen. Sie würden ganz gern wieder Vertrauen fassen in einen Journalismus, der eine Schneise schlägt, ohne zu bevormunden.

Die Medienmaxime, dass „schnell“ immer am besten ist, verändert sich gerade. Laurene Powell Jobs, Witwe des Apple-Gründers Steve Jobs, investiert Millionen in ein Start-up für Qualitätsjournalismus, das nur wenige Artikel täglich veröffentlichen will. Ruge kommt aus einer anti-schnellen Zeit. Und die hatte Vorzüge, die auch heute noch zählen. 1955 reiste er mit Konrad Adenauer nach Moskau, da lief Außenminister Heinrich von Brentano an ihm vorbei und rief: „Alles aus, alles geplatzt, wir reisen ab!“ - „Unter heutigen Bedingungen wäre ich hinter die nächste Laterne gegangen und hätte die ,Tagesschau‘ angerufen“, sagt Ruge. Das war damals technisch unmöglich. Twitter gab’s auch noch nicht. Ruge musste also eine Stunde warten, Adenauer kam heraus - und dementierte die Falschmeldung. Eine Stunde Zeit zum Nachdenken, Abwarten, Einordnen. Eine Stunde ohne Zwischenstand, Spekulation, Aufregung. Heute undenkbar. Gerd Ruge, der kauzige, alte Nuschler, mag kein geeigneter Kronzeuge für den Medienwandel 2013 sein. Aber ein bisschen von seiner Unaufgeregtheit, Menschenkenntnis und Expertise würde dem Geschäft guttun, auch heute noch.

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