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Medien & TV Russlands lächerliche Seite
Nachrichten Medien & TV Russlands lächerliche Seite
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08:47 20.12.2011
Von Jörg Kallmeyer
Foto: „Ich kenne Moskauer Friedhöfe, da haben sogar 100 Prozent der Leichen für Putin gestimmt“: Christian Ehring.
„Ich kenne Moskauer Friedhöfe, da haben sogar 100 Prozent der Leichen für Putin gestimmt“: Christian Ehring.
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Die Satire hat es bekanntlich schwer. Weil die Politik immer verrückter wird, folgt auch auf den schrägsten Scherz bisweilen die Frage, worin denn nun die Übertreibung liege. So berichteten die Nachrichtenagenturen nach den Parlamentswahlen in Russland vor zwei Wochen von einem „bizarren Wahlergebnis“: Die siegreiche Putin-Partei habe in einer Moskauer Nervenheilanstalt 93 Prozent der Stimmen erhalten. So weit die Wirklichkeit.

Die Satire ging noch einen Schritt weiter: Die „heute show“, Oliver Welkes Comedian-Sendung nach den „heute“-Nachrichten am Freitagabend, ließ ihren „Korrespondenten“ Christian Ehring in einem simulierten Schaltgespräch über die Fälschungsvorwürfe bei den Wahlen in Russland berichten. Er sprach vom „lupenreinen Beschiss“ und beendete seine Reportage mit den Worten: „Ich kenne Moskauer Friedhöfe, da haben sogar 100 Prozent der Leichen für Putin gestimmt.“ So weit, so lustig.

Die Sendung war ohne Zweifel gelungen. Aber auch diese „heute show“ wäre wohl längst vergessen, wenn die Satire jetzt nicht dabei helfen würde, die Wirklichkeit zu verändern. Russische Putin-Gegner fanden den Beitrag aus Moskau so lustig, dass sie ihn mit russischen Untertiteln versehen ins Internet stellten. Und das mit großem Erfolg, wie das ZDF am Montag mitteilte – auf seiner Nachrichtenseite: Binnen zwei Tagen sei der satirische Beitrag über Manipulationen bei der Wahl in Russland rund 1,4 Millionen mal angesehen worden. Offenbar verbreiten ihn Putin-Gegner im Netz.

Aus der hohen Zugriffszahl lässt sich schließen, dass das Video über russische Social-Media-Plattformen verbreitet wird. Ein nach eigenem Bekunden militanter Putin-Gegner, der ein Nachrichten- und Diskussionsforum betreibt, freut sich über einen rasant steigenden Zuspruch für sein Angebot. Gut die Hälfte aller seiner Videoabrufe macht bereits der „heute show“-Beitrag aus Deutschland aus.

Die Opposition in Russland hat also Humor – und sie weiß sich der freien Kanäle im Internet zu bedienen. Den traditionellen Medien traut man nicht über den Weg, darum wird über die Proteste vor allem auf sozialen Plattformen wie VKontakte, der russischen Facebook-Kopie, berichtet. Mit einigem Erfolg: Bei den Massenprotesten am 10. Dezember rechneten die Behörden mit ein paar Tausend Demonstranten, auf der Straße waren am Ende Zehntausende. Und auch am vergangenen Wochenende gab es wieder eine Demonstration für die Wiederholung der Parlamentswahl.

Auf der Plattform VKontakte laufen bereits die Verabredungen für die nächste Protestwelle am kommenden Sonnabend. Sehr zum Ärger der Staatsmacht, die bereits laut über eine „vernünftige Regulierung des Internets“ nachgedacht hat. Eine Steilvorlage für die nächste „heute“-Show.

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