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Medien & TV SAT.1 ist ein ewiges Sorgenkind
Nachrichten Medien & TV SAT.1 ist ein ewiges Sorgenkind
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19:34 27.01.2010
Von Imre Grimm
Bis auf wenige Comedy-Ausnahmen – wie „Pastewka“ – ist das SAT.1-Programm beliebig und austauschbar. Quelle: SAT.1
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Mit Senderchefs ist es wie mit Bundesligatrainern: Wenn’s nicht mehr läuft, müssen sie gehen. Eine Zäsur muss her, ein künstlich geschaffener Tiefpunkt, nach dem es – theoretisch – wieder aufwärtsgehen könnte. So läuft es bei Hannover 96, und so läuft es auch bei SAT.1. Nur wenig mehr als ein Jahr blieb Guido Bolten (48) als SAT.1-Chef Zeit, dem Sender ein Gesicht zu geben. Aber Bolten scheiterte, woran schon viele vor ihm scheiterten: Seit Jahren kämpft SAT.1 – um im Fußballbild zu bleiben – gegen den Abstieg in die dritte Fernsehliga. Der Sender hat gleich mehrere fundamentale Probleme. Sie alle wiegen schwer. In der Kombination könnten sie tödlich sein.

Problem 1: Es regiert das Chaos.

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In den vergangenen neun Jahren hatte SAT.1 acht Geschäftsführer. Am Montag übernimmt nebenbei Andreas Bartl (47) den Job, der Fernsehchef der ProSiebenSAT.1 AG – auch er nur kommissarisch. Zurzeit dreht sich das Personalkarussell in Unterföhring im Rekordtempo: Bartl installierte etwa die frühere RTL-II- und DMAX-Chefin Katja Hofem-Best als „Senior Vice President Factual“ (soll heißen: Chefin aller Dokus und Magazine) und strich die Chefredakteursstellen der drei Vollprogramme SAT.1, PRO7 und Kabel 1. Keine klare Linie auch beim Marketing: Mit diversen Slogans, sogenannten „Claims“, versuchte SAT.1, sich in den Gehirnen des Publikums festzubeißen – und sorgte damit regelmäßig für Erheiterung: Den Satz „powered by emotion“ (bis 2004) interpretierten nicht wenige politisch unkorrekt als „Kraft durch Freude“, der aktuelle Slogan „Colour your Life“ klingt eher nach einem Bettwäscheprospekt als nach Entertainment. Und die Telenovela „Alles nur aus Liebe“ nannte man einst in letzter Sekunde in „Verliebt in Berlin“ um, als jemandem auffiel, dass die Vier-Buchstaben-Abkürzung unglückliche Assoziationen nähren würde. Die jüngere SAT.1-Geschichte ist eine Abfolge von Fehleinkäufen, Pannen und Schnellschüssen – wie 2007, als sich SAT.1 nach dem Doping-Boykott von ARD und ZDF heftig mit der Übertragung der Tour de France blamierte.

Problem 2: Die Eigentümer brauchen Geld.

Ein SAT.1-Chef muss – ähnlich wie ein 96-Trainer – das Kunststück schaffen, mit minimalem Aufwand maximale Ausbeute zu erzielen. Der eine braucht Quote, der andere Punkte. Viel kosten darf es bei beiden nicht. Mitte der neunziger Jahre hatte SAT.1 bis zu 15 Prozent Marktanteil – 2009 waren es noch 10,8 Prozent, freilich nur dank der TV-Rechte an der Cham­pions und Europa League, die jährlich 75 Millionen Euro kosten. Ein teurer Spaß für einen Konzern, der mit 3,4 Milliarden Euro verschuldet ist. Die Eigentümergesellschaften KKR und Permira sind unerbittlich, wenn es darum geht, aus den Trümmern des einstigen Kirch-Konzerns einen auf Rendite getrimmten Goldesel zu zimmern. So zwangen sie den ohnehin schon wackeligen ProSiebenSAT.1-Konzern vor zwei Jahren, die SBS Broad­casting Group aus Luxemburg mit ihren 39 TV-Sendern zu übernehmen. Kaufpreis: 3,3 Milliarden Euro. Das Geld muss wieder reinkommen. Gespart wird da, wo es wehtut: am Personal und am Programm. Und noch mehr Chaos: 2009 zog der Sender gegen den Widerstand der meisten Mitarbeiter von Berlin nach München um. 200 Jobs gingen verloren. Was blieb, ist eine Rumpfmannschaft.

Problem 3: Wer soll SAT.1 gucken?

Wofür steht der „Familiensender“? Ältere Zuschauer sehen die Öffentlich-Rechtlichen. Mittelschichtfamilien gucken RTL. Teenager und reifungsresistente Jungerwachsene gucken RTL II, PRO7 oder Spartenkanäle. Retrofans gucken Kabel 1, Hobbyköche Vox. Der Fernsehkuchen ist verteilt. Und SAT.1? Ist zu flach für die Schlauen, zu bieder für die Jungen, zu jung für die Alten, zu komisch für die Ernsthaften, zu billig für die Anspruchsvollen, zu kaipflaumig für die Intellektuellen und zu betulich für die Coolen.

Problem 4: Teure Stars floppen.

Eine Programmoffensive nach der anderen verpufft. Drei Jahre laufen die Verträge mit den prominenten Neuzugängen Johannes B. Kerner und Oliver Pocher, die Bolten persönlich zu SAT.1 gelockt hatte. Die Quoten beider Stars liegen weit unter den Erwartungen. Kerners Zukunft bei SAT.1 gilt ohne seinen Vertrauten Bolten als unsicher. Die Werbekunden werden nervös, die Aktionäre erst recht. Bartl flüchtet sich in Marketing-Worthülsen: „SAT.1 muss attraktiver werden“, sagte er vergangene Woche in einem von der Bloggerszene genüsslich zerpflückten Floskelinterview. Es sei „Zeit für neues Fernsehen“, er habe „viele Ideen“, SAT.1 habe „unheimliches Potenzial“. Nun ja. Was man halt so sagt.

Problem 5: SAT.1 hat kaum Programmmarken.

Lange her sind die seligen Zeiten der „Harald Schmidt Show“ oder der kultige Charme der „Wochenshow“, längst vergessen ist auch, dass der Sender einst Sandra Maischberger oder Erich Böhme hervorbrachte. Mit wenigen Comedy-Ausnahmen – „Pastewka“, „Genial daneben“, „Ladykracher“ – ist das SAT.1-Programm beliebig und austauschbar. Mit dem staubigen Filmarchiv von Leo Kirch, lange wichtigste Waffe im Bruderkampf gegen RTL, gewinnt man heute keinen Blumentopf mehr. Während PRO7 diverse neue US-Serien startete, zeigte SAT.1 im Januar zum x-ten Mal prähistorisches Filmmaterial wie „Beverly Hills Cop“ und „Crocodile Dundee“. Konsequent verödet der Konzern auch den Nachrichtensektor.

SAT.1 hat die Höchststrafe in einem Geschäft ereilt, das zu 80 Prozent vom „Buzz“ lebt, vom Windmachen: Der Sender ist egal geworden. Es gibt einfach keinen Grund mehr, SAT.1 einzuschalten. SAT.1 ist ein Sender ohne Seele.