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09:09 12.05.2015
Das Glatzen-Shooting ließ die Frauen austauschbar erscheinen: Darya, Chiara (verdeckt), Vanessa, Ajsa, Anuthida, Lisa (v. l. n. r.) Quelle: Pro Sieben

Die Vorgaben sind eindeutig: Wer bei 1,72 Metern nicht mindestens in Konfektionsgröße 36 passt, ist raus. Auch Gefühle wie Angst, Scham, Müdigkeit oder Erschöpfung haben in der Pro7-Sendung „Germany’s Next Topmodel“ („GNTM“) nichts zu suchen. Kein Wunder, sagen die einen. Schließlich gehe es darum, das perfekte Model mit dem perfekten Körper zu finden.

Das „Mädchen“, das den perfekten Job abliefert, um am Ende des Tages jeden x-beliebigen Kunden, so gut es eben geht, zufriedenzustellen. In diesem Jahr haben sich Anuthida (17, „wünscht sich schon seit Kindertagen, als Model durchzustarten“), Ajsa (18, „schon als Kind modebegeistert“), Katharina (19, „wenn sie sich gerade nicht auspowert, kocht sie liebend gern vegan“) und Vanessa (18, „ich gehe nie ohne Schokolade aus dem Haus“) bis ins Finale gekämpft.

Zehn Staffeln, zehn Models, zehn Karrieren? Nicht alle, die bei "Germany's Next Topmodel" mitgemacht haben, arbeiten nun wirklich erfolgreich im Modebusiness. Manch eine Siegerin hat sich eine andere Nische gesucht.

Andere wiederum warnen seit der ersten Staffel der Castingshow, die jedes Frühjahr unter dem Vorsitz von Heidi Klum über die Bühne geht, „GNTM“ schaffe falsche Vorbilder und propagiere ein fragwürdiges Schönheitsideal. Sogar unverholener Sexismus wird dem Format vorgeworfen. Es gab Petitionen und Femenproteste – doch am Format änderte sich nichts. Kürzlich warf eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) den Machern der Sendung vor, „GNTM“ würde Essstörungen wie Bulimie und Magersucht verstärken. Fast ein Drittel der betroffenen Befragten habe angegeben, die Sendung sei entscheidend mitverantwortlich für die Entwicklung ihrer Krankheit gewesen. Kurz: Die Sendung macht krank. Und zwar vor allem junge Mädchen.

Magermodels vom Laufsteg verbannt

Nun ist die Erkenntnis, dass der Beruf des Topmodels nicht gerade für junge Frauen mit gesunder Physis berühmt ist, nicht ganz neu. Erst vor Kurzem segnete die französische Nationalversammlung ein Gesetz ab, das sogenannte Magermodels vom Laufsteg verbannt.

In Deutschland ist mittlerweile die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) alarmiert und untersucht die Pro7-Show derzeit auf ihre jugendgefährdende Wirkung. Sollte der Vorwurf zutreffen, so seien Sendezeitbeschränkungen zu prüfen. Auch Bußgelder wären möglich. Pro7 weist die Kritik natürlich zurück. Das Thema Essstörungen sei unabhängig von der Sendung. Außerdem: „Bei „Germany’s Next Topmodel“ ist gesunde und nachhaltige Ernährung ein wichtiges Thema“, sagte ein Sendersprecher. Zum Beweis tummelte sich Klum bereits in der vergangenen Staffel mit „ihren Mädchen“ im Supermarkt zwischen Obst- und Gemüseregalen, um zu betonen, wie wichtig gesunde Kost für einen fitten Topmodelkörper sei.

Aber was ist es dann, was „GNTM“ von Sendungen ähnlichen Niveaus – wie „Extrem Schön“ (RTL2) oder „The Biggest Loser“ (Sat.1) – unterscheidet? Die Antwort liefert eine 19-jährige Studienteilnehmerin: Bei Sendungen dieser Art, wo teils übergewichtige Kandidaten Tipps zum Abnehmen geben, fühle sie sich ausnahmsweise „schöner als die armen Würstchen in der Sendung“. „GNTM“ hingegen lasse das Gefühl entstehen, „es gibt so viele, tolle, dünne, disziplinierte Mädchen, die damit etwas erreichen und vor allem toll aussehen“, sagte eine 17-Jährige, ebenfalls an Magersucht erkrankt.

Die Studienteilnehmerinnen hätten explizit beschrieben, wie sie sich immer wieder mit den Ausnahmekörpern der Kandidatinnen verglichen hätten. Und genau das sei eben die „krank machende Logik“ des Formats.

Jana Beller, heute 24 Jahre alt, gewann 2011 die sechste Staffel von „GNTM“. Nachdem sie kurz nach ihrem Sieg mit Klums Vater Günther, der die „Topmodel“-Kandidatinnen mit seiner gleichnamigen Agentur traditionell unter Vertrag nimmt, brach, modelt sie nur noch nebenbei. Hauptberuflich steht Beller mittlerweile hinterm Tresen ihres eigenen Backshops im Münchner Hauptbahnhof – und sieht dabei ziemlich zufrieden aus.

Risiko Magersucht

Falsche Ideale: Diäten gehören heutzutage für viele zum Alltag. Geht die Fastenkur allerdings weiter, obwohl das gewünschte Gewicht erreicht ist, nimmt das Streben nach dem vermeintlichen Idealgewicht krankhafte Züge an.

Während Gesunde ihre normalen Essgewohnheiten wieder aufnehmen, hungern Magersüchtige weiter – auch wenn die Gesundheit Schaden nimmt. Auch die Seele leidet unter dem Schlankheitswahn: Es drohen Schlafstörungen, Panikattacken und Depressionen. Als Risikogruppe gelten Fachleuten zufolge vor allem Mädchen und Frauen zwischen 15 und 24 Jahre, junge Männer sind erheblich seltener betroffen.

Essstörungen wie Magersucht oder Ess-Brech-Sucht gehören zu den häufigsten chronischen Gesundheitsproblemen im Kindes- und Jugendalter. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts wurden 2012 in deutschen Krankenhäusern rund 11 500 Fälle behandelt. Einer Studie des Instituts zufolge sind Kinder aus wirtschaftlich schwächeren Familien sowie Migranten in Deutschland besonders gefährdet.

Von Nora Lysk

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