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Medien & TV „Schattengrund“ – Im Harz der Finsternis
Nachrichten Medien & TV „Schattengrund“ – Im Harz der Finsternis
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10:33 09.12.2018
Hinterwäldler sind halt nachtragend: Leon Urban (Steve Windolf) versucht, Nicola Wagner (Josefine Preuß) das eigentümliche und unfreundliche Verhalten der Dorfbewohner zu erklären. Quelle: Foto:Reiner Bajo/ZDF
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Mainz

Der Titelzusatz „Ein Harz-Thriller“ klingt nach einer neuen Reihe. „Schattengrund“ ist jedoch ein Einzelstück, und das Etikett „Thriller“ weckt womöglich falsche Erwartungen oder sorgt vielleicht gar für Abschreckung. Der Film ist durchaus spannend, aber eher im psychologischen Sinn. Vordergründig mag Elisabeth Herrmann, die ihren eigenen gleichnamigen Roman adaptiert hat, eine Krimigeschichte erzählen, doch letztlich geht es um das Seelenheil einer jungen Frau.

Die Handlung erinnert mit ihren Anleihen bei Melodram und romantischem Drama an die Geschichten von Daphne du Maurier, deren Werke Vorlage für viele Filme wie „Rebecca“ (1940) und „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (1973) waren.

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Die Einwohner von Siebenleben verhalten sich feindselig

Der Titel bezieht sich auf ein Anwesen im Harz. Nicola Wagner (Josefine Preuß) hat hier als Kind regelmäßig die Ferien bei ihrer Großtante verbracht. Nach einem tragischen Ereignis ist der Kontakt abgerissen. Die näheren Umstände hat sie vergessen, aber die Einwohner von Siebenleben, die ihr mit unverhohlener Feindseligkeit begegnen, als sie nach dem Tod der Tante in den Harz reist, sorgen dafür, dass sie sich nach und nach wieder erinnert.

Die Menschen geben ihr die Schuld am Tod der kleinen Fili. Die beiden Mädchen waren Freundinnen und sind in einem eiskalten Winter vor 20 Jahren weggelaufen, um sich im Bergwerk zu verstecken. Nicola wurde gefunden, Fili erfror. Nicola ahnt, dass mehr hinter der Geschichte steckt, und kommt schließlich einem unerhörten Vergehen auf die Spur. Und ausgerechnet jene, die sie heute anfeinden, haben schon immer die Wahrheit gewusst.

„Und alle haben geschwiegen“ wäre ein ebenfalls treffender Titel für diesen Film gewesen. So hieß Dror Zahavis bedrückendes Drama (2013) über die verdrängte Geschichte der deutschen Heimkinder in den Sechzigerjahren. Kameramann Gero Steffen leistete für Zahavi herausragende Arbeit. In „Schattengrund“ zeigt sich erneut Steffens Gespür für das passende Licht.

Eine Tote erscheint der Heldin in Albträumen

Als Kontrast zu den wunderschönen Winterbildern, die fast schwarz-weiß wirken, sind die Szenen im Haus der Großtante von großer Behaglichkeit. Gleichzeitig sorgen Musik (Stefan Hansen), Sounddesign und Kameraperspektiven für ein stetes Unbehagen, das natürlich durch das Verhalten der Dorfbewohner noch verstärkt wird.

Die Familie der kleinen Fili, allen voran Großmutter Zita (Marie Anne Fliegel), tut sich dabei besonders hervor. Als der Pfarrer (Oliver Stritzel) Nicola zum Gottesdienst einlädt, erkennt sie in einer Wachsstatue der Heiligen Barbara ihre verstorbene Freundin wieder. Fili erscheint ihr regelmäßig in ihren Albträumen und fragt sie, warum sie sie alleingelassen hat. In diesen Träumen weint die Skulptur blutige Tränen.

„Blut und Tränen“ keift nun auch Zita. Nicola weiß nun, dass sie es nicht nur sich selbst, sondern auch ihrer Freundin schuldig ist, herauszufinden, was damals wirklich passiert ist. In Filis unverändert gebliebenem Zimmer entdeckt sie endlich eine Erklärung dafür, warum das Mädchen in jenem Winter, der so kalt war, dass die Vögel tot vom Himmel gefallen sind, sein Elternhaus angstvoll verlassen hat.

Das Finale von „Schattengrund“ ist angemessen fesselnd

Josefine Preuß verkörpert die Heldin mit der gewohnten Hingabe. Der Rest des treffend zusammengestellten Ensembles (unter anderem Oliver Stokowski, Peter Kremer und Tanja Schleif) steht dagegen für das Böse. Zahavi, Regisseur unter anderem des Reich-Ranicki-Films „Mein Leben“, bedient sich zwar gelegentlich typischer Horrorfilm-Elemente, aber die Spannung ist über weite Strecken eher hintergründiger Natur.

Das Finale, als Nicola im stillgelegten Silberstollen die finstere Antwort auf ihre Fragen findet, ist allerdings angemessen fesselnd.

Montag, 10. Dezember, 20.15 Uhr, ZDF

Von Tilmann P. Gangloff / RND

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