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Medien & TV SchülerVZ: Die krassesten Fälle
Nachrichten Medien & TV SchülerVZ: Die krassesten Fälle
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16:11 02.02.2009
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Es war einer der der bisher krassesten Fälle von Mobbing per virtuellem Netzwerk: Ein Schüler, in der Realität eher Außenseiter in seiner Schulklasse, bekam plötzlich per E-Mail eine Einladung einer Mitschülerin zu SchülerVZ, dem Netzwerk im Internet. Dankbar nahm der Elftklässler die Einladung an. Er wurde Mitglied bei SchülerVZ, bandelte offenherzig übers Wochenende mit der vermeintlichen neuen „Freundin“ an, die da auf dem Foto zu sehen war und die er auch aus der Realität kannte – und offenbarte im Verlauf des Gesprächs per Tastatur und Internet sogar manche intimen Details über seine sexuellen Vorlieben.

Das Grauen begann für den Schüler am Sonntagabend: als in einer weiteren Mail die wahre Identität des „Mädchens“ aufflog, sich die Benutzerkennung als sogenannter Fake-Account herausstellte – eine Anmeldung unter falschen Angaben. Dahinter steckte nicht die Freundin: Besonders boshafte Mitschüler drohten stattdessen dem Jungen nun damit, die intimen Details der ausgetauschten Botschaften in einem Word-Dokument zusammenzustellen und an der Schule zu verteilen. Das Opfer soll daraufhin einen Kreislaufkollaps erlitten und später wegen des Vorfalls die Schule gewechselt haben.

Diesen besonders drastischen Fall erzählt Moritz Becker gerne ausführlich, wenn er an Schulen oder in Seminaren für Lehrer und Eltern über SchülerVZ berichtet. Der Sozialpädagoge hat sich beim Verein Smiley e. V. auf moderne Medien spezialisiert. Dabei berät er nicht nur Erwachsene, sondern vor allem die Jugendlichen direkt. So wie jüngst in Langenhagen. Dort gab es Streit um ein bei SchülerVZ veröffentlichtes Foto. Vier Hauptschüler posierten darauf mit Schlagring, Brechstange und Messer vor einem Hochhaus. Ein Schüler des Gymnasiums kommentierte das Bild und machte sich über die Hauptschüler lustig. Dies sprach sich schnell herum. Zuletzt füllten rund 2000 Beleidigungen und Provokationen mehr als 460 Seiten im SchülerVZ. Die Situation eskalierte weiter, als Hauptschüler in das Gymnasium gingen und einen Achtklässler (16) angriffen. Der hatte nach eigenen Angaben aber nichts mit dem Streit zu tun.

Laut Becker ist es gerade die scheinbare Anonymität im Internet, die dazu verleitet, drastischer zu formulieren, als man es sich in der Realität erlauben würde, sich auf Kosten anderer lustig zu machen oder besonders private Bilder zu veröffentlichen. „Viel Aggression entlädt sich bei den Bildern“, berichtet der 31-Jährige.

Klassensprecher werden für richtigen Umgang geschult

In Langenhagen werden jetzt zunächst die Klassensprecher geschult, einen „richtigen“ Umgang mit SchülerVZ zu lernen. Sie sollen als Multiplikatoren dienen, „bei Erwachsenen blocken die Schüler ab“, sagt Becker. Wobei es bereits eine unklare Frage sei, was der „richtige“ Umgang mit dem Internet-Netzwerk bedeutet: Sollte man seine ICQ-Nummer bei SchülerVZ veröffentlichen? Bilder hochladen, die nur die virtuellen „Freunde“ aufrufen dürfen? Becker lässt die Jugendlichen am liebsten selbst darüber diskutieren – wenn etwa bei SchülerVZ einer angibt, 200 Freunde zu haben, kann es schnell passieren, dass auch eigentlich Unbekannte auf sehr persönliche Fotos stoßen.

„Eine Schülerin hat vor Kurzem erzählt, dass ein Mann ein Strandfoto von ihr ausgedruckt und gerahmt auf den Schreibtisch gestellt hat“ – das Mädchen sei darüber sehr aufgebracht gewesen. Einer der Tipps lautet denn auch, Bilder „gerade so eben“ in einer Internet-gerechten Auflösung hochzuladen, die sich nicht fürs Ausdrucken eignet – vorausgesetzt, man verzichtet nicht eh besser aufs Hochladen. Aber auch die Eltern seien gefragt, sich mit dem Medium vertraut zu machen. „Manche machen es sich sehr einfach“, sagt Becker: Der Tipp, sich schlicht bei SchülerVZ nicht anzumelden oder die Anmeldung zurückzuziehen, ziele häufig ins Leere. „Ab der sechsten Klasse haben meist mehr als zwei Drittel der Schüler ein eigenes Profil bei SchülerVZ hinterlegt“, berichtet Becker.

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Die Art und Weise, auf diesem Weg per Tastatur, Bildschirm und Internet miteinander zu kommunizieren, sei in der jungen Generation schlicht akzeptiert und Alltag – wer da nicht mitmache, grenzt sich selbst aus. So gibt es nicht nur den sozialen Druck, mitzumachen, es gibt auch den Druck, schlechtmachende Veröffentlichungen zu akzeptieren. Wenn einer unvorteilhafte Partyfotos hochlädt, werden andere schnell als „Spielverderber“ abgekanzelt, wenn sie gegen die Veröffentlichung vorgehen wollen. Betroffene sollten laut Becker nicht gleich „das große Fass“ aufmachen und solche Bilder nicht sofort bei SchülerVZ melden, sondern zunächst beim Urheber ums Löschen bitten.

Die hohe Zahl der Teilnehmer bei SchülerVZ wird plausibel mit Blick auf die Hitparade der meistbesuchten Seiten im deutschen Internet: SchülerVZ nimmt da seit Beginn der Zählung einen Spitzenplatz ein, wird häufiger angeklickt als die bislang etablierten Angebote von T-Online, „Spiegel Online“ & Co. „Das ist wie eine Telefonnummer, fast jeder Schüler hat dort ein Profil“, sagt Becker.

Nach Einschätzung des Beraters gilt es daher vor allem, den Dienst nicht zu verteufeln („der ist nicht per se schlecht“), sondern bei den Schülern den Respekt vor anderen zu schulen – und die Jugendlichen darin fitzumachen, die Möglichkeiten und Gefahren von Veröffentlichungen im Netz zu erkennen.

von Marcus Schwarze

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