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Medien & TV Schwarzer zum Fall Kachelmann: „Simone W. wird wie Freiwild gehetzt“
Nachrichten Medien & TV Schwarzer zum Fall Kachelmann: „Simone W. wird wie Freiwild gehetzt“
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17:41 22.10.2010
Alice Schwarzer Quelle: dpa
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Frau Schwarzer, über den Prozess gegen Jörg Kachelmann schreiben Sie: „… käme es auf einen Freispruch ,Im Zweifel für den Angeklagten’ raus, dann wäre das eine Katastrophe … für Millionen Frauen.“ Kritisieren Sie tatsächlich das rechtsstaatliche Prinzip der Unschuldsvermutung?
Nein, selbstverständlich nicht. Ich verstehe auch nicht, wie dieser Satz missverstanden werden kann. Ich würde es lediglich bedauern, wenn das Gericht nicht die Wahrheit herausfinden könnte.

Sie sehen Simone W. als Opfer medialer Vorverurteilung und werfen insbesondere Sabine Rückert von der „Zeit“ und Gisela Friedrichsen vom „Spiegel“ Parteinahme zugunsten des angeklagten Jörg Kachelmann vor. Sie selbst kommentierten den ersten Auftritt des mutmaßlichen Opfers als „mutig“ und „beeindruckend“, während Sie Kachelmanns Auftreten – gut rasiert, frisch frisiert – als „geschickt“ bezeichneten. Ganz wertfrei klingt das nicht…
Nun, dem Angeklagten ist nichts anderes übrig geblieben, als zu seinem Prozess zu erscheinen. Dass er dabei versucht, einen guten Eindruck zu machen, ist sein gutes Recht. Dass aber das mutmaßliche Opfer überraschend im Gerichtssaal erscheint, obwohl diese Exfreundin seit Monaten in einigen Medien und im Internet als „Rächerin“ diffamiert und wie Freiwild gehetzt wird – ja, das fand ich schon mutig.

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Verstehen Sie, warum nicht nur „Emma“-Leserinnen irritiert sind, dass Sie für Ihre Prozessberichterstattung ausgerechnet die „Bild“-Zeitung gewählt haben, auf deren Titelseite wir jüngst zum Beispiel von einer barbusigen „Nadine (25)“ erfahren konnten, dass sie „heiße Blicke“ mag, „1,68 Meter groß“ und „60 Kilo leicht“ ist, und deren Chefredakteur die „Emma“ einst zum „Pascha des Monats“ kürte?
Ich vermute mal, dass „Emma“ die Nackte auf Seite 1 bei „Bild“ schon kritisiert hat, als zum Beispiel Sie das noch überhaupt nicht störte. Und dabei wird es auch bleiben. Aber wenn ich ausschließlich in Blättern veröffentlichen würde, die frei von Widerspruch sind – ja, dann bliebe mir wahrscheinlich nur noch „Emma“. Außerdem sind so offene Widersprüche wie im Fall von „Bild“ vermutlich für die Leserinnen und Leser einfacher zu durchschauen als die verdeckten in der angeblich seriösen Presse.

Wie ist denn Ihr Eindruck nach den ersten Verhandlungstagen gegen Herrn Kachelmann? Braucht Simone W. neben ihrem Anwalt, den Staatsanwälten und Richtern noch Ihre Verteidigung?
Das mutmaßliche Opfer braucht faire, unvoreingenommene Medien. Noch steht Aussage gegen Aussage. Wir alle kennen die Wahrheit nicht. Wenn es dennoch Journalisten gibt, die wie Sabine Rückert in der „Zeit“ behaupten zu wissen, dass die Exfreundin lügt, dann ist das ein Skandal. Und ja, dann braucht es Journalisten, die diesen Skandal auch benennen.

Interview: Wiebke Ramm