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Medien & TV „Sex and the City“: US-Kultur im Iran
Nachrichten Medien & TV „Sex and the City“: US-Kultur im Iran
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09:13 15.03.2009
Kristin Davis als Charlotte York Goldenblatt (v.l.), Kim Cattrall als Samantha Jones und Cynthia Nixon als Miranda Hobbes in der Komödie „Sex and the City - The Movie“ von Michael Patrick King. Quelle: Warner/ddp
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Mit „Sex and the City“, „Prison Break“ und Co. kommt die von der Führung in Teheran dämonisierte US-Kultur in immer mehr iranische Wohnzimmer.

„Mir war Fernsehen nie so wichtig, ich habe mit ’Friends’ nur angefangen, um mein Englisch zu verbessern“, sagt Ehsan. Mittlerweile hat sich der 23-Jährige zu einem richtigen Fan der Serie über eine Gruppe von Freunden in New York entwickelt. „Die sind so witzig und zeigen das alltägliche Leben junger Leute auf eine Art, wie Du sie sonst in Kinofilmen nie siehst“, sagt Ehsan, der aus einer konservativen religiösen Familie stammt. Seine „Friends“-DVDs hat er als Raubkopien gekauft, wie es im Iran bei den meist verbotenen US-Produktionen üblich ist.

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Dank des technischen Fortschritts ist es mittlerweile nicht mehr schwer, an Streifen aus den USA heranzukommen. Das Internet, illegal empfangenes Satellitenfernsehen oder eben auch Raubkopien machen es möglich. Zehn „Friends“-Staffeln sind auf dem Schwarzmarkt im Iran schon für umgerechnet 32 Euro zu haben. Der Markt ist groß: Mehr als 60 Prozent der Einwohner sind jünger als 30 Jahre. Viele von ihnen reiben sich an den vielen strengen Regeln der islamischen Religionswächter - und sind scharf darauf, mehr über die Kultur und das Leben in den Vereinigten Staaten zu erfahren. Mit den US-Serien können sie das auf unterhaltsame Weise.

Mortesa, ein Verkäufer von Raubkopien, macht mit diesem Trend gute Geschäfte. Mehr als 50 Filme oder Serien verkauft er pro Monat. „Ich biete Sammlungen für beide Geschlechter an“, erzählt Mortesa. Frauen kauften „Sex and the City“ und „Desperate Housewives“, Männer entschieden sich vor allem für Action-Serien wie „Prison Break“ und “24“. Zudem habe er mit „Friends“ oder „Lost“ Produktionen im Angebot, die Frauen und Männern gleichermaßen gefielen. Seit etwa zwei Jahren läuft das Geschäft mit den DVDs richtig gut, sagt Mortesa. Seit einige US-Produktionen untertitelt werden, hat er noch mehr Kunden.

Drehbuchautor Aliresa Kasemipur erkennt neidlos an, dass die Serien- und Filmproduzenten in den USA ihr Handwerk verstehen. Er sei selbst Fan von dieser „großartigen Unterhaltung mit wunderbar ausgefeilten, aber leicht zu verstehenden Figuren und Handlungen“, sagt er. Teil der Anziehungskraft sei auch der in den US-Produktionen vorherrschende Optimismus. Laut Kasemipur stillen die US-Serien ein Grundbedürfnis seiner Landsleute: „Iraner lieben Fortsetzungsgeschichten à la ’Tausendundeine Nacht’ - und das Fernsehen“.

Kasemipur hat das Drehbuch zur Fernsehserie „Die verbotene Frucht“ geschrieben, die vergangenes Jahr im Ramadan sehr hohe Einschaltquoten erzielte. Allerdings musste er bei seiner Geschichte um einen älteren frommen Geschäftsmann, der sich in eine junge Frau verliebt, anders als US-Autoren die strengen islamischen Vorschriften in seinem Land beachten: Frauen durften nur verschleiert auftreten, Berührungen zwischen Mann und Frau waren tabu, und ein „Ich liebe Dich“ ist kaum zu hören. An freizügige Bettszenen wie in „Sex and the City“ ist überhaupt nicht zu denken. Bei Fernsehsendungen ist die Zensur außerdem noch strenger als bei iranischen Kinofilmen. „Unsere Tabus machen es sehr schwer, echte Figuren aus Fleisch und Blut zu schaffen“, klagt Kasemipur. Das war bei „Tausendundeiner Nacht“ noch anders.

afp