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Medien & TV Siri, was ist mit Apple los?
Nachrichten Medien & TV Siri, was ist mit Apple los?
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21:46 30.11.2012
Von Imre Grimm
Da ist der Wurm drin: Bei Apple läuft längst nicht mehr alles so rund, wie noch vor einigen Jahren. Quelle: fotolia
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Hannover

So, jetzt ist es passiert. Meine Liebe zu Apple ist erkaltet. Plötzlich haben wir uns nicht mehr viel zu sagen. Ich begegne dem Weltkonzern mit seiner ganzen anstrengenden Geheimnistuerei wie einer verblühten Jugendliebe, der ich zufällig bei Edeka begegne („Hi! Und was machst du jetzt so? Ach, immer noch diese iPhones …“).

Der Sargnagel für die einst sehr schöne Beziehung zwischen dem wertvollsten Unternehmen der Welt und ihrem nicht weiter ins Gewicht fallenden Kunden aus „Lower Saxony/Germany“ war eine kleine Meldung aus Bonn. Dort gibt es ein beschauliches, 100 Quadratmeter großes Familiencafé namens „Apfelkind“. Es ist der Lebenstraum von Christin Römer (34), sie verkauft dort Bratäpfel, Apfelkuchen und Törtchen in Kuschelambiente.

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Das Logo des „Apfelkinds“ zeigt einen roten Apfel mit einem stilisierten Kinderkopf. Römer meldete das Motiv beim Münchener Patent- und Markenamt an. Und rief damit die Apple-Anwälte auf den Plan. Gerade vor ein paar Tagen gab’s mal wieder Post aus Kalifornien, von „Apple Inc., 1 Infinite Loop, Cupertino, USA“. „Wie Ihnen sicherlich bekannt ist, ist unsere Mandantin ein erfolgreicher Hard- und Softwarehersteller“, hieß es darin. Römer solle das Patent zurückziehen, es herrsche „Verwechslungsgefahr“ zwischen dem Apple-Logo und dem „Apfelkind“-Logo. Mehr noch: Das Erkennungszeichen des Cafés in der Argelanderstraße 48 in Bonn gefährde die globale Reputation der Weltmarke Apple. Bitte? Was kommt als Nächstes? Verklagt Apple Obststände? Fallen Horden von Anwälten auf Wochenmärkten ein? Muss das Alte Land auf Birnen umschulen?

Das war’s für mich. Der juristische Feldzug passt ins Bild eines hochnervösen, zickigen Konzerns. Das Apfelimperium tritt so unsympathisch, arrogant, geldgierig, kleinlich und humorlos auf, dass es unmöglich ist, angesichts der immer noch ziemlich brillanten Produkte ein loyaler Kunde zu bleiben.

Als Steve Jobs starb, glich Apple einer Weltreligion, die ihren Propheten verloren hatte. Tausende strömten in die Apple Stores wie in Kathedralen, hielten ihre iGeräte hoch, auf denen digitale Kerzen flackerten, und trauerten. Apple galt als „das Gute“ in der digitalen Wirklichkeit, der coole, smarte, innovative, fröhlich abgezockte Gegenspieler zum alten Recken Microsoft. Wie ein gereifter Star-DJ, dem auch aufstrebende Popsternchen wie Google, Amazon und Facebook nicht die Mädchen wegnehmen können. Selbst die in absurde Höhen geschraubten Erwartungen von Kunden und Aktionären wurden übererfüllt. Die Gewinne sprudeln ja immer: 42 Milliarden Dollar (32 Milliarden Euro) Gewinn machte Apple im Geschäftsjahr 2011/2012.

Und dennoch: Es passierte etwas. Es war, als habe Jobs die Kratzer im Lack nur überstrahlt, als sei plötzlich sichtbar geworden, dass Apple gar nicht der kultige Riese aus Kalifornien ist, sondern eine ganz normale neokapitalistische Milliardenmaschine. Die Pannen häuften sich.

Es gehört zu den üblichen Reflexen der Mediengesellschaft, dass auf einen Hype ein „Setback“ folgt, ein medialer Rückschlag. Auf der Sinuskurve der Erregung muss auf Sonnenschein zwingend Regen folgen. Im Fall Apple aber war die Suche nach wunden Punkten jahrelang erfolglos. So sehr man auch grub – selbst die strenge Technik-Journaille in den USA förderte in den Nullerjahren kaum Makel zutage. iPod, iPhone, iPad – alles flutschte beim Musterkonzern, jahrelang. Und niemanden schien zu stören, dass die Voraussetzung für all die Wow-Effekte, für all die Perfektion, ein in sich geschlossenes System aus Hard- und Software war, ein geradezu stalinistisches Durchregieren bis hinein in die Gewohnheiten und Routinen von Millionen Kunden.

Doch nun? „Es sieht so aus, als ob dieses ikonische Unternehmen seine Blütezeit hinter sich hat“, unkt der US-Finanzexperte Doug Kass. Apple-Chef Tim Cook schmiss iOS-Chef Scott Forstall raus, dazu den Boss der Apple Stores, John Browett, und machte Hardware-Chefdesigner Jonathan „Jony“ Ive auch zum Software-Verantwortlichen für das „Human Interface“ (Apple-Sprech). Der Mythos Apple aber zerbröselt unter seinen Händen. „Wenn Jobs noch leben würde, würde er Tim Cook feuern“, schreibt „Forbes“.

Der Aktienkurs sank in fünf Wochen zweistellig. Die iPod-Sparte stirbt. Zunehmend nerven die diktatorischen Prinzipien im Apple-Universum. Die Tatsache etwa, dass sich eine Word-Datei nicht einfach auf’s iPad laden lässt. Dass für jeden Mist der Umweg über iTunes erforderlich ist. Dass Apple – wie Facebook – als selbst ernannter Sittenwächter jede nackte Brust als Angriff auf die geheiligten Moralstandards der Firma eliminiert oder für die Vermarktung der Inhalte fremder Medienkonzerne die Tasche aufhält. Bevormundung und Unersättlichkeit gehen Hand in Hand. Zuletzt hat Apple ein Patent auf das digitale Umblättern von „virtuellen Seiten“ angemeldet. Das hat die Firma zwar nicht erfunden, aber man kann’s ja versuchen.

Der Todeskuss kam von dem Mann, der einst den „Mac“ erfand. Steve Wozniak, für viele Apple-Fans der bewunderte „Papa Bär“ der iSzene, vermisst die Innovationskraft bei Apple. „Siri versteht mich nicht, wie immer“, sagte er. Und Samsung habe doch „einige schöne Innovationen zu bieten“. Wenn Wozniak Samsung lobt, wenn Tim Cook Nokias Karten-App empfiehlt, wenn ein kleines Café in Bonn diese Weltmarke nervös macht – dann muss die Lage wirklich ernst sein bei Apple.

Mapplegate und Co.: Apples Pannenserie

  • Die Präsentation des iPhone 5 im September war so aufregend wie ein Abend mit Rainer Brüderle und zwei Flaschen Mineralwasser. Ja, das Ding ist prima. Aber eben nur prima. Wenn das WLAN mal funktioniert.
  • Das Desaster um die peinliche, fehlerhafte, offenbar hektisch zusammengeschusterte Karten-App, mit der sich Apple vom Konkurrenten Google unabhängig machen wollte, verstörte selbst im Glauben gefestigte Apple-Jünger („Mapplegate“). Apple-Chef Tim Cook entschuldigte sich schriftlich. Der verantwortliche Manager musste gehen.
  • Die Debatte um Kratzer auf der Aluminiumoxidschicht fabrikneuer iPhones („Scuffgate“) steht symbolisch für Zeitdruck und Überforderung in den chinesischen iPhone-Schmieden.
  • Der als Innovation verbrämte neue „Lightning“-Anschluss (Dock Connector) macht aus Millionen von iAccessoires Elektroschrott. Der Adapter – ein winziges Stück Plastik mit Metall – kostet ernsthaft 29 Euro. Das wirkt gierig. Und gierig ist nicht cool.
  • Die Meldungen über Massenschlägereien und Ausbeutung beim riesigen chinesischen Apple-Zulieferer Foxconn festigen das Bild vom Menschenschinderkonzern. Wie absurd ist das, in China 14-Jährige zu beschäftigen, um möglichst billig 900-Euro-Smartphones für Digitaljunkies zu produzieren?
  • Die Berichte über sektenhafte Motivationsrituale für Mitarbeiter, Druck und miese Bezahlung kratzen am Image.
  • Die Sprachassistentin „Siri“ ist keine Killer-Applikation, sondern eine nervtötende Ziege, die nichts versteht.