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Medien & TV Skandal beim Schunkelfernsehen
Nachrichten Medien & TV Skandal beim Schunkelfernsehen
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20:21 31.08.2011
Von Imre Grimm
Udo Foth ist im Juli als Unterhaltungschef suspendiert worden. MDR-Intendant Udo Reiter muss nun Fragen beantworten. Quelle: dpa
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Udo Reiter hatte sich das so schön vorgestellt: Der scheidende MDR-Intendant wollte seinem Nachfolger ein bestelltes Feld hinterlassen – mit soliden Finanzen, motivierten Mitarbeitern und einem erfolgreichen Programm. Und tatsächlich steht sein MDR glänzend da, was die nackten Zahlen angeht: Mit 680 Millionen Euro Gebühren im Jahr und 2000 Mitarbeitern (plus 2000 Freien) produziert das reichweitenstärkste dritte Programm der ARD-Familie jede neunte Fernsehminute im Ersten.

Intern aber hakelt es gewaltig bei der Dreiländeranstalt – wieder einmal. Am Donnerstag stand Reiter, der Dienstälteste unter den ARD-Intendanten, den Rundfunk- und Verwaltungsräten des MDR in einer Sondersitzung Rede und Antwort. Im Skandal um den suspendierten Unterhaltungschef Udo Foht (60), dessen dubiose Kreditgeschäfte die Staatsanwaltschaft untersucht, stand vor allem eine Frage im Raum: Was wusste die Sendeleitung? Im 13. Stock der MDR-Sendezentrale in Leipzig legte eine unabhängige Untersuchungskommission unter Leitung des früheren Chefs des Landeskriminalamtes Mecklenburg-Vorpommern, Ingmar Weltemeier, ihr Zwischenergebnis vor. Inhalt: Foht habe mit undurchsichtigen Finanztransaktionen gegen Dienstanweisungen verstoßen. Der MDR will dem 60-Jährigen jetzt fristlos kündigen. Reiter selbst ist aus der Schusslinie. Der Vorsitzende des Rundfunkrats, Johannes Jenichen, sagte, er gehe davon aus, dass der MDR „die Probleme in eigener Regie bewältigen wird“ – ein Vertrauenssignal.

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Der MDR hatte Foht Ende Juli suspendiert, nachdem bekannt wurde, dass er eine Produktionsfirma auf offiziellem MDR-Briefpapier um einen fünfstelligen Betrag gebeten hatte. Scheibchenweise kam ein komplexes Schneeballsystem ans Licht: Foht lieh sich bei Unternehmen und Privatpersonen Geld, steckte es in TV-Shows oder Firmen – und verlor die Übersicht. Als er die Miete seiner Leipziger Wohnung in Höhe von 369,94 Euro monatlich nicht mehr regelmäßig überwies, wurde laut „Spiegel“ ein Teil seines Gehalts gepfändet. Darunter wiederum litt seine Bonität. Ober er sich auch persönlich bereicherte – unklar. Foht selbst teilte mit, er werde „kämpfen und siegen“.

Was mit Briefköpfen begann, wuchs zu einem „Kessel Buntes“ heran (Foht hatte die Sendung schon zu DDR-Zeiten verantwortet). Und die Skandalgeschichte des MDR ist um ein Kapitel reicher. Es erzählt von Selbstherrlichkeit und Großmannssucht in einer Heile-Welt-Kulisse, in der es äußerlich um Paillettensakkos und Trompetensoli geht, in Wahrheit aber um Macht und Millionen. Es festigt sich das Bild einer regelrechten „Schlager-Mafia“ mit weitverzweigten Abhängigkeiten. Foht (60) galt als Pate der Volksmusik, als König des Schunkelfernsehens, der unter anderem Moderator Florian Silbereisen („Feste der Volksmusik“) entdeckt und gefördert hat. Fohts Rezept stammt zwar aus der Steinzeit des Fernsehmachens, hat aber Erfolg: Volksmusik, Schlager, Fernsehballett, Lokalpatriotismus („Wernesgrüner Musikantenschenke“).

Mächtige Freunde stützen ihn. So gab er etwa ohne Genehmigung ein Format namens „Schlag auf Schlager“ in Auftrag. Die 350 000-Euro-Pilotsendung war dem MDR zu teuer – also lieh sich Foht die Hälfte der Summe beim Volksmusikproduzenten Hans R. Beierlein (82). Beierlein sah nur einen Bruchteil seines Geldes wieder – und schwieg dennoch. Warum? Zudem hatte Foht – für monatlich 600 Euro – einen privaten Beratervertrag beim Deutschen Fernsehballett, das im MDR vielfach zum Einsatz kam. Auch der heutige Burda-Vorstand Philipp Welte, früherer MDR-Sprecher, lieh Foht Geld.

Reiters Abschied steht unter keinem guten Stern. Der MDR – eine Anstalt ohne Anstand? Erst im Winter war der spielsüchtige ehemalige KI.KA-Herstellungsleiter Marco K. zu gut fünf Jahren Haft verurteilt worden, weil er Scheingeschäfte in Höhe von 8,2 Millionen Euro abrechnete – jahrelang, unbemerkt. Bei der ARD federführend in Sachen KI.KA: der MDR. Schon der Start 1991 verlief holprig: An MDR-Standorten wurden diverse ehemalige Stasi-Spitzel enttarnt, Ende der neunziger Jahre dann sorgten verlustreiche Devisenspekulationen für Aufruhr, und 2009 wurde Sportchef Wilfried Mohren zur einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er sich für Werbung privat bezahlen ließ.

Längst lautet die Frage, ob der Foht-Skandal prototypisch ist für das in 20 Jahren gewachsene Selbstbild mancher MDR-Mächtiger. Reiters Lebenswerk bröckelt. Gnatzig räumte er ein, „dass das Einrichten von Controlling-Planstellen in den stürmischen Aufbaujahren nicht immer im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stand“. Bei der Aufarbeitung macht er keine gute Figur. Erst am 17. August gab er zu, dass er schon im September 2009 von einem Berliner TV-Produzenten darüber informiert worden war, dass Foht diesem 10 000 Euro schulde. Fernsehdirektor Wolfgang Vietze habe das dann erledigt. Man habe „keine weiteren Nachforschungen angestellt“. Laut „Welt“ hat TV-Produzent Werner Kimmig (63, „Bambi“, „Krone der Volksmusik“) die Summe für Foht privat beglichen – offenbar ohne Gegenleistung. Auch hier: Warum? Die Ermittler prüften laut „Spiegel“ auch, ob Schwarzgelder geflossen sein könnten, um Stars bei Laune zu halten.

Dünnhäutig reagierte Reiter auch auf den Vorwurf des Chefs der sächsischen Staatskanzlei, Johannes Beermann (CDU), im „Spiegel“, beim MDR sei „kaum eine Instanz intakt“. Die Vermutung liege nahe, schreibt Reiter, dass „interessierte Kreise“ versuchten, den Sender und seine Organe „im Vorfeld der Intendantenwahl unter Druck zu setzen“. Der 43-köpfige MDR-Rundfunkrat will am 26. September in Leipzig Reiters Nachfolger küren. Dieser benötigt eine Zweidrittelmehrheit. Aussichtsreich im Rennen: die 52-jährige MDR-Justitiarin Karola Wille (die wegen einer angeblich sozialismusfreundlichen Dissertation von 1985 unter Druck steht), Bernd Hilder (52), Chefredakteur der zur Madsack-Gruppe gehörenden „Leipziger Volkszeitung“ (der als Favorit der CDU-geführten sächsischen Staatskanzlei gilt), und Helfried Spitra (54), stellvertretender Fernsehdirektor beim WDR. Der siebenköpfige Verwaltungsrat will sich schon am Montag auf einen Kandidaten verständigen.

Den neuen Intendanten erwartet eine Herkulesaufgabe: Um sich von seinem Ruf als „ewige Skandalnudel der ARD-Familie“ zu befreien, muss sich der MDR ganz neu erfinden.