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Medien & TV „Sportschau“ in Gefahr
Nachrichten Medien & TV „Sportschau“ in Gefahr
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08:38 17.01.2012
Von Imre Grimm
Google statt ARD? Die Vergabe der Bundesliga-Medienrechte ab 2013 beginnt mit einem Paukenschlag. Quelle: dpa
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Berlin

Der Plan sieht zwei Vermarktungsszenarien für frei empfangbare Medien vor: Beim ersten Modell bliebe alles beim Alten. Die ­ARD-„Sportschau“ zeigt sonnabends wie gewohnt aktuelle Free-TV-Bilder aus den Stadien um 18.30 Uhr. Beim zweiten Modell würden die ersten Spielszenen zunächst um 19 Uhr über WebTV im Internet und auf videofähigen Smartphones verbreitet. Im frei empfangbaren Fernsehen liefe die Bundesliga dann frühestens ab 21.45 Uhr.

Ein Paukenschlag. Es wäre wohl das Ende für die traditionsreiche ARD-„Sportschau“ in ihrer jetzigen Form – nach 49 Jahren Bundesliga-Berichterstattung am frühen Sonnabendabend. Entsprechend groß ist die Empörung bei den ARD-Verantwortlichen: „Diese Entscheidung ist nicht im Sinne der Zuschauer“, sagte die ARD-Vorsitzende Monika Piel. Denn: „Sie birgt die Gefahr, dass die DFL einen großen Teil des Publikums ausschließt.“ ARD-Sportintendant Ulrich Wilhelm, der bis Ende 2010 Sprecher der Bundesregierung war, appellierte aus München an die „Vernunft der Vereine und der DFL, bei der Vergabe darauf zu achten, dass der Bundesliga-Fußball auch weiterhin eine Verbreitung erfährt, die seiner gesellschaftlichen Bedeutung gerecht wird“.

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WebTV statt ARD? Das Motiv der DFL ist klar: Sie will mit dem intern „Neue Medien“ genannten Modell zusätzliche Millionen erlösen. Als Bieter für die Rechte an einer solchen Internet-„Sportschau“ kämen etwa die Telekom, Yahoo, der Mobilfunkkonzern Vodafone oder Google infrage. Vor allem Vodafone hat zuletzt heftiges Interesse an den Onlinerechten signalisiert, die derzeit die Telekom innehat. Und der globale Riese Google baut derzeit weltweit sein GoogleTV-Experiment aus und benötigt attraktive Inhalte.

Ein Traumtor von Jan Schlaudraff auf einer zittrigen Webseite statt in der „Sportschau“ mit Matthias Opdenhövel? Lukas Podolski auf einem winzigen Handybildschirm statt formatfüllend um 18.30 Uhr?  Ein gruseliges Szenario. Nicht nur für Traditionalisten, sondern auch für Bewohner von Landstrichen mit miesem Internetanschluss. Noch vor vier Jahren, bei der letzten Neuvergabe der Fußball-Fernsehrechte, hatten die Kartellwächter ausdrücklich auf eine Zusammenfassung der Bundesliga vor 20 Uhr im frei empfangbaren Fernsehen bestanden – und damit die damaligen DFL-Pläne durchkreuzt. Die Liga hätte 2008 gern Pay-TV-Anbietern mehr Exklusivität eingeräumt.

Die DFL will in dieser Woche mit der Ausschreibung beginnen und den sogenannten „Procedure Letter“ an alle Interessenten verschicken. Insgesamt hat die Liga 23 Pakete für Free-TV, Pay-TV, Web-TV und Mobilfunk geschnürt. Das Erste zahlt für die Rechte an der sogenannten Höhepunkt-Berichterstattung am Sonnabend bisher rund 100 Millionen Euro pro Saison. Insgesamt kassieren die 36 deutschen Profivereine derzeit insgesamt rund 420 Millionen Euro an Bundesliga-Fernsehgeldern pro Saison.

Die Liga erhofft sich einen finanziellen Quantensprung – ähnlich wie zum Beispiel 1988, als der junge Privatsender RTL plötzlich 135 Millionen Mark pro Saison bezahlte, während die ARD bis dahin nur 18 Millionen Mark für Bundesliga-Fußball hingeblättert hatte. Yahoo oder Google (Jahresumsatz: 30 Milliarden US-Dollar) als mögliche Geschäftspartner – das weckt Begehrlichkeiten. Zudem setzt die Liga mit dem WebTV-Plan natürlich die ARD unter Druck. Auch die Pay-TV-Rechte würden bei diesem Modell wertvoller werden – und der Preis steigen.

Der Poker beginnt. Bundesliga nur noch im Web-TV – es wäre ein spektakuläres Novum in der Geschichte des deutschen Sportfernsehens. Bis zum April läuft das Bieterverfahren, dann fällt die DFL eine Entscheidung. „Wir bluffen nicht“, sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert, „jedes Szenario ist realistisch. Die Mediennutzung verändert sich. Rechteanbieter können diese Entwicklung nicht ignorieren.“ Die Radioberichterstattung mit der Livekonferenz ist davon unberührt.

Die wichtigste Frage wird sein: Gehört die zügige Berichterstattung über die Fußball-Bundesliga zum informationellen Grundversorgungsauftrag der ARD? Oder ist die 18.30-Uhr-„Sportschau“ eher ein tradierter TV-Ritus, den die ARD nur aus verhandlungstaktischen Gründen zum nationalen Grundrecht hochjazzt? Mit einer Vergabe ans WebTV könnte die DFL zwar zusätzliche Millionen Euro erwirtschaften – würde sich aber gleichzeitig Millionen „Sportschau“-Fans zum Feind machen. Auch die TV-Technik für 18 Spiele pro Woche in HD wird für Neueinsteiger ein schwerer Brocken. Und für Sponsoren sind die „Sportschau“-Zuschauerzahlen sicher attraktiver als ein Web-Experiment mit ungewissem Ausgang. Am Ende wird nur eines den Ausschlag geben: das Geld. Google gegen die ARD-Gebühren – es wäre ein ungleicher Kampf.

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Der Bieter-Wettstreit um die Bundesliga-TV-Rechte kann beginnen. Das Bundeskartellamt hat die geplante Ausschreibung der DFL genehmigt. In der nächsten Woche will die DFL die Unterlagen für die Rechtevergabe der vier Spielzeiten 2013/2014 bis 2016/2017 verschicken.

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