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Medien & TV Starke Frauen: Lena Meyer-Landrut und Helene Hegemann
Nachrichten Medien & TV Starke Frauen: Lena Meyer-Landrut und Helene Hegemann
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19:40 10.04.2010
Lena Meyer-Landrut Quelle: Martin Steiner
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Wenn Lena Meyer-Landrut Ende April ihre Abiturprüfungen abgeschlossen hat, steht die eigentliche Reifeprüfung noch bevor. Am 29. Mai wird die 18-jährige Hannoveranerin Deutschland beim Eurovision Song Contest in Oslo mit einem Lied vertreten. Dabei kann sie keine Noten lesen, und manche meinen, sie könne nicht einmal besonders gut singen. Und doch hat die Schülerin innerhalb weniger Wochen etwas geschafft, was andere Newcomer trotz Riesen-PR-Maschine nicht vermögen: Sie hat ein ganzes Land entzückt. Zuschauer und Medien haben sich in sie verliebt. Lena Meyer-Landrut ist 18 Jahre alt und ein Star.

Vor einigen Monaten erzählte man sich eine ganz ähnliche Geschichte. Nicht im schnelllebigen Popbusiness, sondern im ruhigeren Literaturbetrieb. Doch auch da war es ein Mädchen, das mit seinem Werk und seinem Auftreten das Feuilleton begeisterte. Von einem „Wunderkind“ und einer „Heroine“ war die Rede. Gefeiert wurde die damals 17-jährige Autorin Helene Hegemann für ihren Skandalroman „Axolotl Roadkill“.

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Lena Meyer-Landrut und Helene Hegemann stehen für Aufbruch, und sie transportieren ein Lebensgefühl, das so mancher sehnsuchtsvoll nachfühlen kann: Mit 18 liegt einem die Welt zu Füßen, alles ist möglich, das Leben beginnt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind zurzeit rund 472.000 Mädchen in Deutschland so alt wie Helene Hegemann, die gerade 18 geworden ist, und Lena Meyer-Landrut, die im Mai 19 wird.

Doch fragt man Gleichaltrige nach ihrer Meinung zu den beiden, bekommt man als Antwort meist ein Achselzucken. Eine der wenigen 17-Jährigen, die „Axolotl Roadkill“ tatsächlich gelesen haben, urteilt: „Man kann keinen Spaß an einem Roman haben, bei dem man jedes zweite Wort im Wörterbuch nachschlagen muss.“ Größeres Interesse, wenn nicht gar Begeisterung gibt es in der Generation ihrer Eltern. Das ist kein Zufall, sagt Medienpsychologe Jo Groebel. „Helene und Lena sind weniger die Stimmen ihrer Generation als vielmehr die erwünschten Stimmen ihrer Eltern- und Großelterngeneration.“

Groebel spricht von „der Sehnsucht des deutschen Bildungsbürgertums nach Lockerheit“, die in der Faszination an Helene Hegemann und Lena Meyer-Landrut zum Ausdruck komme. Als typischen Vertreter dieser Lena- und Helene-Fans nennt er den Studienrat: gebildet, politisch interessiert und mit einer linksalternativen Vergangenheit. Die widerspenstige Art der beiden Mädchen vermöge es, Erinnerungen wachzurufen an die eigene Unangepasstheit, die im Laufe eines Berufslebens vielleicht längst verschüttgegangen ist.

Bei dem Hype um die beiden jungen Frauen spielen ihre Jugend, ihr Geschlecht und die soziale Schicht, aus der sie stammen, eine entscheidende Rolle. Lena Meyer-Landruts Großvater Andreas war Botschafter in Moskau und unter Richard von Weizsäcker Chef des Bundespräsidialamtes. Helene Hegemann zog im Alter von 13 Jahren nach Berlin zu ihrem Vater Carl, der bis 2006 Chefdramaturg der Berliner Volksbühne war und jetzt an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig lehrt. Mit 15 Jahren schrieb sie ihr erstes Theaterstück, „Ariel 15“, drehte mit 16 Jahren ihren ersten Film, „Torpedo“, für den sie den Max-Ophüls-Preis bekam, und spielte 2009 in Nicolette Krebitz’ Kurzfilm „Die Unvollendete“ sich selbst, die darin ausgerechnet auf Ulrike Meinhof und Susan Sontag trifft.

Helene und Lena sind frech, aber sie beunruhigen nicht“, erklärt Psychologe Groebel. „Sie kommen aus dem richtigen Elternhaus, haben den richtigen Verlag oder nehmen an der richtigen Veranstaltung teil.“ Ullstein und der Eurovision Song Contest sind das Gegenteil von RTL und seiner CastingshowDeutschland sucht den Superstar“, die in bildungsbürgerlichen Kreisen eher naserümpfend als „Gesindelkultur“ wahrgenommen wird.

Zudem mildert ihr „mädchenhafter Charme“ sogleich jede Provokation. Selbst eine zum Teil drastische Wortwahl (Lena: „Kackwurst!“) wird ihnen als Keckheit ausgelegt und gern verziehen. Rapper-Bösewicht Bushido wirkt gefährlich, Hegemann letztlich nur rebellisch im intellektuellen Sinn. Eben gab es noch das Jammern über die unpolitische, angepasste Jugend, nun gibt es Lena Meyer-Landrut und Helene Hegemann. „Sie sind die neue Generation der erwünschten Schwiegertöchter“, sagt Groebel.

Dass es ausgerechnet zwei Mädchen sind, die sich da mit so großem Selbstverständnis in der Öffentlichkeit bewegen, kann man durchaus als Zeichen der Zeit sehen. In den vergangenen Jahren ist eine Generation von jungen Frauen herangewachsen, die selbstbewusster ist, als es jemals eine zuvor war. Sie sind aufgewachsen in einer Welt, in der die konventionellen Familienzusammenhänge schon ebenso selten geworden waren wie die klassische Rollenverteilung von Mann und Frau. Für die Abiturientinnen von heute sind Kinder trotz Karriere selbstverständlich. Sie pflegen Gemeinschaften und zeigen Gefühl – und bekommen dennoch, was sie wollen.

„Noch sind viele überrascht, dass es diese selbstbewussten jungen Frauen gibt“, sagt Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School of Governance. Doch schon in der jüngsten Shell-Jugendstudie gab es deutliche Hinweise auf diese neuen Frauen. „Sie sind sanft, aber unaufhaltsam“, sagt Hurrelmann. Besonders auffällig ist die Entwicklung im Bereich der Bildung: Bereits jetzt sind 55 Prozent der deutschen Abiturienten weiblich, die Tendenz ist steigend. In einigen Jahren werden sie nach Meinung von Wissenschaftlern auch verstärkt in den Chefetagen großer Unternehmen vertreten sein. „Die Konkurrenz durch sie wird immer stärker“, sagt Hurrelmann. „Man kann noch nicht genau sagen, wann, aber es wird so kommen.“

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Und mit 18 Jahren macht man auch mal Fehler. Helene Hegemann hat bereits zu spüren bekommen, was passiert, wenn diese öffentlich diskutiert werden. Innerhalb weniger Wochen wurde aus dem „Wunderkind“ das „junge Ding“, dessen Talent durch Plagiatsvorwürfe plötzlich infrage steht. Die Bewunderer sind verstummt oder zu Richtern geworden. Helene Hegemann hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Gern hätte man sie gefragt, was sie von Lena Meyer-Landrut hält. Und umgekehrt. Doch auch Lena hat sich zurückgezogen. Sie muss für das Abitur lernen.

In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob sie dem Druck gewachsen ist. Was passiert, wenn sie nicht der Star von Oslo wird? Lässt sich die Unbeschwertheit der Jugend wiederfinden, wenn man sie erst einmal losgelassen hat? Die beiden werden es vielleicht für sich herausfinden müssen.

Wiebke Ramm 
und Dany Schrader