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00:22 20.06.2015
Das Logo der Zeitschrift "Stern": Die Enkelin von Gründervater Henri Nannen, Stephanie Nannen, kritisiert das Magazin für seinen Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Quelle: dpa
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Henri Nannen gilt seit jeher als der Erfinder des „Stern“. Tatsächlich hat er sich einer Vorlage bedient: einem gleichnamigen Magazin aus den dreißiger Jahren. So stand es 2000 in der „Zeit“. Sie selbst haben die Gründungsumstände 2013 in der Biografie Ihres Großvaters beschrieben. Nur der „Stern“ schwieg dazu – bis jetzt in einem großen Interview. Begrüßen Sie, dass die zeitschrift endlich schreibt, wie es wirklich war?

Da widerspreche ich. Natürlich ist und bleibt Henri Nannen der Erfinder des „Stern“. Glauben Sie denn, dass dieses Erfolgsblatt, das seinerzeit erst die „Zeit“ von Gerd Bucerius saniert hat und dann als Lokomotive den ganzen Bahnhof Gruner + Jahr (G+J) zog, ohne Nannen denkbar ist? Dass irgendjemand anders dieses Unikum erschaffen hat? Noch heute greift der „Stern“ – auch werbend – auf „Erfindungen“ meines Großvaters zurück, die für das Blatt charakteristisch geworden sind. Ja, es hat ab 1938 in Berlin ein gutes Jahr lang ein Filmblättchen gegeben, das „Der Stern“ hieß. Von einer Vorlage für Nannen kann jedoch nicht die Rede sein. Ich habe einen Großteil der Ausgaben zu Hause liegen. Darüber habe ich in der Biografie geschrieben.

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Stephanie Nannen: Die Publizistin und Journalistin ist die Enkelin von "Stern"-Gründer Henri Nannen. 2013 veröffentlichte sie die Biografie "Henri Nannen. Ein Stern und sein Kosmos" Quelle: Michael Rauhe

Nun gibt es auch die als Buch erschienene Dissertation von Tim Tolsdorff, mit dem der „Stern“ nun das besagte Interview geführt hat. Auch Tolsdorff führt die Gründungsgeschichte auf.

Sie wurde im „Stern“ nach 1948 auch nicht verschwiegen. Wer im Archiv sucht, findet dazu Aussagen. Mein Großvater sprach darüber, die Kollegen von damals auch. Es mag sein, dass diejenigen, die Nannen und sein Team nicht kannten, nie davon gehört haben. Ein Geheimnis war es nicht. Es war nur nicht von Bedeutung. Insofern: Ja, ich würde es begrüßen, wenn der „Stern“ schriebe, wie es wirklich war. Aber das hat er nicht getan. Mehrfach ist in dem Interview von einem Gründungsmythos die Rede. Es gibt und gab keinen „Gründungsmythos“, der von Nannen ausgegangen wäre. Wenn der „Stern“ oder G+J nach seinem Weggang eine sinnstiftende Geschichte brauchten, die das Fortbestehen sicherte, so fußt das nicht auf Nannens Haltung, sondern mag etwas mit der Lücke zu tun haben, die er riss.

Warum gestehen Sie dem „Stern“ nicht zu, sich mit dem Interview in einer Art symbolischem Akt als ehrlich darstellen zu wollen?

Es ist in der Tat ein symbolisches Interview. Der Versuch, „nichts mehr unter den Teppich zu kehren“, endet leider darin, dem Interviewpartner den roten Teppich auszurollen. Zur Ehrlichkeit braucht es mehr.

Was werfen Sie dem „Stern“ konkret vor – Geschichtsvergessenheit?

Mangelnde Recherche. Ich habe zum Beispiel dem Chefredakteur des „Stern“ meine Unterstützung angeboten, als der im vergangenen Winter öffentlich ankündigte, es werde ein „Stern“-Gespräch mit dem Verfasser dieser Doktorarbeit geben. Es befremdet mich schon, dass diejenigen, die heute noch von der Strahlkraft des alten „Stern“ profitieren, sich auf diese Weise von Nannen trennen wollen. Auch dem Doktoranden selbst hatte ich während seiner Recherchezeit einen Austausch über Dokumente und Wissensstände angeboten. Beides wurde nicht angenommen. Stattdessen hat sich der Doktorand auf den Nachlass von „Karlchen“ Beckmeier gestützt. Weiß er, dass Frau Beckmeier meinen Großvater gehasst hat? Hat er den Aktenordner aus den Händen des Sohnes von Beckmeier einem Wirklichkeitscheck unterzogen? Hat er Nannens Sohn gefragt? Im „Stern“ von vergangener Woche erfahre ich darüber nichts. Außerdem bauscht dieses „Stern“-Gespräch einen bekannten Sachverhalt in unverhältnismäßiger Weise auf. So, dass es den Namen Henri Nannens beschmutzt. Es strotzt vor Behauptungen, Vermutungen, Anmaßungen, Auslegungen.

Zum Beispiel?

Die Stars im Heft und die Rubriken seien ähnlich. Darüber habe ich schon in meinem Buch geschrieben: Günter Dahl, der große Reporter und erster „Stern“-Mann, hat einmal gesagt, dass sie für die ersten Ausgaben des „Stern“ natürlich klauten – Geschichten, Fotos, Ideen. Alles, was sie kriegen konnten. Herrje! Die hatten gerade den Hungerwinter 1947 überstanden. Es gab kein Papier, kaum Schreibmaschinen, kein gut ausgestattetes Archiv. Kollegen der ehrwürdigen „Berliner Illustrirten“ aus dem Ullstein-Verlag waren in Hannover – auch eine Quelle der Inspiration. Oder „Zick-Zack“ – die Jugendzeitschrift, aus der Nannen den „Stern“ machte. Rudolf Augstein und Henri Nannen versuchten im Pressehaus Anfänge zu knüpfen. Jeder auf seine Weise, oft gemeinsam. Nannen war Kunsthistoriker – war mit Literaten, Schauspielern und Künstlern bekannt und schrieb für die „Abendpost“. Sein Metier war das Feuilleton. Es war naheliegend, mit Unterhaltung zu beginnen – die für ihn nie etwas niederes, sondern immer der Schlüssel zu den Lesern war. Augstein hat einmal gesagt: „Ich habe den ,Spiegel‘ gemacht, aber ich habe ihn nicht erfunden. Henri hat den ,Stern‘ gemacht, und er hat ihn auch erfunden.“ Augstein war immerhin dabei.

Haben Sie den Eindruck, G+J will sich seiner Galionsfigur entledigen?

Ja.

Was treibt Sie an, zu glauben, Ihre Aufgabe sei es, Henri Nannens Erbe zu schützen?

Mein Verständnis von sauberem Journalismus.

Interview: Ulrike Simon

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