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Medien & TV "Stromberg" ist wieder da
Nachrichten Medien & TV "Stromberg" ist wieder da
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19:26 02.11.2009
Von Imre Grimm
Ekel-Chef Stromberg ist wieder da. Quelle: Handout
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Provinz ist da, wo die Lehrer zu den Intellektuellen zählen, hat ein Nichtlehrer mal gesagt. Man könnte auch sagen: Provinz ist da, wo Typen wie Bernd Stromberg Chefs werden können. Intrigante, kleine Rumdruckser und beifallheischende Praktikantinnen-Anbaggerer, die ihr eigenes Versagen mit umso größerer Klappe zu kaschieren versuchen. Am Dienstag, 3. November, startet die vierte Staffel mit einer Doppelfolge. Und Christoph Maria Herbst spielt sein hassgeliebtes Alter Ego Bernd Stromberg so verdruckst, großkotzig und großartig wie immer.

Gleich zu Beginn wird der „Stellvertretende Ressortleiter Schadensregulierung M bis Z“ bei der Capitol Versicherung AG nach einem Zoff mit dem Kantinenkoch strafversetzt. Er muss raus aus seinem vertrauten Benjamini-Büroumfeld und tief rein in die bäuerliche Provinz, wo er in einer muffigen Außenstelle arglosen Treckerfahrern Versicherungen aufschwatzen soll. Bums, aus, Nikolaus. Abgeschoben aufs Land. Ende Gelände. Das fiktive Kuhkaff heißt Finsdorf (oder „Inzesthausen“, wie Stromberg sagt, „wo Mutter, Tante und Lieblingskuh dieselbe Person sind“). Aber natürlich schaut der Mann ab und an bei seinen alten Kollegen in der City vorbei, dem schwer depressiven Muttersöhnchen Berthold „Ernie“ Heisterkamp (Bjarne Ingmar Mädel) sowie Macho Ulf Steinke (Oliver Wnuk), Tanja Seifert (Diana Staehly) und Erika Burstedt (Martina Eitner-Acheampong). Neu im Team sind Kai Malina und Ramona Kunze-Libnow als mäßig motivierte Capitol-Mitarbeiter in Finsdorf.

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„Mockumentary“ (nach „to mock: verspotten“) heißt das „Stromberg“-Format mit den verwackelten Augenzeugen-Kameras und den durch Lamellen gefilmten Knutschszenen – eine Parodie auf die Dokusoap-Schwemme der letzten Jahre. „Inspiriert“ wurde „Stromberg“-Autor Ralf Husmann von der BBC-Serie „The Office“ mit Ricky Gervais – worauf die Produktionsfirma Brainpool freilich erst seit einer angedrohten Urheberrechtsklage ganz klein im Abspann hinweist. Bei der Vermarktung geht PRO7 neue Wege: Schon drei Tage nach Staffelbeginn erscheint die DVD-Box zur vierten Staffel. Und bereits jetzt hat der Sender alle Folgen der Staffeln eins bis drei kostenlos online gestellt.

Für PRO7 war „Stromberg“ seit dem Start im Oktober 2004 nie ein Quotenhit, aber von Anfang an ein wichtiger Imagefaktor. Ausgerechnet dieser Unsympath („Die besten Jahre kommen doch nach 45! War mit Deutschland ja genauso“) wurde zum markanten Sendergesicht mit erztreuer Fangemeinde. Die dritte Staffel erreichte 2007 mäßige 1,12 Millionen Zuschauer im Schnitt. Aber: Sowohl „Stromberg“-Autor Ralf Husmann als auch Herbst selbst erhielten unter anderem den Adolf-Grimme-Preis. Lange zierte sich Herbst, bis er nach mehr als zwei Jahren Pause nachgab und zur vierten Runde antrat. „Ich habe ihn vermisst wie einen guten Freund, der einem mal die Freundin ausgespannt hat“, sagt Herbst über Stromberg. „Es ist ein masochistischer Teil von mir, zu dem ich stehe.“ Herbst, 1966 in Wuppertal geboren, ist gelernter Bankkaufmann und mit Schauspielkollegin Marie Zielke liiert. Bis heute sieht er sich nicht als Künstler. „Ich kann halt nix anderes.“ Steckt er nach vier Staffeln in der Stromberg-Falle? „Von Falle kann keine Rede sein und wenn, dann höchstens von einer sehr kuscheligen, die mit Brokat ausgeschlagen ist und in der ich mich sehr gut eingerichtet habe.“

Gerade wegen der Sitcom-untypischen leisen Szenen, in denen das intrigante Arschloch („Wenn du hier als Chef ’nen Furz lässt, dann fordert der Betriebsrat gleich ’ne Lärmschutzwand“) auch mal einsam ist, gehört „Stromberg“ zum Intelligentesten, was im deutschen Fernsehen zu finden ist. Es ist wohl das genaue Beobachten dieser Parallelwelt namens Büro mit all ihren kollegialen Notgemeinschaften, die „Stromberg“ so witzig machen. Die seltsamen Rituale (wer hat noch nie Drehstuhlwettrennen im Flur gemacht?), das Geflirte und Geflunker, die Postkarten mit schlichten Wahrheiten („Nur Idioten halten Ordnung, das Genie beherrscht das Chaos“), Tragik, Komik, Elend zwischen Kaffeemaschine und Quartalsgespräch. Dazwischen irrlichtert mit weit aufgerissenen Augen Bernd Stromberg. Der Mann wirft kein gutes Licht auf diese seltsame Spezies namens „Chef“. Aber niemand sonst zeigt so genau, wie tragikomisch das ist, wenn jemand eigentlich nur gemocht werden will und sich dabei selbst im Weg steht. Paradoxerweise ist er gerade bei denen ein Hit, denen der verfluchte Büroalltag erst noch bevorsteht – bei Schülern, Studenten und intellektuellen Langschläfern. Letzlich ist auch er nur ein armes Hascherl, das nach unten weitergibt, was er von oben empfängt. Dass er das nicht selbst erkennt, macht den Witz der Serie aus.

Für nächstes Jahr ist ein „Stromberg“-Kinofilm geplant. Und wie geht’s weiter? „Ich kann mir sehr gut vorstellen, die Figur Stromberg in die Politik zu schicken“, sagt Christoph Maria Herbst. Ja – warum auch nicht? Doktor Udo Brömme und Bernd Stromberg gemeinsam im Bundestag, Fraktionsvorsitzender wird Horst Schlämmer.

Das wäre mal eine Koalition. Steuerreform? Afghanistan? Milliardenschulden? „Das? Äh, das, äh ... läuft.“