Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV Stuckrad-Barre: „Ich bin halt nicht Kai Pflaume“
Nachrichten Medien & TV Stuckrad-Barre: „Ich bin halt nicht Kai Pflaume“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:25 09.02.2012
Autor, Moderator Drehbuchschreiber: Benjamin von Stuckrad-Barre. Quelle: dpa
Anzeige
Berlin/Hannover

Herr Stuckrad-Barre, Sie haben am Drehbuch für „Zettl“ mitgearbeitet, jetzt geht Ihre Late-Night-Show in eine neue Runde – ganz schön aufregend, oder?
Ich kann vor lauter Aufregung oder besser gesagt Aufgeregtheit gar nicht mehr papp sagen. Mein Grundzustand, der eigentlich sowieso ein überspannter ist, steigert sich momentan zu maximaler Nervosität.

Warum sind Sie denn so überspannt?
Warum das so ist, müsste eine Psychotherapie klären (lacht). Aber zappelig und hyperaktiv war ich schon immer, das ist einfach so bei mir. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als damit umzugehen und es im besten Fall als Instrument zu benutzen.

Anzeige

Wollen Sie nicht ein bisschen cooler werden?
Warum sollte ich? Es gibt so eine Schwelle, ab der Nervosität andere nervt, die sollte man natürlich nicht permanent überschreiten. Aber wenn man vor Publikum auf einen Politiker trifft, also in einer künstlichen Situation ist, finde ich aufgeregt zu sein erst mal gar nicht verkehrt – wäre doch viel seltsamer, wenn man es nicht ist.

Sie schwitzen auch schon mal vor der Kamera.
Ich finde Schwitzen nicht so schlimm. Es ist zwar wahnsinnig unangenehm, aber wenn sichtbar ist, dass das Ganze anstrengend ist, dass da jemand kämpft, finde ich das eigentlich ganz unterhaltsam. Ich bin halt nicht Kai Pflaume, der auch nach 300 Minuten Superquizshow noch aussieht, als käme er gerade direkt aus der Garderobe. An so einem hinterlässt ja nichts Spuren, nicht einmal das Leben, geschweige denn so eine Sendung. Bei mir ist das genaue Gegenteil der Fall.

Klingt souverän.
Es geht darum, so eine Sendung offen zu gestalten, dafür zu sorgen, dass etwas passiert – beim Gast, aber natürlich auch beim Moderator. Das ist eine soziale Situation, in der man einander mag oder sich streitet oder zusammen lacht oder kurz davor ist, sich eine einzufangen.

In der ersten Staffel hatten Sie meistens Politiker aus der zweiten Reihe zu Gast – bekannte Leute wie Hans-Christian Ströbele oder Wolfgang Bosbach, aber eben nicht die erste Garnitur ...
Aber zu der zähle ich selbst ja schon gar nicht! Für mich ist doch die zweite Reihe schon ein absolutes Upgrade (lacht). Es wäre natürlich toll, wenn die Kanzlerin käme. Wobei ... also, ob das mit Frau Merkel unbedingt interessanter wäre, weiß ich gar nicht. Oft sind ja gerade die, die nicht in allererster Reihe stehen, auskunftsfreudiger und auch interessanter als die Schwergewichte, die permanent dasselbe reden, egal, was man sie fragt. Die anderen haben einfach nicht dieses enge Korsett aus Vorgaben, sondern dürfen auch mal riskant sprechen und als Mensch sichtbar werden. Die Kanzlerin darf aber jederzeit kommen.

Was würden Sie Frau Merkel denn fragen?
Ich hab sie schon mal was gefragt, als ich sie für eine Zeitungsreportage beim Wahlkampf begleitet habe. Und zwar habe ich sie zu ihrer typischen Handhaltung interviewt, sie bildet ja immer mit ihren Händen in Bauchnabelhöhe diese lustige Raute. Ich habe sie gefragt, warum sie das immer macht, und sie hat  geantwortet: „Das bedeutet eigentlich gar nichts“ – eine geniale Antwort, wie ich finde. Dann hat sie es doch spezifiziert und erklärt, dass sie dadurch eine gerade Haltung bekommt, also aus orthopädischer Sicht. So denkt die Kanzlerin immer alles ganz grade.

Welcher Gast war Ihnen der liebste?
Der ehemalige CSU-Chef Erwin Huber, der im Bademantel aufgetreten ist, war wirklich toll. Ich war begeistert davon, dass er sich auf unsere Spielelemente eingelassen hat. Ich fand ihn sehr lustig und schlagfertig, und er ist bei aller Albernheit auf so eine wunderbar bayerische Art trotzdem er selber geblieben. Im Publikum saßen lauter junge Leute, die jetzt nicht unbedingt die größten Erwin-Huber-Fans waren, aber nach der Sendung haben sie ihm stehenden Applaus gespendet. Sehr gut fand ich auch Jorgo Chatzimarkakis von der FDP, der mit mir Karaoke gesungen hat.

Also sind Ihnen die, die sich zum Affen machen, am liebsten?
Ich würde überhaupt nicht sagen, dass die sich zum Affen machen, das erledige ich schon selbst. Mir sind die Gäste am liebsten, die sich nicht verweigern. Spielverderber hingegen, die Angst davor haben, mal kurz eine Sekunde die Kontrolle zu verlieren, langweilen.

Wer hat sich denn als solcher entpuppt?
Gregor Gysi zum Beispiel, der die Ausstrahlung der Sendung, in der er zu Gast war, anschließend juristisch verhindern wollte, damit aber gescheitert ist. An der Sendung war gerade das Nichtgelingen toll, er mochte mich nicht, und ich badete nun auch nicht gerade in Liebe zu ihm – das hatte eine ganz eigentümliche Dynamik, die mir sehr gut gefiel.

Wie viel lässt sich planen und wie stark sind Sie auf Ihre Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart angewiesen?
Es lässt sich viel weniger planen, als einem lieb ist. Ich neige sowieso dazu, mich zu stark vorzubereiten. Diese überambitionierte Herangehensweise kann dann zu Hektik führen, die nur noch anstrengend ist – für mich, den Gast, die Zuschauer. Deshalb muss ich mich immer wieder bremsen und während der Sendung auch mal Pausen oder eine gewisse Leere zulassen. Das gelingt mir zwar selten, aber ich arbeite daran.

Hatten Sie denn schon einmal den Eindruck, dass Ihre Schlagfertigkeit Sie im Stich lässt?
Permanent. Nach der Sendung bin ich immer wahnsinnig schlagfertig, da fallen mir dann die richtig guten Gags ein. Dieses Gefühl, den perfekten Konter verpasst zu haben, kennt ja wahrscheinlich jeder Mensch. Aber Teleprompter kommen für mich nicht infrage. Was passiert, passiert – und was nicht passiert, wird beim nächsten Mal nachgeholt, am besten an einer Stelle, an der es überhaupt nicht passt.

Interview: Martin Weber

Karsten Röhrbein 08.02.2012
Wiebke Ramm 07.02.2012