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21:26 10.05.2015
Sympathisch-böser TV-Schurke: Drogendealer Walter White (vorne) aus „Breaking Bad“. Quelle: Sony Pictures/dpa
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Sie lügen, betrügen, quälen und morden – und werden von den Zuschauern trotzdem geliebt: Moderne TV-Schurken wie der Drogendealer Walter White aus der Kultserie „Breaking Bad“ oder Mafiaboss Tony Soprano aus dem Klassiker „Die Sopranos“ gehen zwar über Leichen, taugen aber trotzdem als Identifikationsfiguren – weil sie eben nicht durch und durch böse, sondern tief darunter auch fürsorgliche Familienmenschen sind. „Das macht das Komplexe und Spannende dieser Figuren aus und sicher auch bis zu einem gewissen Grad das Potenzial, uns an sie zu binden“, erklärt die Medienwissenschaftlerin Kathi Gormász, die eine Doktorarbeit über das Thema geschrieben hat, die jetzt als Buch erschienen ist. Darin erläutert die Medienexpertin aus Berlin, was an bösen Buben in modernen Fernsehserien so faszinierend ist.

Kernthese ihrer Abhandlung: Ein Serienheld heutiger Prägung muss kein Gutmensch alter Schule sein, wie das früher vielleicht einmal war. Er darf auch rauben, brandschatzen und sogar töten, wenn die Zuschauer mit seinen Zielen einverstanden sind, also seine „Motive billigen oder zumindest nachvollziehen können“, sagt Gormász. Wichtigster Knackpunkt ist das Motiv. Chemielehrer Walter White etwa mutiert ja nur deshalb zum Drogenboss, weil er unheilbar an Krebs erkrankt ist und seine Lieben nach seinem Tod versorgt wissen will.

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Im deutschen Fernsehen bekommt der von Bryan Cranston gespielte Serienheld demnächst einen – freilich nicht ganz so abgründigen und rauen – Nachahmer: Bastian Pastewka spielt in einer ZDF-Miniserie einen hessischen Familienvater aus Bad Nauheim, dessen Druckerei kurz vor der Pleite steht und der deshalb zum Falschgeldproduzenten wird. Die Dreharbeiten zu „Morgen höre ich auf“ haben bereits begonnen und dauern noch bis Mitte Juli. Die Akademie für Film- und Fernsehdramaturgie in München und die Produktionsfirma Bavaria Film haben vor Kurzem einen Ideenwettbewerb zum Thema „Antihelden“ ausgeschrieben, an dem sich mehr als 250 TV-Autoren beteiligt haben. Der erste Preis mit einer Fördersumme von 2500 Euro ging an das Autorenduo Axel Melzener und Alexander Frank, die sich eine Fernsehserie ausgedacht haben, die in der Frankfurter Bankenwelt spielt und in der es von zwielichtigen Figuren nur so wimmelt. Auf dem zweiten Platz landete das Konzept für eine Serie, in deren Mittelpunkt eine Frau steht, die einen blutigen Rachefeldzug startet, und auf dem dritten die Idee für eine in Berlin angesiedelte Serie, deren Hauptfiguren allesamt „Antihelden des Alltags“ sind, wie die Jury lobend erwähnte. Ob die Projekte irgendwann einmal ins Fernsehen kommen, steht freilich noch in den Sternen.

Doch worin besteht überhaupt der Reiz von kriminellen TV-Figuren? Sie dienen als Stellvertreterschurken. „Sie können ausagieren, was uns oft verwehrt bleibt“, erklärt Medienexpertin Kathi Gormász die Faszination des Serienkillers Dexter aus der gleichnamigen US-Serie oder des skrupellosen Politikers Frank Underwood („House of Cards“). „Sie müssen keine Rücksicht darauf nehmen, was vielleicht der Gesetzgeber von uns will.“ Dabei – das haben Studien gezeigt – empfinden vor allem Männer häufig Sympathie für TV-Bösewichter. Das hängt vor allem damit zusammen, dass es den Schurken um die Durchsetzung von Macht geht, was typisch männlichen Denkmustern eher entgegenkommt als weiblichen. Eine Einschränkung gilt allerdings auch hier: Durch und durch böse Figuren kommen bei Männern fast genauso schlecht weg wie bei Frauen. Wer abseits jeglicher Moral handelt und keinen triftigen Grund für sein Tun hat, darf kaum auf die Sympathie der Zuschauer hoffen.

Martin Weber

Kathi Gormász: „Walter White & Co – Die neuen Heldenfiguren in amerikanischen Fernsehserien“. Verlag UVK, Konstanz, 264 Seiten, 39 Euro.

10.05.2015
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