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Medien & TV Die Sensation der Banalitäten
Nachrichten Medien & TV Die Sensation der Banalitäten
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00:15 18.12.2013
Huch, schon wieder ein Hundedresseur. Die Gewinner Lucas und Hund Falco aus Wien agieren bei dem Finale der RTL-Castingshow "Das Supertalent 2013" auf der Bühne. Quelle: dpa
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Köln/Augsburg

„Das Supertalent“ ist die Altkleidersammlung unter den RTL-Shows. Hier versammeln sich Menschen, die aus irgendwelchen Gründen für die anderen Shows zu sendefeindlich waren. Es gibt Sänger wie bei „Deutschland sucht den Superstar“, Übriggebliebene wie bei „Schwiegertochter gesucht“, die sich auch für „Bauer sucht Frau“ eignen. Garniert mit süßen Kindern wie bei „Deutschland sucht den Superstar Kids“, Tänzer wie bei „Let´s dance“ und Menschen mit traurigen Schicksalen wie bei „Familien im Brennpunkt“. Ein RTL-Sampler. Und ja, das ist gruselig.

Das Finale des "Supertalents" mit den zehn Kandidaten ist sehr in die Länge gezogen und keiner der Auftritte bietet genug, um mitzureißen. Mit dabei: ein Tänzer, eine Akrobatiktruppe, eine Videokunstcombo, ein Hundedresseur und fünf (!) Sänger. Und genau liegt das Problem: Warum treten Sänger nicht in Gesangsshows, Tänzer nicht in Tanzshows auf? Die zu dreieinhalb Stunden aufgeblasene Sendung kämpft deshalb mit Bravheit und dem Mittelmaß deutscher Durchschnittlichkeit.

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Lukas Pratschker (17) und sein Hund Falco aus Wien haben mit einer Dressurnummer die RTL-Castingshow „Das Supertalent“ gewonnen.

"Supertalent": Aufgeblasenes Abbild deutscher Durchschnittlichkeit

Es ist die siebte Staffel der Sendung, die 40 000 Bewerber hatte. Die Quoten blieben zwar hinter den der vergangenen Jahre zurück, sind aber dennoch ordentlich. Der albern quasselnde Moderator Daniel Hartwich macht den Lanz und stellt peinlich-überflüssige Fragen. „Hast du Lust, aufzutreten?“ begrüßt er Stargast Robbie Williams. „Was ist dein Talent, mit dem heute Abend auftreten möchtest?“, fragt er weiter. Und man schämt sich kurz ein bisschen, so wie in den vergangenen "Wetten, dass...?"-Ausgaben nebenan beim ZDF.

Es ist großer Show-Abend an diesem dritten Adventswochenenende: ZDF gegen RTL, Lanz gegen Bohlen. Dabei eint die beiden Showmaster eins: Sie ist viel gescholten worden in den vergangenen Monaten. Markus Lanz besonders. Die Quoten schlecht, die Kritik vernichtend. Gut 6,5 Millionen Zuschauer in der Novemberausgabe bedeuteten für "Wetten, dass..?" das historische Tief. In Augsbug hat Lanz den twitterfreudigen Boris Becker zu Gast, den gealterten ABBA-Star Björn Ulvaeus, Michael Bublé und - ach, endlich wieder - Michelle Hunziker als Assistentin.

Markus Lanz hat die Vorweihnachtsausgabe seiner ZDF-Show "Wetten, dass..?" über die Bühne gebracht. Als Gäste: Michael Bublé, Ina Müller und Boris Becker.

Bei "Wetten, dass...?" hat Boris Becker dem Moderator Lanz nichts zu sagen

Was Michelle für Lanz ist, ist ein paar Plätze weiter auf der Fernbedienung bei RTL Lena Gercke für Dieter Bohlen. Das ehemalige Klumsche Topmodel trägt blond gewellte Haare, Stirnband, Goldarmreif und ein Metallickleid, was sie zu einer Protagonistin aus „Kampfstern Galactica“ oder Jane Fonda in „Barbarella“ macht.

Weiter bei RTL in Köln. Ein Schlagerbarde quiekt einen Hit von „Deutschland sucht den Superstar“-Siegerin Beatrice Egli, hinter ihm führt unterdessen die RTL-Version des modrigen Fernsehballetts Synchrontanz auf. Als sich ein Tänzer verrenkt, lobt Jurymitglied und Schreihals Bruce Darnell: „Päätrick, wörklich, wörklich, wörklich, du bist so eine tolle Tanzer.“

Die Zuschauer können der Banalität nicht entkommen. Denn das Supertalent spült Menschen an die mediale Oberfläche, die sonst mit der Eintönigkeit des eigenen Daseins kämpfen und einmal, nur einmal etwas schaffen wollen, dass sie später ihren Enkel erzählen können und von dem ein Bild entsteht, dass man sich später mal in einen verschnörkelten Holzschrank stellen kann. Der Eindruck will nicht weichen, dass es an diesem Abend die Bühne des kleinen Mannes ist, der sich wiederfinden soll. Und man fragt sich: Es gibt wirklich noch Menschen, die da mitmachen wollen?

"Meinen nächsten Tinnitus benenne ich nach dir"

Ja, heißt die Antwort wohl. Symptomatisch dafür: Heidi Schimiczek. Sie muss bei den Castings für „Schwiegertochter gesucht“ und „Alexa – Ich kämpfe gegen Ihre Kilos“ gescheitert sein, zudem ist sie unbestritten mit der sächsischen „Maschendroahtzaun“-Sagerin Regina Zindler verwandt. Sie quäkt den Gassenhauer „Er hat ein knallrotes Gummiboot“, wieder albern mit Protagonisten des RTL/MDR-Fernsehballetts. „Keiner kann uns in Las Vegas besser vertreten als du“, sagt Guido Maria Kretschmer. „Meinen nächsten Tinnitus benenne ich nach dir“, grollt Dieter Bohlen. Der Supertalent-Opa Dieter Bohlen ist diesmal nicht krawallbürstig aufgelegt.

In der Werbepause läuft nebenan im Senderdurchlauf „Wetten dass…?“ im ZDF. Markus Lanz führt sich auf wie Daniel Hartwich und Michelle Hunziker sieht mit ihrem weißen langen Kleid und hochtoupiertem Ansatz aus wie Lena Gercke/ Barbarella. Markus Lanz bringt die Vorweihnachtsausgabe des Show-Klassikers einigermaßen unfallfrei über die Bühne. Keine Glanzleistung, aber große Pannen bleiben dem viel kritisierten Moderator erspart. Einzig: Boris Becker hat einfach nichts zu sagen. Vielleicht hätte Lanz einfach mit ihm twittern sollen. Immerhin gewinnen alle Kandidaten ihre Wetten. Siegerin in den Augen des TV-Publikums, das per Telefonvoting abstimmte, war Nina Kaimer aus Augsburg. Die 28-Jährige schaffte es, innerhalb von 30 Sekunden die Zahl der Buchstaben einzelner Begriffe zu bestimmen und die Buchstaben dazu in die alphabetisch richtige Reihenfolge zu bringen. 50 000 Euro sind der Lohn.

Mit dem Alphabet zum Sieg bei Lanz - für die RTL-Show undenkbar

Mit so einer Nummer wäre sie beim "Supertalent" wohl ausgebuht worden. Denn da ist anderes gefragt. Nach dem 17-jährigen Hundedresseur erklärt Dieter Bohlen schon mal, was er für die nächste Staffel (schluck!) sucht: „Besonderheiten, Leute, die mit dem Ohren pfeifen können.“ Letzter Kandidat bei RTL ist ein Italiener. Einer, wie er schon die Fräuleins in den Sechzigern begeisterte; damals, als Südländer in Deutschland noch in höchstem Maß exotisch waren. Aussehen und Deutschkenntnisse des „Kaffeemaschinenzubehörmitarbeiters“ stammen auch noch aus dieser Zeit. Er singt italienische Klassik mit schmerzhaft-verklärter Grandezza in Blick und Gestik.

Ach ja, und dann tritt endlich Robbie Williams auf. Der groß und lange Angekündigte swingt nur ein einziges Lied: „Dream a little dream”. Stimmt, den Traum von der gelungenen Unterhaltung. Auch irgendwie eine Analogie zum ZDF. Da steht Bublé auf der Bühne. Auch der swingt. Muss wohl so sein, kurz vor Weihnachten.

Die Kandidaten beim "Supertalent" sind durch, nun entscheiden die Zuschauer. Zeit, um sich mal die Jury anzusehen: Ein Model, ein Ex-Model, ein Ex-Sänger und ein Modedesigner suchen Deutschlands Talente. Die ehemaligen Gewinner sind: Ein Opernsänger, ein Mundharmonika-Spieler, ein Hundedresseur, ein Klassiksänger, ein Panflötenspieler und noch ein Sänger. Fazit: Bis auf den Hundesdresseur im Jahr 2009 nur Musiker. Hmm.

...und der Gewinner ist: Wieder ein Hundedresseur

Dann wird endlich das Supertalent gewählt: Wieder ein Hundedresseur – Metapher und Höhepunkt der blanken Banalität, die schon das gesamte Format bestimmte. Ob das jetzt die Quoten gerettet hat? Dieter Bohlen interessieren die Zahlen wohl gar nicht mehr, Lanz wird im ZDF jedenfalls gut zugeredet: Um kurz vor 23 Uhr ist Schluss in Augsburg und der "Wetten, dass..?"-Moderator verabschiedet sich von seinen Zuschauern und wünscht ihnen alles Gute für die letzten Tage des Jahres. Seine ganz in weiß gekleidete Assistentin Michelle Hunziker (35), für eine Ausgabe im Notfall-Einsatz, legt ihm kurz einen Arm um die Schulter und sprach ihm aufmunternd zu: "Das machst Du wirklich toll". Ein Supertalent ist er aber wohl nicht.

Von Sabrina Mazzola

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