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Medien & TV Sven Regener über Kunst, Charakter und nervige Internetkommentare
Nachrichten Medien & TV Sven Regener über Kunst, Charakter und nervige Internetkommentare
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20:01 18.05.2011
Sven Regener im Interview. Quelle: dpa
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Sich Sven Regener als nerdigen Blogger mit zugezogenen Jalousien vorzustellen fällt schwer. Können Sie sich an Ihren ersten Blogeintrag erinnern?
Puh. Das ist fünfeinhalb Jahre her.

Kneipe oder im Kaffeehaus?
Ich bin sicher, dass das zu Hause war, weil ich da ’nen Internetanschluss habe.

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Schreibtisch oder Sofa?
Mann! Weiß ich nicht mehr. Damals gab’s noch nicht so viel WLAN oder so was. Ich hatte nur einen Internetanschluss und noch nicht mal einen Laptop.

Für junge Menschen muss das unvorstellbar klingen.
Stimmt. Dabei war die Technik gar kein Problem. Ich musste erst einmal die Zeit dafür finden. Ich habe anlässlich eines neuen Albums von uns (Element of ­Crime, d. Red.) angefangen zu bloggen. Und damals haben wir viele Interviews gegeben. Dann kamen Reisen dazu, Fernsehauftritte, Radiogeschichten. Aber ich fand den spontanen Charakter des Internets einfach interessant.

War es eine Überwindung, einfach loszuschreiben?
Das ist ja für einen Romanautor nicht so schwierig. Aber es ist interessant gewesen, dass das Geschriebene direkt veröffentlicht wird. Bei Romanen schreibt man vier oder fünf Versionen. Wenn man bloggt, ist es gleich im Internet. Dann ist Ruhe im Schiff.

In den Texten schreiben Sie über orthopädische Schuhe. Man könnte meinen, es gehe um Belangloses.
Ja nun, Belanglosigkeit ist ein schwieriges Wort, das auf den ersten Blick un­glamourös wirkt. Aber als Künstler beschäftigen wir uns mit dem, was wir erleben und was uns umgibt. Und ich habe immer auf Trash-Charaktere gesetzt. Zu Beginn habe ich oft als Betrachter nach Bedeutung von Dingen gesucht. Das hatte etwas von Tagebuch. Im zweiten Teil der Textsammlung werden die Gedanken immer seltsamer. Es wirkt so, als würde ich verstiegene Wahnideen aufschreiben – das passt zum Internet.

Tut das einem Buch gut?
Das Buch wird zunehmend bescheuerter. Aber es soll ja auch Spaß machen. Es geht doch auch um Unterhaltung. Die Leute sollen lachen dürfen.

Im Buch kommt ziemlich schnell die fiktive Gestalt Hamburg-Heiner dazu, mit der Sie immer wieder Dialoge führen. Wie kam es zu diesem Sidekick?
Er wird einfach gebraucht. Am Anfang habe ich ihn genommen, damit etwas passiert. Ich bin nicht der Typ, der seinen Alltag im Netz abbildet. Und ich bin auch nicht der Typ, der meint, dass alles wichtig ist, was man macht. Außerdem kann Heiner aus Situationen herausführen. Er ist ein Handlungsbeschleuniger, wenn ich einen Gedanken abbrechen will. Er schlottert mich raus. Zudem brauche ich ihn für die Kunst. Oft sind die Gespräche nur ein Ringen um die Frage: Was macht man da eigentlich?

Manche Rezensenten bemängeln fehlende private Details. Obwohl man viel über die Band und Sie erfährt, bekommt man keinen wirklichen Eindruck von Ihnen. Absicht?
Ich komme aus Bremen. Bei mir gehen bei dem Wort Tagebuch die Warnleuchten an. Das ist eigentlich nicht mein Ding. Tagebuch heißt nicht umsonst auf Französisch „journal intime“. Es ist Privat­sache. Auf der anderen Seite gibt man als Künstler immer ein Stück preis. Aber da entscheidet man, welche Dinge.

Das heißt: Sie lassen immer nur einen kleinen Blick auf sich zu?
Das heißt, dass manche Dinge im Buch wahr sind und manche nicht. Und manchmal sind die unwahrscheinlichsten Dinge wahr. So hat tatsächlich Hamburg-­Altona zu Österreich gehört.

Echt?
Ja! Das glaubt in Hamburg keine Sau. Ich habe das mal bei „Inas Nacht“ erzählt, da wurde es ganz still.

Das Tolle am Web 2.0 ist ja, dass man alles kommentieren kann. Sie lesen aber, so schreiben Sie, niemals die Kommen­tare zu Ihren Einträgen. Warum nicht?
Kein Künstler will Feedback. Künstler wollen Lob! Man kann sich ja mal einen Fan vorstellen, der Vincent van Gogh trifft und so was sagt wie: Hallo, Herr van Gogh, versuchen Sie doch mal etwas weniger Gelb! Das nützt doch nichts. Niemand will Künstler haben, die man belabern kann.

Haben Sie schon einmal getwittert?
Ich habe so neulich ein Interview gemacht – ich war zu langsam. Aber das muss nichts heißen. Twittern ist eine Neigungsfrage. Wie Minigolf. Der eine macht es gern, der andere nicht.

Es gibt einen Facebook-Account von Sven Regener. Sie gefallen mehr als 6000 Menschen. Macht Sie das stolz?
Echt? Das gibt’s? Ich habe mich da noch nicht registriert. Was steht denn da?

Zum Beispiel, wer Sie sind.
Dann war das vermutlich der Verlag. Damit da kein anderer etwas reinschreibt oder sich als Sven Regener ausgibt. So was gibt es ja.

Kann man Blogtexte einfach so vorlesen?
Kann man schon machen. Man muss ein Gefühl dafür kriegen. Und bis jetzt hat sich keiner beschwert. Es sind sehr lustige Abende.

Sie kommen nun auch nach Hannover. Gibt es noch Aufzeichnungen über die Leinestadt in Ihrem Blogarchiv?
Da bin ich mir nicht sicher, da müsste ich nachschauen. Ich habe nicht immer alles einheitlich aufgeschrieben. Aber Hannover trage ich natürlich im Herzen.

Wenn Sie hier sind, könnten Sie neue Aufzeichnungen anlegen.
Nein, das habe ich mir verboten. Bloggen über Touren, bei denen man aus Blogeinträgen über Touren vorliest, ist eine Überdrehung der Schraube. Das geht nicht.

Nicht mal im Internet?
Ich mach’ das jedenfalls nicht.

Interview: Jan Sedelies

18.05.2011
18.05.2011
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