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Nachrichten Medien & TV TV-Castings stecken in der Krise
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20:52 22.02.2012
Brust raus, Bauch rein, Hirn aus: Heidi Klum schleift von Donnerstag an wieder Nachwuchsmodels. Quelle: PRO7
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Hannover

Models, Sänger, Freaks, Köche, Spinner, Comedians – zu Hunderttausenden haben sie sich in den vergangenen Jahren bei Castingshows beworben. Hunderte haben sie sich dem Publikum gestellt. Doch nur wenige wurden zu Stars, die meisten sind längst vergessen. Aber es ist wie immer, wenn sich das Fernsehen einmal in ein Format verbissen hat: Man treibt die Sau so lange durchs Dorf, bis das arme Tier völlig ermattet irgendwo in einer Ecke röchelnd verreckt.

Casting im Sinkflug: Zwar verbuchte die Senderfamilie ProSiebenSAT.1 mit der Show „The Voice of Germany“ einen Überraschungserfolg, doch das Genre Selektions-TV insgesamt zeigt deutliche Ermüdungserscheinungen: Dieter Bohlens Suche nach dem „Superstar“ läuft ordentlich, aber nicht herausragend. Die Show „X Factor“ auf VOX mit Sarah Connor blieb völlig unbedeutend, „Das Supertalent“ im Herbst 2011 brachte es wieder auf hohe Werte, knickte dann gegen Ende aber in der Konkurrenz zu „Wetten, dass ...?“ und auch „The Voice“ ein.

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Wenig Erfolg hat derzeit auch die VOX-Show „Das perfekte Model“. Eva Padberg und Karolina Kurkova gehen ähnlich wie Klum immer dienstags auf die Pirsch nach Nachwuchs. Eine Sendersprecherin räumt ein, in der Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen Zuschauer mit der Show „auf einen durchschnittlichen Marktanteil von 7,0 Prozent“ gekommen zu sein. „Wir hoffen im Laufe der Staffel noch mehr Zuschauer dieser Zielgruppe für das Format begeistern zu können.“ Eine Wiederauflage scheint derzeit in weiter Ferne zu liegen. Auch die Eurovisions-Auswahlshow „Unser Star für Baku“ litt bei PRO7 und in der ARD unter geringem Zuschauerinteresse.

Doch die Altvordern des Gewerbes geben noch nicht auf: Heidi Klum, Karriere-Model aus Bergisch Gladbach mit deutscher und US-amerikanischer Staatsbürgerschaft, geht von Donnerstag an (20.15 Uhr) zum siebten Mal für PRO7 auf die Suche nach Modelnachwuchs. Viel Tamtam begleitet wieder den Start der Fleischbeschau – doch irgendwie schmeckt dieses Mal alles ein wenig anders als früher: Heidis Privatleben hat zu Jahresbeginn Risse bekommen. Nach sieben Ehejahren gaben ihr Ehemann Seal (49) und sie die Trennung bekannt. Die Vorzeigefamilie mit insgesamt vier Kindern existiert nicht mehr in alter Form. Und dann gab es in der Branche immer wieder Gerüchte um ein baldiges Ende ihrer PRO7-Show. „Zu Vertragsinhalten äußern wir uns nie“, sagt Sendersprecher Christoph Körfer.

Der große Glanz, die Hoffnung auf eine echte Karriere, sind mit dem Sehnsuchtsformat ohnehin nicht mehr in Verbindung zu bringen. Die Vorjahressiegerin, Jana Beller, wollte sich nicht von Vater Günther Klum vermarkten lassen und musste auf publikumswirksame Auftritte verzichten. Klum schickte dafür unter anderem die Zweitplatzierte ins Laufsteg-Rennen: Rebecca Mir ist jetzt immerhin „taff“-Reporterin und bei der RTL-Show „Let’s Dance“ auf dem Parkett.

Trotz eher mäßiger Vorzeichen also hoffen 51 junge Damen (von mehr als 15 000 Bewerberinnen) auf ein Weiterkommen. 51 – eine mehr als sonst – deswegen, weil die 20-jährige Vorjahreskandidatin Melek aus Stuttgart nach einer Lymphdrüsenkrebserkrankung mit einer Art „Wild Card“ wieder dabei sein kann. Am Sonnabend beginnen zudem die Mottoshows bei Dieter BohlensDeutschland sucht den Superstar“ auf RTL. Die Quoten der aktuellen Staffel sind in Ordnung, aber niedriger als zuvor. RTL versucht, mit noch schrägeren Bewerbern, noch mehr Sex und noch mehr Alarm neuen Saft aus dem ausgepressten Format zu quetschen. Doch allmählich scheint sich herumzusprechen, dass es nicht zu den Kernkompetenzen einer guten Sängerin gehört, im Bikini am Strand herumzutanzen.

Carsten Rave und Imre Grimm

Karsten Röhrbein 22.02.2012
Nicola Zellmer 21.02.2012