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18:32 01.09.2013
Von Imre Grimm
„Selbst in den USA wäre niemand auf eine solche Idee gekommen“: PRO7-Unterhalter Stefan Raab (von links) begrüßt seine Mitmoderatoren Anne Will, Maybrit Illner und Peter Klöppel im vorbereiteten Fernsehstudio in Berlin. Quelle: dpa
Hannover

Nein, das passte dem ZDF-Chefredakteur gar nicht. Dass da einer, der sonst feixend im Kettcar durchs PRO7-Studio brettert, plötzlich bei den Erwachsenen mitspielen will. Dass dieser „größenwahnsinnige, durchgeknallte ADHS-Teenager“ Stefan Raab („Spiegel Online“), dieser „Metzgershund“ („Focus“) und „König Lustig“ (PRO7) den Altvordern im Politgeschäft die Show zu stehlen droht. „Das Kanzlerduell ist keine Showbühne für die Mätzchen von Moderatoren“, zürnte Peter Frey. Deutschland solle „nicht diskutieren, ob Raab auch Politik kann, sondern wer die oder der Bessere im Kanzleramt ist“.

Deutschland. Kanzleramt. Politik. Als nahe da am Sonntagabend eine Weihestunde der Demokratie, als zerstöre ein Scherzkeks wie Raab nur die Magie der politischen Meinungsbildung – zelebriert von versierten Politmoderatoren wie Maybrit Illner (ZDF), Anne Will (ARD) und Peter Kloeppel (RTL).

Nun ist es jedoch so, dass Deutschland diskutiert, worüber es möchte. Und lange hat Raabs Teilnahme am Duell den Anlass selbst tatsächlich überstrahlt. Medienbranche und Politbetrieb sind bis heute in zwei Lager gespalten: Die einen, wie Frey, fürchten um ihre Deutungshoheit im Politikgeschäft, wenn Raab jetzt auch mit Angela Merkel sprechen darf. „Der Blödsinn muss Grenzen haben“, tadelte „Freitag“-Herausgeber Jakob Augstein. „Selbst in den USA wäre niemand auf eine solche Idee gekommen“, brummelte Ulrich Deppendorf, Leiter des ARD-Hauptstadtstudios. Die anderen feiern Raab vorauseilend als Reanimator eines erstarrten Formats, das seit seiner Erfindung vor 63 Jahren selten mehr war als ein steriles „Best of“ bekannter Floskeln.

Beides ist falsch. Weder wird der 46-jährige „Wadde, hadde, dudde da“-Komponist die Runde im Studio G in Berlin Adlershof zur „Großen TV total Kanzler-Crash-Challenge“ umdeuten. Noch bedeutet seine Anwesenheit einen nennenswerten Paradigmenwechsel in der politischen TV-Berichterstattung insgesamt. Denn das politisch-mediale Establishment lügt sich in die Tasche, wenn es meint, erst Raab betreibe die Entertainisierung der Politik. In Wahrheit hat sich die politische Inszenierung längst den Gesetzmäßigkeiten der Unterhaltung unterworfen. Das begann in den Neunzigern, als Jürgen Möllemann mit Franziska van Almsick huckepack durchs ZDF hopste, und setzte sich in den Nullerjahren fort, als Spaßkanzler Gerhard Schröder bei Thomas Gottschalk und Guido Westerwelle im „Big Brother“-Container den Jungwählern nachjagten. In der Mediokratie 2013 gilt erst recht: Du sollst nicht langweilen.

Überraschend gut verstanden hat das CSU-Veteran Edmund Stoiber, selbst eher unfreiwilliger Komiker („Zehn Minuten! Sie steigen in den Hauptbahnhof ein ...“). Stoiber hatte – als Vorsitzender des ProSiebenSat.1-Beirats – Raab ins Gespräch gebracht. Vordergründig, um Jungwähler zu locken. Hintergründig wohl auch, um Rivalin Merkel eins auszuwischen. Das gelang.

Mögen sich ARD und ZDF auch als letzte Inseln der Ernsthaftigkeit in der Dschungelcamp-Republik verstehen – was ist „Günther Jauch“ im Kern anderes als Politainment? Was ist der Wahlkampf anderes als durchinszeniertes Schauspiel? Sie machen ja alle bereitwillig mit. FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle fühlt sich pudelwohl als inoffizielles Maskottchen von Oliver Welkes „heute show“ im ZDF. Und in den Talkshows sitzen nicht die klugen, aber farblosen Fachleute der Parteien, sondern selbstverständlich die putzigeren, schillernden, munteren Exemplare ihrer Zunft – Wolfgang Kubicki, Claudia Roth, Sigmar Gabriel, Karl Lauterbach, Gregor Gysi, Sahra Wagenknecht. Reine Glückssache, wenn Kompetenz und Charisma mal zusammenkommen.

Die inhaltliche Relevanz bisheriger Kanzlerduelle blieb überschaubar. Neuigkeiten? Wären eine Überraschung. 21 Wahlduelle auf Bundes- oder Landesebene hat Deutschland seit 2002 erlebt, als Stoiber gegen Schröder antrat. Seit dem Klassiker „Richard Nixon vs. John F. Kennedy“, als am 26. September 1960 ein nervöser, kränklicher Republikaner mit Bartschatten im CBS-Studio in Chicago gegen den sonnengebräunten Hoffnungsträger von den Demokraten übel aussah, seziert das Publikum – unterstützt von einem Heer von Experten für Schweißentwicklung, Stirnfalten und Körpersprache, – die Mimik, das Auftreten und die rhetorischen Wirkungstreffer der Kandidaten. Wirkung überlagert Inhalt – es ist das Entertainmentprinzip. Raab hat das nicht erfunden, und er wird das Korsett der Sendung kaum brechen.

Das mediale Getöse um Raab verrät viel über die Unsicherheit der alten Garde, die den schleichenden Trend zur Politikunterhaltung und all die „Bild am Sonntag“-Homestories mit Argwohn sieht, im Geheimen aber auch weiß, dass der Werner-Höfer-Stil mit der Bonner Republik gestorben ist.
Und so steigt die politische Berichterstatterzunft zögernd vom hohen Ross, während sich die Unterhaltung aus dem Schmuddelkeller heraufwagt. Man trifft sich für den Moment auf einer Ebene. Der Wahlkampf 2013 hat eine Vielzahl merkwürdiger TV-Experimente hervorgebracht – im hilflosen Bemühen, die eher desinteressierte Öffentlichkeit aus dem Dämmerschlaf zu wecken. 72 Prozent der Deutschen wollen vom Wahlkampf nichts wissen. Nur 46 Prozent der Jüngeren wissen überhaupt, dass am 22. September eine Wahl stattfindet.

Raabs Heimatsender PRO7 rief mit branchenüblicher Inbrunst die „Election Weeks“ aus und schickte „Topmodel“-Kandidatin Rebecca Mir und Glamourgirl Sophia Thomalla als „Task Force Berlin“ zu den „Jungpolitikern“ der Hauptstadt. Und Stoiber ließ sich einen Bart ankleben und warb in scherzhaften Spots für den Urnengang. „Bei ,The Voice of Germany‘ ist es wie bei der Bundestagswahl“, hieß es bei PRO7 keck. „Deine Stimme ist das Einzige, was zählt.“ Bundestagswahl? Castingshow? Da verschwimmen Grenzen.

Bei RTL ließ sich Steinbrück in Wohnzimmerkulisse von St.-Pauli-Legende Corny Littmann und „Let’s Dance“-Juror Joachim Llambi bestaunen. Merkel hatte es mit TV-Restauranttester Christian Rach zu tun. Heute Abend fragt RTL „Wie tickt Deutschland?“, parallel zelebriert Raab bei PRO7 seine „tv total Bundestagswahl 2013“. Und ARD und ZDF? Probieren ebenfalls vom Talk mit Normalmenschen bis zum Social-Media-Jungwähler-Experiment alles Mögliche aus.

Dabei könnte es auch ganz anders sein, und sogar das TV-Duell ließe sich zum Leben erwecken: Mit einem Moderator statt vieren. Ohne den öden Proporzgedanken. „Wenn vier Leute fragen und zwei Leute antworten, kann kein Gespräch entstehen“, kritisiert nicht nur der Medienexperte Bernd Gäbler. „Sollen sich die Sender halt abwechseln. Ein Moderator reicht.“ Recht hat er. Es muss ja nicht Raab sein.

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