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Nachrichten Medien & TV Eine Bombe, ein Mord und 12 000 Smartphones
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17:21 09.11.2014
Im Hinterhof der Mordkommision: Uwe Lemp (Felix Vörtler, l.), Doreen Brasch (Claudia Michelsen), Jochen Drexler (Sylvester Groth).
Im Hinterhof der Mordkommision: Uwe Lemp (Felix Vörtler, l.), Doreen Brasch (Claudia Michelsen), Jochen Drexler (Sylvester Groth). Quelle: ARD
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Magdeburg

Sie sind ein Paar der Gegensätze. Das ist Konzept. Sie sollten einfach anders sein als die harmonischen halleschen Kommissare Schneider und Schmücke. Als der „Polizeiruf 110“ des Mitteldeutschen Rundfunks nach Magdeburg umzog, wurde alles auf Anfang gestellt. Doreen Brasch ist die Ermittlerin mit Jeans und Lederjacke, die auf dem Motorrad durch die Stadt brettert, am sozial gefährdeten Sohn leidet und auch schon mal kräftig hinlangt. Jochen Drexler hingegen ist der immer korrekte Anzugmann und Krawattenträger, der jeden kleinen Schritt vom Pfad der erlaubten Regeln strikt ablehnt.

Die ruppige Frau und der einfühlsame Mann. Genau das machte den starkene Reiz des ersten Magdeburger Krimis am 13. Oktober 2013 aus. Zumal da mit Claudia Michelsen und Sylvester Groth zwei auftauchten, die auch wortkarg und psychologisch spielen können. Der starke Auftakt bekam einen Riss, als mit dem zweiten Auftritt, am 6. Juli, der auch noch „Abwärts“ hieß, das Anfangsversprechen nicht eingehalten wurde. Die Dialoge wucherten, Sylvester Groth spielte unglaublich manieriert, das visuelle Konzept, das auf atmosphärische Seelenerkundung abhob, blieb Stückwerk.

Nun also nach Sozialdrama und Psycho-Studie der dritte Anlauf: ein stinknormaler, ehrgeizfreier Wer-war-es-Krimi, dafür aber mit einem Ermittlerduo, das sich wieder auf das unaufgeregte Unterspielen besinnt. Das können Claudia Michelsen und Sylvester Groth virtuos. Oft nur mit kurzen, schnellen Blicken und beiseite gekauten Sätzen, mit beredtem Schweigen und dem Nachklang von präzise geschriebenen Sätzen. Besonders in den von Stephan Rick (Regie, Koautor) perfekt parallel montierten Verhörszenen.

Der Krimi läuft anfangs zweigleisig. Es beginnt nachts mit einer Explosion in einem Supermarkt, in der polizeilichen Notrufzentrale droht eine verzerrte Stimme: „Das war erst der Anfang.“ Alle halbe Stunde soll eine weitere Bombe in einer der 16 Filialen der Riva-Kette hochgehen. Die Polizei schwärmt aus. Eine zweite Explosion gibt es nicht, dafür schwimmt am nächsten Morgen Jens Schidlowski, Wachmann im Containerhafen, tot in der Elbe. Er hatte abends nach Ausfall der Videoüberwachung und verdächtigen Geräuschen die Polizei angerufen, doch die war beschäftigt. Nun sind 12 000 Smartphones (Wert: drei Millionen Euro) gestohlen. Kommissar Drexler folgt der Spur der Bombe und stößt auf eine Öko-Anarcho-Gruppe, während Kommissarin Brasch versucht, den Weg der Smartphones zu finden, und dabei an Vanessa Meyerhoff gerät, Politikertochter, Informatikstudentin und immer mal mit Vaters großer Motorjacht unterwegs.

Die beiden Ermittlungen verknoten sich erst, als Drexler dahinterkommt, dass Bombe, Mord und Diebstahl zusammengehören. Die Videoüberwachung des Supermarktes und die des Hafens, entdeckt Computerexperte Kim, wurden beide vom Uni-Server manipuliert. Zum Glück geht der „Polizeiruf“ nicht den Weg so vieler Hackerthriller, nämlich verkopft, verkompliziert und verzweifelt zu visualisieren, was gar nicht zu visualisieren ist, sondern bleibt gelassen. Womit dann auch Kommissar Drechsler seinen Normalton endlich wiederfindet.

Von Norbert Wehrstedt

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