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00:15 18.04.2014
Von Imre Grimm
Die alte Frage, was ARD-Nachrichtenmenschen drunter tragen, wird also endlich beantwortet: Thomas Roth im neuen Studio. Quelle: ARD
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Hamburg

Blau, alles so schön blau hier. Von ihrer Lieblingsfarbe wollen sie nicht lassen bei der ARD, denn Blau – genauer: Saphirblau – ist die Hausfarbe des Ersten. Und eine „Sachfarbe“. Und sachlich soll es bitte schön auch bleiben hier bei „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ in Hamburg-Lokstedt. So sachlich wie eine Scheibe Knäckebrot. Aber in Zukunft vielleicht mit ein bisschen Schnittlauch.

Fast fünf Jahre lang haben sie an ihrer neuen, digitalen Drehscheibe für die ARD-Nachrichten gebastelt. Am Sonnabend um 20 Uhr nun, nach der „Sportschau“, soll sich Jan Hofer zum ersten Mal aus der 320 Quadrameter großen, 23,8 Millionen Euro teuren Newsmaschine melden. Am Dienstag gab’s erstmals einen Einblick ins nagelneue Studio, aus dem täglich bis zu 20 Sendungen für diverse ARD-Kanäle kommen sollen. Am Eingang hängt ein Zettel: „Beim Betreten des Sets bitte links halten.“ Ist halt alles noch neu hier. Im Innern: drei Krankameras, drei Roboterkameras, Teleprompter, ein edler, hanseatisch-maritimer Holzfußboden, zwei sanft geschwungene Stehtische in Bumerangform, blaue Lichtleisten. 

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Deutschlands älteste Nachrichtensendung „Tagesschau“ in neuer Kulisse: Die Sprecher präsentieren das Weltgeschehen in einer moderneren Umgebung. Ein Blick ins neue Studio.

Und da ist sie also, die berühmte Monitorwand, 17 Meter breit, 2,20 Meter hoch, Herzstück und zickige Diva in einem, die im komplexen Zusammenspiel von Software und Hardware monatelang ihren Dienst verweigerte. Doch nun werfen sieben im Boden versenkte Rückprojektoren ein knackscharfes, leuchtendes Rapsfeld sauber auf die 40 Quadratmeter. Das wirkt imposant, aber nicht pompös.

Und plötzlich sieht die gute alte „Tagesschau“ aus wie eine Nachrichtensendung aus dem Jahr 2014: Große Panoramabilder statt kleiner Guckkastenfotos, Ganzkörpermoderatoren, die sich sogar bewegen dürfen, moderne Bildsprache. „Wir stehen nicht mehr vor einem Foto - wir tauchen ein“, freut sich „Tagesthemen“-Moderatorin Caren Miosga. „Endlich stehe ich nicht mehr in einem blauen Kasten, eingezwängt ab Bauchnabel. Ich bin lebendig! Ich habe Füße!“ Die alte Frage, was ARD-Nachrichtenmenschen drunter tragen, wird also endlich beantwortet. „Tja“, sagt „ARD aktuell“-Chefredakteur Kai Gniffke - „Flip-Flops tragen geht dann nicht mehr.“

Seit fünf Wochen läuft der Parallelbetrieb. Sonnabend wird das 15 Jahre alte bisherige Studio abgeschaltet. „Die alte Mühle haben wir runtergeschrebbelt bis Ultimo“, sagt Gniffke ohne Wehmut. In Zukunft wagt man die Quadratur des Kreises: die Neuerfindung einer alten TV-Marke plus sanfte Emotionalisierung durch große Bilder, ohne den Boden der Seriosität zu verlassen. „Die ,Tagesschau' bleibt das journalistische Stahlmantelgeschoss“, verspricht Gniffke, „wir sind humorlos, authentisch und seriös“.

Was haben sie geguffelt beim NDR und anderswo, als sich das ZDF damals mit seinem 30 Millionen Euro teuren, fast komplett virtuellen „heute“-Studio blamierte. Da flogen die Schlagzeilen lustig über den Bildschirm, da kippten die Fotos aus ihrem digitalen Rahmen, man sprach von der „grünen Hölle“ des ZDF. Doch Hochmut kommt vor dem Fall: Lange sah es so aus, als ob auf die „grüne Hölle“ von Mainz die „blaue Hölle“ von Hamburg folgt. Die israelische Fachfirma Orad („weltweit führender Anbieter für Echtzeit-3-D-Broadcasting-Grafiklösungen“) musste monatelang kostenlos nacharbeiten. Die Sache drohte zur Elbphilharmonie der ARD zu werden. Mehrfach wurde der Start verschoben.

Doch jetzt sind sie sich sicher: Es läuft. „Echt“ wollen sie wirken, anfassbar und optisch weniger egal. Sie wissen genau, dass die alte „Tagesschau“ zumeist durchrauscht und spätestens um 20.15 Uhr vergessen ist. „Fotojournalismus“ soll nun als Gefühlsanker dienen. Aber: keine Moderation um 20 Uhr. Es bleibt beim klassischen Sprecher. Und die Fanfare? Bei der „Tagesschau“ setzt man weiter auf den leicht aufgefrischten, vertrauten Klassiker der sechziger Jahre. Für die „Tagesthemen“ hat der Bremer Komponist Henning Lohner im Studio von Hollywoodtonkünstler Hans Zimmer eine ganz neue, ziemlich dramatisch-dräuende Tonfolge komponiert.

 

Von „Modulen“, war bei der Präsentation viel die Rede, von „Flowering-Effekten“, „Havarieszenarien“, „Soft-Edging“ und „HD-Upscaling“. Aber hier geht’s nicht nur um frische Technik für TV-Nerds, hier geht’s darum, einem 60 Jahre alten Klassiker den Weg in die Zukunft zu ebnen – oder wenigstens in die Gegenwart. Denn die „Tagesschau“ ist mit ihrer statischen Erzählform ein medialer Anachronismus: Hörfunk im Fernsehen, bildtechnisch so redundant, dass NDR Info sie verlustfrei im Radio überträgt. Das gibt’s fast nirgendwo auf der Welt mehr, dass in den nationalen Hauptnachrichten jemand einfach nur Zettel vorliest, höchstens noch im „koreanischen Fernsehen“, wie ausgerechnet ZDF-Anchor Claus Kleber jüngst lästerte. Es ist derzeit das wichtigste Prestigeprojekt bei der ARD, den Spagat zwischen tradierter Nüchternheit und edler Verjüngung zu schaffen. Zeitgemäß, aber nicht zeitgeistig – das ist das Ziel. Die ersten Tests sehen vielversprechend aus.

Fast wie Galgenhumor wirkt ein selbstironischer Clip, den der NDR produzierte. Aus einer Collage verschiedener Moderationsschnipsel von Judith Rakers, Jan Hofer, Linda Zervakis & Co. ergibt sich der Satz: „Nach Auffassung politischer Beobachter ist die ,Tagesschau‘ ein alter Hut und überhaupt nicht mehr zeitgemäß.“ Der Witz ist: Das ist gar kein Witz. Das ist die Wahrheit. Das neue Studio ist der überfällige Versuch, die Gestrigkeit abzustreifen, ohne zum digitalen Spielzimmer für virtuelle Knöpfchendrücker und Diagrammschubser zu werden. „Die ,Tagesschau' bleibt die ,Tagesschau'“, sagt Gniffke. Und guckt, als wolle er sagen: Aber die Videowand ist cool, oder?

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