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00:19 02.11.2015
Kai Perlmann (Sebastian Bezzel, l.) bangt um ein Baby. Quelle: ARD
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Hannover

Kahle Natur am Bodensee-Ufer. Eisig klebt Reif auf Schilf, das sich frostig im kalten Wind biegt. Frost liegt auch in der Stimme von Kommissarin Blum. Kollege Perlmann lässt Atemfahnen wehen und steht rum. Das macht Klara Blum fuchsig. Die SMS, die die Polizei nachts erreichte, war eine klare Ansage: "Ich bin tot. Schilf am Ende vom Winterer Steig. Kümmern Sie sich um mein Baby. Bitte schnell."

Der Hilferuf kam vom Handy, das Vanessa Koch gehörte. Die liegt, erschlagen mit einem Beil, im Schilf – mit 2,3 Promille im Blut und Hämatomen am Arm. Kommissarin Blum scheucht alle auf: Das Baby muss gefunden werden.

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Es wird gefunden – stark unterkühlt. Der Arzt befürchtet Hirnschäden. Perlmann fühlt sich schuldig und sitzt immer wieder am Klinikbett des Kindes, während der Kreis der Verdächtigen bald eng begrenzt ist: Penner und Punker, Gestolperte und Gestürzte, die in einer vermüllten Baracke zwischen Schnaps und Schmutz leben. Auch Hagen Bützow, der Ex-Polizist mit der lockeren Hand, der nicht nur eine 18-Jährige im Verhör verprügelte, sondern auch seine Frau, die sich scheiden ließ, und die ermordete Vanessa, die ihn verließ.

Am Abend ihres Todes hatte sie mit der Runde gezecht – und mit Franzi, dem Junkie, gestritten. Vanessa hatte nicht nur Hagen, sondern auch Urs, dem Ex-Handwerker, der von Hagen wegen irgendetwas erpresst wird, gesagt, dass er der Vater ihres Alexanders sei.

Wieder einer dieser zur Tradition gewordenen "Tatorte" vom Bodensee, der Kommissarin Blum als Samariterin zum Ermitteln schickt. Jetzt trifft die Hilfsbereitschaft Junkie Franzi. Die Ermittlerin verhaftet diese auf dem Strich und setzt sie in der Zelle auf kalten Entzug. Was nichts hilft.

Aber Perlmann, der schuldbeladen und kleinlaut herumschleicht, kommt über Franzis Dealer auf einen gestohlenen und versetzten Ring, der immerhin 9900 Euro wert ist – und von Vanessa geklaut wurde. Was den Krimi zum Musikproduzenten Evers führt, der mit einer seltsamen Groupie-WG in seiner Villa lebt und einen geheimnisvollen Anruf von Vanessa in der Mordnacht bekam.

Die Krux der Krimis vom Bodensee setzt sich in "Côte d’Azur" fort: Er kommt aus dem Bastelkasten. Er bringt prekäres und protziges Milieu zusammen und tut die Ermittler als moralische, bisweilen arrogante Instanz dazu. Die kalten Landschaften spiegeln dann allemal die Kälte im Sozialen wider.

Wobei Regisseur Ed Herzog mit der Gruppe der Ausgestoßenen durchaus ein paar starke Charakterporträts gelingen. Was natürlich mit den Darstellern zu tun hat, mit Peter Schneider ("Nackt unter Wölfen") als Urs, Andreas Lust ("Der Räuber") als Hagen und Friederike Linke als zerbrechliche, unstete Franzi.

Keine Überraschungen aus Konstanz also, aber solide Hausmannskost. Immerhin biegt das Duo Blum/Perlmann (Eva Mattes, Sebastian Bezzel) mit seinem 25. Fall seit 2004 auf die Zielgerade ein. 2016 kommen die letzten Ermittlungen, dann ist Schluss.

Merkwürdigerweise verschweigt der SWR auf seiner "Tatort"-Seite, dass Klara Blum bereits ein Krimileben vor Perlmann hatte. Im April 2002 war sie mit dem Polizeichef verbandelt, der allerdings den ersten Fall nicht überlebte. Den Mann spielte Michael Gwisdek, der den Fall zu einem skurrilen Trip machte. Offenbar sollte es dann ernster zugehen.

So wurde Klara Blum, im Büro getrieben von der babbelnden Assistentin Beckchen, zur mütterlichen, einfühlsamen, warmherzigen Kommissarin. Ob diese Kurve die richtige Richtung war, bleibt die ewige Frage.

Tatort: Côte d’Azur | ARD
Krimi vom Bodensee
Sonntag, 20.15 Uhr
Bewertung: Vier von fünf Sternen

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