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Medien & TV „Tatort“-Kommissarin Odenthal ermittelt zwischen Schweinehälften
Nachrichten Medien & TV „Tatort“-Kommissarin Odenthal ermittelt zwischen Schweinehälften
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16:49 31.12.2011
Von Stefanie Nickel
Im Schlachthaus: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) auf der Suche nach Beweisen, dass beim Fleischkonzern Metropol nicht alles mit rechten Dingen zugeht.
Im Schlachthaus: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) auf der Suche nach Beweisen, dass beim Fleischkonzern Metropol nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Quelle: ARD
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Hannover

Dicht gedrängt stehen Schweine auf einer Verladerampe und grunzen heftig. Immer wieder versucht ein einzelnes Tier, dem sicheren Tod im Schlachthaus zu entkommen, es stemmt sich gegen die Masse und versucht in die entgegengesetzte Richtung zu marschieren. Aber die industrialisierte Fleischverarbeitung kennt keine Ausnahmen. In der nächsten Szene wird ein dünnes Stück Fleisch über ein Fließband befördert, in Ei gebadet, in Panade gewälzt und schließlich in heißem Fett gebraten. Auch Steffi Pietsch (Idil Üner) hat an der Bratenstraße gearbeitet. Bevor sie tot unter einer Brücke aufgefunden wurde. War es Selbstmord, oder musste Steffi Pietsch sterben, weil sie zu viel über den Betrieb wusste?

Der Ludwigshafener „Tatort“ „Tödliche Häppchen“ hat die Fleischbranche zu seinem Thema gemacht. Unerwartet kommt das nicht – eher ein wenig wahllos. Denn manchmal scheint es, als könnte man Wetten mit ziemlich sicheren Gewinnaussichten darüber abschließen, welches „Tagesschau“-Thema es demnächst wieder in den „Tatort“ schafft. In der Vergangenheit hatten die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, der Nahostkonflikt, der Afghanistan-Krieg, aber auch umweltpolitische Themen wie Gentechnik genügend Nachrichtenwert, um von „Tatort“-Schreibern durch den Drehbuchwolf gejagt zu werden. Die Machenschaften der Fleischindustrie hatten in diesem Reigen noch gefehlt. Schließlich gaben der Dioxinskandal sowie die Befunde über einen zu hohen Antibiotikaeinsatz in deutschen Mastställen den „Tatort“-Machern aber Anlass genug, das Thema zu ihrem zu machen.

Der Schauplatz für die Ermittlungen von Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Kopper) ist nun also ein Schlachthof. Überall baumeln Schweinehälften von der Decke herab. In Schubkarren werden gehäckseltes Fleisch und Innereien umhergefahren. Die Kommissare vermuten, dass der „Metropol“-Konzern seine Schlachtabfälle verbotenerweise selbst entsorgt, um damit Geld zu sparen. Steffi Pietsch soll Videoaufnahmen gehabt haben, die dies beweisen, sie wurden ihr – so der Verdacht – schließlich zum tödlichen Verhängnis.

Der Schlachthof mit all den abgetrennten Schweineköpfen und den vor Todesangst panisch schreienden Schweinen hätte die perfekte Kulisse für einen schaurigen „Tatort“ abgeben können. Das Thema der Fleischproduktion und -verwertung hätte trotz all der Vorhersehbarkeit das Zeug für einen kritisch reflektierten Krimi gehabt. Doch leider ist „Tödliche Häppchen“ weder das eine noch das andere, weder spannend noch klug. Der Regisseur und Drehbuchautor Josh Broecker konzentriert sich nicht auf die eigentliche Geschichte. Stattdessen irrlichtert er mit einer Vielzahl von Nebenfiguren auf Nebenschauplätzen in Nebenhandlungen umher.

Bei so vielen Abwegen verkommt die Kritik im Profanen. Allzu oft verebbt sie in konstruierten Dialogen, in Aussagen von Nebenfiguren. In der psychiatrischen Praxis, die die getötete Steffi Pietsch wegen ihrer vermeintlichen Depressionen besucht haben soll, zitiert ein Patient gegenüber Kommissar Kopper Zola und Schopenhauer: „Wer Tiere isst, kann kein guter Mensch sein“, und „Die Sache der Tiere steht höher für mich, als mich lächerlich zu machen“. Der Tiermediziner Dr. Rudolf begrüßt die Kommissarin Odenthal konspirativ mit den Worten: „Sie kommen wegen der Massenmorde. Jeden Tag. Schweine. Bei Metropol.“ Solche Sätze werden nicht in einen größeren Zusammenhang gestellt, sie laufen letztlich nur ins Leere.

Da nützt es auch nichts, dass Kopper plötzlich Tofuwurst und Salatburger isst.

„Tödliche Häppchen“ / ARD / Sonntag, 1. Januar 2012, 20.15 Uhr

Imre Grimm 31.12.2011
29.12.2011