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Medien & TV Brautstrauß für Boerne
Nachrichten Medien & TV Brautstrauß für Boerne
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10:45 30.05.2015
Von Michael Pohl
Traumpaar: Kommissar Thiel (Axel Prahl, r.) und Prof. Boerne (Jan Josef Liefers) mimen ein heiratswilliges Homosexuellenpaar. Foto: ARD
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Ein schwuler ­Boerne? Das klingt gefährlich nach „Charlys Tante“, nach Crossdressing-Klamotte mit Klischeegefahr, ist aber vergleichweise aushaltbar und komisch inszeniert.

„Der Kriminalfall dient eher dazu, die Marotten und Eigenheiten unserer Figuren ins rechte Licht zu rücken“, schreibt das Autorenpaar Stefan Cantz und Jan Hinter über seinen neuen „Tatort“. Und zum Glück liegen die beiden damit diesmal daneben. Genau dies war ja oft die Schwäche ihrer Krimis: Die Fälle verkamen zum bloßen Vorwand für die pointenreichen Dialogduelle zwischen Thiel (Axel Prahl) und dem blasierten Gerichtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers). Komisch war das immer; aber oft eben kaum Krimi.

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„Erkläre Chimäre“ hingegen ist dem verspielten Titel zum Trotz eine gelungene Kombination beider Ebenen: Cantz und Hinter, deren Zusammenarbeit 2001 bei einem „Tatort“ aus Köln begonnen hat - bevor sie kurz darauf Thiel und Boerne erfanden -, haben sich mit ihrem zehnten Drehbuch für das konträre Duo aus Münster eine originell und im Grunde absurde Geschichte entwickelt, die aber trotzdem noch realistisch genug bleibt, um möglich zu sein. Die größere Qualität liegt jedoch in der gelungenen Verschmelzung von Krimi und Comedy.

Boerne hat also diesen Patenonkel in Amerika, auf dessen Erbe er spekuliert, und da der gute Gustav (Christian Kohlund) homosexuell ist, will er es ihm gleichtun und gibt ausgerechnet Thiel als seinen Ehemann aus. Als es den Onkel nach Münster verschlägt, bleibt dem Kommissar nichts anderes übrig, als den schwulen Gatten zu mimen, denn er steht tief in Boernes Schuld: Der hat ihm nach einem feuchtfröhlichen Abend, mit dem sie die Beförderung von Nadeshda (Friederike Kempter) gefeiert haben, mit einem Luftröhrenschnitt das Leben gerettet, als Thiel an einem Häppchen zu ersticken drohte.

Schon diese Einführung würde anderswo locker für einen kompletten Film reichen, aber bei Cantz und Hinter ist sie bloß das Vorspiel. Trotzdem führt sie bereits mitten hinein in den Fall, denn der junge Mann, der kurz drauf mit aufgeschnittener Kehle gefunden wird, ist niemand anders als Gustavs Lebensgefährte. Wie das alles miteinander zusammenhängt, warum Münsteraner Honoratioren in den Fall verwickelt sind, welche Rolle ein Sextett sündhaft teurer Champagnerflaschen spielt und warum sich plötzlich alle Beteiligten im Krankenhaus wiederfinden, ist waghalsig konstruiert; aber dank des außergewöhnlichen Drehbuchs und der Umsetzung durch Kaspar Heidelbach (sein fünfter „Tatort“ aus Münster) fühlt es sich nie so an.

Außerdem gelingt den Autoren das Kunststück, eine Fülle an Informationen mit gelassener Beiläufigkeit zu vermitteln und dennoch die Zeit für viele komödiantische Kleinodien zu finden. Wie die beiden sich gegenseitig an ihrer Kleidung herumzupfen, erinnert erschreckend an Paare, die sich seit Jahrzehnten vor dem Gang durch die Wohnungstür gegenseitig kontrollieren. Eine Verkettung unglücklicher Ereignisse hat zudem zur Folge, dass das halbe Ensemble versehrt ist: Nach dem Luftröhrenschnitt hat Thiel eine Stimme, die ähnlich rauchzart klingt wie die der rauchenden Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann), die sich wiederum wegen eines Eingriffs in einer Klinik aufhält; und weil Nadeshada von einem flüchtigen Verdächtigen niedergeschlagen worden ist, landet sie im gleichen Zimmer wie Frau Klemm und hört sich vorübergehend so an, als hätte sie ganz schlimme Nasenpolypen.

Der Titel charakterisiert exakt die Stimmung des Films, der ungemein lässig eine Vielzahl weiterer Gags und Pointen aus dem Ärmel schüttelt. Der Reim signalisiert das Augenzwinkern, aber der medizinische Fachbegriff Chimärismus liefert die Lösung für den Fall, der kriminalistisch durchaus anspruchsvoll ist: weil die DNA-Analyse an einem weiteren Tatort den Schluss nahelegt, als habe der erste Tote postum einen Mordversuch begangen. Die Auflösung am Ende ist allerdings eine kleine Enttäuschung. Boerne muss die Zuschauer in die Fachwelt der Medizin einführen, um den Begriff „Chimäre“ zu erläutern. Eine Aufklärung im Abspann wäre kaum weniger spannend gewesen.

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