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Nachrichten Medien & TV So gut ist der neue Tatort
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00:15 13.10.2015
Von Christiane Eickmann
Fassungslos: Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) und Falke (Wotan Wilke Möhring) betreten die Zelle des Verstorbenen. Quelle: NDR
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Hannover

Leise ist die Deutschlandhymne zu hören. Ein Auto fährt durch das niedersächsische Salzgitter. Die Kamera folgt dem Blick des Fahrers. Der sieht Einfamilienhäuser, Kleingärten, Deutschlandfahnen, die „Blumenboutique Warmbold“ und den türkischen Bäcker „Eren“. Alles wirkt trist und grau. Der „Tatort“ mit dem Titel „Verbrannt“ verhandelt nicht nur einen Kriminalfall, er spiegelt deutsche Befindlichkeiten wider, das wird schon im Intro deutlich. Zehn Jahre ist es her, dass Oury Jalloh aus Sierra Leone im Keller eines Dessauer Polizeireviers qualvoll verbrannte. Und doch ist sein trauriger Tod vor dem Hintergrund der derzeitigen Debatten um Flüchtlinge und Rassismus hochaktuell. Der „Tatort“ greift Jallohs Tod auf und leistet damit einen Diskussionsbeitrag zur sogenannten Flüchtlingskrise.

Nun ist der reale Fall Jalloh, der bis heute nicht lückenlos aufgeklärt ist, derart ungeheuerlich, dass der „Tatort“ leicht zur plumpen Schwarz-Weiß-Geschichte über böse deutsche Polizisten hätte werden können. Doch in diese Falle sind Regisseur Thomas Stuber (bei seiner „Tatort“-Premiere) und Drehbuchautor Stefan Kolditz („Unsere Mütter, unsere Väter“) nicht getappt. Vor allem weil sie den beiden glaubhaft und berührend spielenden Hauptdarstellern Wotan Wilke Möhring (Kommissar Thorsten Falke) und Petra Schmidt-Schaller (Kommissarin Katharina Lorenz) so viel Raum gegeben haben.

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Aus der Sicht der beiden BKA-Beamten wird der Fall erzählt. Als Falke und seine Kollegin zwei vermeintliche Schleuser aus Afrika festnehmen wollen, schlägt einer der Verdächtigen die Kommissarin nieder. Falke prügelt daraufhin enthemmt auf den Mann ein. Schon diese Szene macht es dem Zuschauer nicht leicht. Der eigentlich sympathische Falke – ein Polizist, der einen Afrikaner fast bewusstlos schlägt?

Das schlechte Gewissen ereilt Falke schon bald. Zunächst muss er erfahren, dass er keinen Schleuser, sondern einen regulären Asylbewerber verdroschen hat. Und als er den Fall abschließen will, ist der Afrikaner tot. Er verbrannte noch in der Nacht seiner Festnahme in seiner Gefängniszelle. Schnell ist von Selbstmord die Rede. Doch Falke hat Zweifel und reißt den Fall an sich. Gemeinsam mit seiner Kollegin versucht er nun, ein Verbrechen aufzuklären, ohne eine brauchbare Zeugenaussage zu haben. Die Polizisten der Wache halten zusammen.

Falke und Lorenz stecken bald tief in Identitäskrisen, zweifeln an ihrem Job. Und beide gehen ganz unterschiedlich damit um. In einer wunderbaren Szene liegt Falke im Hotelzimmer und hört laut System of a Downs „Toxicity“, während Lorenz nebenan weinend ihrer Mutter am Telefon erzählt, dass sie ihren Job aufgibt. „Verbrannt“ ist stilistisch ein überdurchschnittlicher „Tatort“. Möglicherweise war er auch deshalb bereits vorab in zahlreichen Kinos zu sehen. Die Kamera rückt häufig nah an die Gesichter der Ermittler. Viele der dokumentarisch wirkenden Szenen spielen im Dunkelen oder Düsteren, dennoch wirkt das Licht-Schatten-Spiel nie aufgesetzt. Und es gibt viele kleine, böse Anspielungen. So tauschen die beiden als Schleuser verdächtigten Afrikaner keine Pässe, sondern Panini-Fußballbildchen, und beim Grillabend des Dienststellenleiters läuft ausgerechnet der Song „Black Magic Woman“. Lediglich das Ende ist mit unnötigen Anspielungen auf die Nibelungensage etwas dick aufgetragen. Das Unbehagen über die Hintergründe der Tat wäre auch so geblieben.

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